Theaterszene und Trends

Freies Theater in Deutschland

Gob Squad; © Manuel ReinartzDie freie Theaterszene in Deutschland ist derart groß und vital, dass man nur grob skizzenhaft von Positionen und Tendenzen der Entwicklung sprechen kann. Idealtypisch steht das freie Theater dem großen Bereich der Staats- und Stadttheater gegenüber.

Die Staats- und Stadttheater werden in öffentlicher Trägerschaft unbefristet von den Kommunen und Bundesländern gefördert. Sie betreiben mit festen, nach Tarifverträgen bezahlten Ensembles einen Repertoirebetrieb, in dem praktisch täglich andere Inszenierungen auf dem Spielplan stehen. Es ist eine Tendenz seit den 1990er-Jahren, dass dieser aus der föderalen Struktur Deutschlands herrührende Theatertyp in vielen Regionen unter dem Finanzdruck auf die öffentlichen Kassen erodiert und sich dadurch das „duale System“ – freie Szene versus Theater in öffentlicher Trägerschaft – längst in diverse Mischformen auflöst.

Organisation und soziale Lage

Im weiten Feld des freien Theaters finden sich Gruppen, Einzelkünstler und freie Theaterhäuser. Deren Förderung ist in den allermeisten Fällen befristet und wird regelmäßig von öffentlichen Jurys begutachtet. Inhaltlich stehen die Künstler in einer Tradition des freien politischen Theaters, das sich in Deutschland seit den 1960er-Jahren unter dem Einfluss internationaler Gruppen wie dem Living Theatre, aber auch der ästhetischen Theorien von Bertolt Brecht bis Antonin Artaud und Jerzy Grotowski formierte.

Organisiert sind die Künstler der freien Theaterszene im 1991 ins Leben gerufenen Bundesverband Freie Theater, ein Dachverband für 15 Landesverbände und 3 assoziierte Partnerverbände mit rund 1.000 Mitgliedern. Er vertritt nach eigenen Angaben die Interessen von schätzungsweise 1.500 freien Theatern und Künstlern und zielt unter anderem auf die Verbesserungen ihrer sozialen Lage. Denn die Einkommensbedingungen der Szene sind ungleich schlechter als am Staats- und Stadttheater. Der Durchschnittsverdienst liegt – nach Angaben der Künstlersozialkasse 2012 – bei 1.104 Euro brutto monatlich. Laut Schätzungen aus dem Jahr 2006 finanzieren sich 75 Prozent der freien Künstler über theaterferne Tätigkeiten quer.

Förderinstrumente

„Best Before“, ein Multi Player Game von Rimini Protokoll; Foto: Milan RadovanovicInstitutionen und etablierte Theatergruppen erhalten eine zumeist auf fünf Jahre angelegte öffentliche Grundförderung. Das Gros der freien Gruppen finanziert seine Arbeiten über Einzelprojektanträge, zumeist aus kommunalen Fördertöpfen. Die beiden größten Förderinstrumente sind der deutschlandweit operierende Fonds Darstellende Künste der Bundeskulturstiftung und der Hauptstadtkulturfonds für Projekte mit Berliner Anbindung. Der 1985 gegründete Fonds Darstellende Künste hat seit 1988 deutschlandweit 11 Millionen Euro für 2.400 Projekt ausgegeben, davon im Jahr 2011 785.000 Euro an 79 Projekte. Der Hauptstadtkulturfonds hat seit seiner Gründung 1999 über 1.400 Projekte aus diversen Bereichen (Theater, Tanz, Kunst, Musik, Literatur) mit insgesamt rund 119,5 Millionen Euro gefördert (Stand: Juni 2012). Der Hauptstadtkulturfonds sorgt mit dafür, dass der Schwerpunkt der freien Theaterarbeit Deutschlands heute in Berlin liegt.

Große und in vielen Projekten kooperierende Institutionen wie das Hebbel am Ufer Berlin, Forum Freies Theater Düsseldorf, Kampnagel Hamburg oder Mousonturm Frankfurt am Main haben subventionierte Etats, die im Wesentlichen den technischen Betrieb der Häuser sicherstellen. Für die künstlerische Arbeit werden mit den eingeladenen Gruppen stets aufs Neue öffentliche und private Fördermittel angeworben. Länger schon erheben sich Forderungen, solche Häuser ökonomisch besser auszustatten und etwa nach dem holländischen Modell als Produktionshäuser auszubauen. Wobei eine anvisierte Förderung aus Bundesmitteln durch das föderale System Deutschlands blockiert wird.

