Das Offene und seine Grenzen – Tanz- und Performance im Kinder- und Jugendtheater

Irritieren und Amüsieren wollen sie. Tanz- und Performancegruppen aus der freien Szene befruchten das Kinder- und Jugendtheater mit neuen Darstellungsformen.
Der Buchstabenbaum hat sein Alphabet verloren. Und einer Gruppe von Grundschülern und erwachsenen Begleitern ist die Aufgabe zugefallen, es zurückzubringen. Wir durchqueren die Treppenhäuser des Berliner Theaters an der Parkaue. An Videoinstallationen und Spielstationen machen wir halt, um dort in sportiven Vokabeltests die Buchstaben zu erkämpfen: „B wie Bounce!“. Hüpfen! Denn der Clou dieser theatralen Schnipseljagd Dr. Seuss’s ABC vom deutsch-amerikanischen Künstlerkollektiv Cheap ist: Sie findet auf Englisch statt.
Im Traum ist alles möglich
Mit Dr. Seuss’s ABC haben Cheap an der Parkaue, Deutschlands einzigem Staatstheater für Kinder und Jugendliche (KuJ), 2005 einen Trend mitbegründet: Tanz- und Performancekünstler aus der freien Kunstszene drängen in den KuJ-Bereich. Dabei ist die Wanderung über die Spartengrenzen hinweg nicht ohne Tücken. Seit den Avantgarden arbeiten Performancekünstler an der Überwindung gängiger Theaterkonventionen: Sie inszenieren postdramatisch, das heißt sie lösen Dialoge, Geschichten und klassische Konfliktmuster auf. Sie fordern den Zuschauer auf, als Mitspieler aktiv in die Produktion einzutreten, und verlassen dazu gern auch mal den Bühnenraum. Offenheit ist Trumpf.
Wie aber übersetzt man solche ästhetischen Prämissen in den KuJ-Bereich, wo das Publikum oft noch gar nicht mit den Theaterkonventionen vertraut ist? Performancekunst ist hier weniger radikal postdramatisch, orientiert sich enger an gängigen Erzählweisen. Und wo sie freier erzählt, wird das deutlich thematisiert. So lassen die Multimediakünstler von norton.commander.productions ihr locker episodisches Endzeitmärchen Die grüne Wolke (Premiere 2008) parallel per Videofilm von zwei Schülern kritisieren: „Das ist ja nicht glaubhaft. Das macht keinen Sinn!“ Gegen diese Einwände behauptet einer der Akteure auf der Bühne beständig den eigenen Avantgarde-Anspruch: „Im Traum ist alles möglich, warum nicht auch in einer Geschichte? Märchen sind nichts anderes als die Träume unserer Vorfahren!“
Cool bleiben
Je offensiver die Performer mit dem tatsächlich anwesenden Publikum interagieren, desto mehr müssen sie klare Verhaltensregeln vorgeben. In Dr. Seuss’s ABC werden wir von den Gruppenleitern Mr. Fiffer Feffer Feff und Mr. Silly Sammy Slick mit lustigem, aber unerbittlichem Kommandoton durch die Stationen dirigiert. Widerrede ist ausgeschlossen. Ohne ein gewisses Maß an Disziplin funktioniert selbst ästhetische Freiheit nicht.
Einen herzlich-rauen Ton hat sich auch die Gruppe Showcase Beat Le Mot zugelegt. Seit ihrer Buchadaption Der Räuber Hotzenplotz, mit der sie 2007 den Preis des Goethe-Instituts beim Festival der Freien Szene „Impulse“ gewannen, gelten die vier Performancekünstler als Stars des neuen KuJ-Theaters. Mit großer Gelassenheit erzählen sie ihre Kindergeschichten und reichern sie mit schrägen Tänzen, Zaubertricks und Mitmach-Liedern an. „Lasst Euch nicht täuschen, lest Bücher, werdet schlau!“, lautet ihre ebenso coole wie unaufdringlich aufklärerische Botschaft.
In ihrer jüngsten Arbeit aus dem März 2010 Die Bremer Stadtmusikanten geben Showcase Beat Le Mot eine Parole aus: „I-A“, macht der Esel. Die Laute werden übersetzt mit: „Irritieren und Amüsieren“. Man kann dies als Faustformel für Performancekunst im KuJ-Theater auffassen: Irritation weckt Lust, birgt aber auch Risiken. Je mehr sich der Irritationsfaktor der Performance erhöht, je mehr Sinn und Verständlichkeit verweigert werden, desto stärkere Widerstände produziert man. Wenn etwa die Karlsruher Kunstprofessorin Penelope Wehrli in Tetrascroll (Premiere 2009) mit Video, Elektro-Klängen und reichlich sprödem Fachwortschatz den Tetraeder als „Minimalstruktur des Universums“ erklären lässt, verliert sie komplett ihr Publikum. Und Irritation wird zum Missvergnügen.
Bummelei ist ihr Metier
Wie fruchtbar der Zusammenschluss mit dem jungen Publikum sein kann, zeigt die Choreographin Constanza Macras in ihrem preisgekrönten Tanzstück Hell on Earth im Theater Hebbel am Ufer (Premiere 2008). Ähnlich wie bereits in ihrem Frühwerk Scratch Neukölln (2003) hat Macras hier Jugendliche aus dem – migrantisch geprägten – Berliner Stadtteil Neukölln in die Arbeit integriert. Gemeinsam wurden Themen und Texte entwickelt, die von den Teens selbst live auf die Bühne gebracht werden: Es geht um Pubertätserfahrungen, Jobs und die Lockungen der Konsumkultur. Die Jugendlichen singen R&B und arabische Popsongs und zeigen Breakdance, der sich wunderbar mit dem exzentrischen Stil von Macras’ Profitänzern der Kompagnie „Dorky Park“ mischt. Das ist die derzeit reizvollste Symbiose aus jugendlicher und erwachsener Ästhetik.
Nicht interaktiv, aber vergleichbar avanciert geht die Tanzgruppe Two Fish auf Kinder ab fünf Jahren zu. In Bettina bummelt (Premiere im Mai 2010) dekonstruieren sie ein leicht moralinsaures Kinderbuch. Darin ist zu lernen, dass ein Kind nicht bummeln soll, damit sich die Mutter zuhause nicht sorgen muss. Botschaft verstanden! Natürlich ist aber genau dieses zwecklose Bummeln das eigentliche Metier des Künstlers. Also genießen die Performer die Zwischenspiele, jagen sich durch Tür und Luke einer Hauswand, schlendern und tanzen. Die vierte Wand zum Publikum wird aufgebrochen: „Hier ist ja niemand!“, witzeln sie, und die Menge johlt: „Doooch!!!“.
In allem entziehen sich Two Fish elegant dem überlebensgroßen didaktischen „Zeigefinger der Mutter“ und entfliehen ins angestammte Reich der Tanz- und Performancekunst: auf die große Spielwiese der ästhetischen Freiheit.
ist Redakteur des Internetportals www.nachtkritik.de und Theaterkritiker für Theater heute, die Berliner Zeitung und die Märkische Allgemeine Zeitung.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2010
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de












