Der Streik und die Kunst – die Rolle der Gewerkschaften in der deutschen Theaterlandschaft

Es wurde gekämpft, gestritten und gestreikt. Welche Rolle spielen heute noch die Gewerkschaften in der deutschen Theaterlandschaft?
November 2008. In der Frankfurter Oper haben Verdis Räuber Premiere. Die Musiker des Museumsorchesters stehen vor dem Musiktheater und demonstrieren. Im Orchestergraben sitzt ein einsamer Repetitor und begleitet die Aufführung. Er ist der Held des Abends, die Zuschauer bejubeln ihn. Die meisten von ihnen zeigen Verständnis für das Anliegen der Musiker.
Vier große Gewerkschaften
Das populäre Bild des Künstlers ist immer noch von romantischen Vorstellungen geprägt. Er soll sich aufopfern für seine Sache, wenn nötig Tag und Nacht arbeiten, an Qualität denken, nicht an seinen Verdienst. Doch natürlich sieht die Realität so aus, dass auch Schauspieler und Musiker Familie haben und Miete zahlen müssen. Außerdem kriegt man auf Dauer kaum gute Kräfte, wenn man sie nicht anständig bezahlt. Die Theaterbeschäftigten sind in vier großen Gewerkschaften organisiert. Die zahlenmäßig stärkste ist die DOV (Deutsche Orchestervereinigung), die gleichzeitig Berufsverband und Gewerkschaft für Berufsmusiker ist mit 13.200 Mitgliedern (Stand 2009). Die zweitgrößte heißt ver.di. Hier sind vor allem die nicht künstlerischen Mitarbeiter organisiert, Verwaltung und nicht künstlerisch arbeitende Techniker, ungefähr 12.000 derzeit. Die Solisten sowie die künstlerisch-technischen Mitarbeiter haben ihr Zuhause bei der Genossenschaft der deutschen Bühnenangehörigen GBDA (7.000 Mitglieder). Chorsänger und Tänzer sind vor allem bei der Vereinigung deutscher Opernchöre und Bühnentänzer VdO.
Steigende Löhne gefährden Theater
Hauptaufgabe der Gewerkschaften ist es, zu verhindern dass die Gehälter der Theaterbeschäftigten von der allgemeinen Lohnentwicklung im öffentlichen Dienst abgekoppelt werden. Bisher werden die Vereinbarungen – zumindest in den alten Bundesländern – für die Künstler übernommen. Aber die Schulden der Kommunen steigen, sie müssen sparen. Nach den vielen Kürzungen der vergangenen Jahrzehnte gibt es bei den Theatern kaum noch Spielräume. Manche Städte wie Essen oder Mönchengladbach haben sich einfach geweigert, die Lohnerhöhungen im öffentlichen Dienst für ihre Bühnen zu übernehmen. Was völlig absurd war, da sie sie ja selbst ausgehandelt haben, größtenteils zahlen die Städte sie nun doch. Denn aufgrund der kurzen Arbeitsverträge (meistens nur ein Jahr) müssten die Theater Schauspieler und Sänger entlassen, könnten zudem keine Gäste engagiere und bald nicht mehr spielen. Die Lohnerhöhungen hätten die absurde Folge, dass Theater schließen müssten.
Mitarbeiter verzichten freiwillig auf Geld
In Ostdeutschland gibt es oft verhältnismäßig große Theater in kleinen Städten, ein Erbe der DDR. Um es den oft notleidenden Kommunen zu ermöglichen, ihre Bühnen zu halten, wurden fast überall Haustarifverträge abgeschlossen. Darin verzichten die Theaterbeschäftigten auf Lohnerhöhungen und Weihnachtsgeld, damit ihre Jobs erhalten bleiben. „Die Haustarifverträge sollten damals einen momentanen Engpass überbrücken“, erläutert Hans-Christoph Kliebes, der Präsident der GDBA. „Inzwischen sind sie eine Dauereinrichtung geworden und drohen, auf die alten Bundesländer überzuschwappen.“ Dann würde es zur Normalität, dass Lohnerhöhungen nicht für Theaterleute gelten. Was die Gewerkschaften natürlich verhindern wollen.
Flexibel wie sonst keiner
Die viel zitierten Absurditäten alter Tarifverträge gehören längst der Vergangenheit an. Kein Chormusiker kriegt mehr dicke Extrazahlungen, weil er mal einen Satz sagen oder über die Bühne gehen muss. Der „NV Bühne“ – so nennt sich der Vertrag – beinhaltet überhaupt keine festen Arbeitszeiten mehr. Die Schauspieler und Sänger müssen nur elf Stunden Pause zwischen ihren Einsätzen haben, bei Abstechern von Landestheatern dürfen es auch mal nur zehn sein. „So eine Flexibilität gibt es in keinem anderen Tarifvertrag“, sagt sogar der Vertreter der Arbeitgeber, Rolf Bolwin, Präsident des Deutschen Bühnenvereins. Er zeigt Verständnis, dass es für Choristen und Orchestermusiker andere Regelungen gibt. Denn Solisten haben während der Proben öfter auf natürliche Weise Pausen, weil sie in einer Szene oder sogar einem Akt nicht vorkommen. Musiker müssen die ganze Zeit auf ihrem Platz bleiben.
Verständnis für die Kunst
Die Zusammenarbeit mit den Künstlergewerkschaften bezeichnet Bolwin als sehr gut. Schließlich steht man im Kampf um die öffentliche Finanzierung auf der gleichen Seite. Problematisch findet Rolf Bolwin, dass die DOV und ver.di „zu wenig Verständnis für den künstlerischen Betrieb haben“. Wenn allerdings der Flächentarifvertrag bundesweit in Frage gestellt würde oder ein Theater allzu weit von den allgemeinen Regelungen ausschert, wären auch die Künstlergewerkschaften zu Streiks bereit.
Gefahren der Finanzkrise
In den kommenden Jahren werden auf die Theatergewerkschaften und den Bühnenverein große Prüfungen zukommen. Denn die Auswirkungen der Finanzkrise werden nun erst spürbar. Bei der Verteilung des öffentlichen Geldes wird es hart zur Sache gehen. Schon jetzt werden in kommunalen Wahlkämpfen Kultureinrichtungen gegen Kindergärten und Stadtbüchereien ausgespielt, als ob sich die Bürger für eins davon entscheiden müssten. Eine Politik des Augenmaßes ist gefragt, die Bereitschaft zu Kompromissen, aber auch klare Ansagen, wo ein Ende der Sparmöglichkeiten erreicht ist, an dem entweder Kunst nicht mehr möglich ist oder die Rechte der Künstler und der anderen Theaterbeschäftigten zu sehr leiden.
ist freier Kulturjournalist für die Frankfurter Rundschau, Die Welt, WDR, Deutschlandradio Berlin und Die Deutsche Bühne. Seit 2008 ist er in der Jury des Berliner Theatertreffens.
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Oktober 2009
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