Berufe und Ausbildung

Vom Nutzen der Wissenschaft für das Theater

Institut für Theaterwissenschaft Freie Universität Berlin (um 1900); Foto: FU BerlinTraditionelle theaterwissenschaftliche Studiengänge bekommen immer mehr Konkurrenz von praxisbezogenen Dramaturgiestudiengängen, die nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine berufsorientierte Ausbildung versprechen. Welchen Sinn macht es dann noch, Theaterwissenschaft zu studieren?

Umbrüche im Feld des Wissens

Wir leben in einer Zeit, in der die Art und Weise, Wissen zu generieren und zu institutionalisieren, sich so radikal wie vielleicht seit 200 Jahren nicht mehr verändert. Symptom dieser Veränderung ist die allgegenwärtige Forderung, Theorie und Praxis müssen sich einander annähern. Unter dem neuen Primat der Ökonomie muss auch an Bildungseinrichtungen wie den Universitäten theoretisches Wissen praktisch anbindbar und verwertbar sein. Umgekehrt muss die Praxis von theoretischer Reflexion durchzogen sein, um sich zu legitimieren. Damit verändern sich beide, die Theorie wie die Praxis, was sowohl die Art und Weise, wie Theater gemacht wird als auch wie über es nachgedacht wird, radikal verändert. Kunst zu machen gilt heute auch als Forschung, die der wissenschaftlichen Forschung ebenbürtig ist. Umgekehrt ist Wissenschaft ein kreativer Prozess, dessen Erkenntnisse keineswegs mehr den Anspruch allgemeingültiger Wahrheit erheben können.

Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen; © Jörg BaumannIn diesem Sinne nähern sich die Theaterwissenschaft als relativ junge akademische Disziplin und die Dramaturgie als eine Praxis des Theaters einander an. Die „praktische Wende“ in der Theaterwissenschaft hat sich an Instituten in Gießen oder in Hildesheim schon längst vollzogen. Dort studiert man Theaterwissenschaft in engem Bezug zu praktischer Theaterarbeit. Umgekehrt sind in jüngster Zeit an Universitäten (etwa in Frankfurt am Main und München) wie an Kunsthochschulen (in Ludwigsburg und demnächst auch in Berlin) zahlreiche Dramaturgiestudiengänge entstanden, in denen Dramaturgie nicht mehr nur als Handwerk, sondern überhaupt erst als spezifisches Feld des Wissens etabliert wird, das studierbar und damit in gewisser Wiese theoretisierbar ist. Warum also noch Theaterwissenschaft studieren, wenn die praktische berufsbezogene Ausbildung doch auch theaterwissenschaftliche Inhalte vermittelt?

Theaterwissenschaftliche Inhalte

Institut für Medien und Theater der Stiftung Universität Hildesheim; © Olaf MahlstedtUm sich von den Literaturwissenschaften und ihrer Beschäftigung mit dem dramatischen Text abzugrenzen, betrachtet die Theaterwissenschaft traditionellerweise die Aufführung als ihren Gegenstand. Theaterwissenschaftler beschäftigen sich also mit der Analyse von Theateraufführungen, deren künstlerischer Verfahren durch die spezifische Verwendung verschiedener Mittel wie Licht, Raum oder Kostüme. Sie fragen damit nach der Hervorbringung von Bedeutung und der Konstitution von Erfahrung im Austausch zwischen Bühne und Zuschauerraum. Daran schließen sich immer stärker Fragen nach dem Verhältnis des Theaters zu neuen Medien an, die unsere Wahrnehmung auch im Alltag stark prägen und verändern. Darüber hinaus kommt es zu einer verstärkten Hinwendung zum Probenprozess, da dieser das „Produkt“ der Aufführung maßgeblich prägt. Wie gestalten sich Probenprozesse als Entscheidungsprozesse im Hinblick auf das, was die Inszenierung erzählen will? In der Frage nach dem Verhältnis von Text und Aufführung also, in der Frage nach dem Erzählen und der theatralen Umsetzung der Geschichte, ergeben sich zahlreiche Berührungspunkte zu Fragen der Dramaturgie. Auf der anderen Seite stehen in den Dramaturgiestudiengängen auch die praktischen Aufgaben des Dramaturgen im Probenprozess zur Debatte und damit seine Fertigkeiten, diesen zwischen den verschiedenen Instanzen des Theaters zu vermitteln.

Die Frage nach einem anderen Theater

Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg in Ludwigsburg; © ADK Baden-WürttembergTrotz der gegenseitigen Annäherung beider Studienrichtungen bleibt doch ein zentraler Unterschied bestehen. Bei aller Praxisbezogenheit bleibt ein theaterwissenschaftliches Studium idealerweise zunächst von den Zwängen der Produktion und des Marktes entbunden. Es ist gerade diese Zweckfreiheit von praktischen Belangen bei gleichzeitiger Nähe zur Praxis in der Art zu fragen und zu forschen, die die Theaterwissenschaft in vielen Facetten von der Dramaturgie unterscheidet. Dadurch muss sie sich nicht nur den vermeintlichen Gesetzmäßigkeiten und Gepflogenheiten eines existierenden Theaterbetriebs stellen, sondern kann diese auch kritisch betrachten und hinterfragen. Theaterwissenschaft stellt so immer auch die Frage nach einem anderen potenziellen Theater. Sie fragt nach dem Theater, das es noch nicht gibt und vielleicht auch nie geben wird.

Institut für Theaterwissenschaft der Ludwig Maximilians-Universität München; © Christine KneifelDieser zentrale Befund für das Selbstverständnis der Theaterwissenschaft als kritischer Wissenschaft lässt sich auch auf die theatergeschichtliche Forschung beziehen. Weit davon entfernt eine bloße Faktensammlung zu sein, untersucht sie historisch je spezifische theatrale Gefüge und fragt nach den Implikationen, die diese für das Verhältnis der Menschen zur Struktur von Macht und Gesellschaft haben. Mit ihrer performativen und kulturwissenschaftlichen Wende hat sich die moderne Theaterwissenschaft zu einer geisteswissenschaftlichen Grundlagendisziplin entwickelt, deren Inhalte und Methoden nicht auf das pragmatische Trouble-Shooting im Probenprozess oder auf Fragen nach Erzählverfahren zu reduzieren ist. Geht man davon aus, dass Gesellschaften sich über verkörperte und theatrale Praktiken herausbilden und stabilisieren, eröffnet sich der Theaterwissenschaft ein Untersuchungsfeld, das weit über die Analyse von Texten und Aufführungen im Rahmen der Kunst hinausgeht.


Theaterwissenschaft im deutschsprachigen Raum, Sonderheft Forum Modernes Theater, Tübingen: Narr Verlag, 2010
Dr. Gerald Siegmund
ist Professor für Tanzwissenschaft mit dem Schwerpunkt „Choreografie und Performance“ an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er ist Mitglied des Beirats „Theater und Tanz“ des Goethe-Instituts.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Dezember 2011

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de