In den genannten Häusern, die von den Feuilletons recht regelmäßig besprochen werden, bilden sich die Tendenzen der Szene ebenso ab wie auf diversen Festivals. Zu den zentralen Theatertreffen gehören die „Impulse“ in Nordrhein-Westfalen und das Festival „Politik im freien Theater“. Sie laden herausragende Arbeiten aus dem ganzen deutschsprachigen Raum ein und zeigen auch internationale Gastspiele.

Ästhetik

„Verrücktes Blut“, Regie: Nirkan Erpulat; Eine Koproduktion Ballhaus Naunynstraße und Ruhrtriennale 2010; Foto: Ballhaus NaunynstraßeTraditionell versteht sich das freie Theater als „Experimentalraum“, in dem Alternativen zu den Darstellungsweisen der Stadt- und Staatstheater geschaffen werden: Man setzt auf zeitgenössische Stückentwicklungen statt Pflege des literarischen Kanons, offene Raumkonzepte statt Guckkasten-Theater, kollektive Arbeit in allen Aufführungsbelangen statt Arbeitsteilung im großen Betriebsapparat. Und man behauptet die Identifikation des Performers mit seiner Arbeit gegen die Wandelbarkeit des professionellen Schauspielers, der als Alleskönner im fremden Dienst (des Regisseurs und des Autors) auftritt.

Von den 1960er-Jahren bis in die 1980er-Jahre hinein stand das freie Theater im engen Kontakt mit kritischen Strömungen wie der Anti-Vietnamkriegs- oder der Anti-Atomkraft-Bewegung. Seit den 1990er-Jahren registriert man, wie die sozialen und politischen Fragen der Gegenwart indirekter und abstrakter angesteuert werden. Das Augenmerk gilt heute eher den diskursiven Bedingungen des öffentlichen Lebens und der kulturellen und ästhetischen Prägung in der Wahrnehmung von Wirklichkeit. Als Think Tanks und Ausbildungsorte einer solchen theoretisch durchdrungenen freien Theaterpraxis haben sich die Angewandten Theater- beziehungsweise Kulturwissenschaften der Universitäten Gießen und Hildesheim profiliert.

Neuere Entwicklungen

Aus diesem Feld der theatralen Forschung sind wichtige Theater-Konzepte der letzten Jahre hervorgegangen.

  • Partizipation: Teilnahme nicht-professioneller Spieler an der Kunstproduktion (zum Beispiel im Dokumentartheater von Rimini Protokoll);
  • Inklusion: Beteiligung mental gehandicapter Spieler (zum Beispiel Theater RambaZamba Berlin);
  • Interkulturalität: Öffnung des Theaters für Fragen der Migration (zum Beispiel Ballhaus Naunynstraße Berlin, das Flüchtlingsprojekt Hajusom Hamburg);
  • Interaktivität: Überwindung der Schranke zwischen Spieler und Zuschauer (zum Beispiel Gob Squad).

Mit ihren Impulsen drängen Künstler der freien Szene länger schon verstärkt ins Stadttheater. Intendanten wie Sebastian Hartmann (Leipzig) und prägende Künstler des deutschen Gegenwartstheaters wie René Pollesch, Sebastian Nübling, Stefan Pucher oder Nicolas Stemann entwickelten ihre charakteristischen Handschriften in der freien Szene. Der Kostendruck auf die Stadt- und Staatstheater bietet einen zusätzlichen Anreiz zur Kooperation mit billiger produzierenden freien Künstlern. Durch den neu aufgelegten Fonds „Doppelpass“ unterstützt die Bundeskulturstiftung eine solche Zusammenarbeit der Häuser in öffentlicher Trägerschaft mit freien Gruppen. Das „duale System“ Deutschlands verwandelt sich allmählich in ein Netz vielfältiger Austauschbeziehungen.

Christian Rakow
ist Redakteur des Internetportals www.nachtkritik.de und Theaterkritiker für „Theater heute“, die „Berliner Zeitung“ und die „Märkische Allgemeine Zeitung“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2013

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Twitter

Aktuelles aus Kultur und Gesellschaft in Deutschland

Zeitgenössisches deutsches Theater in Litauen

Ein Blick auf die Theaterbühnen Litauens, die zeitgenössische deutsche Theaterstücke inszenieren

Amazonas – Musiktheater in drei Teilen

In drei Teilen erzählt das Musiktheater-
stück vom klimatischen, politischen und kulturellen Drama, das sich täglich in Amazonien abspielt.

After the Fall – Europa nach 1989

Theaterprojekt des Goethe-Instituts über die Auswirkungen des Mauerfalls in 15 europäischen Ländern