Theaterszene und Trends

Eine Frage der Zeit – Print oder Online und wie das Internet die Theaterkritik verändert

Ringen um Qualität; Foto: Dirk Mehrwald, www.Ringerverband-SH.deNicht nur die Theater erfinden sich permanent neu, auch die Theaterkritik ist einem Wandel unterworfen. In Printmedien wird ihr immer weniger Platz zugebilligt, gleichzeitig gibt es im Internet aber neue Plattformen, auf denen die Theaterkritik eine ungeahnte Beschleunigung erfährt.

Dass sich Teile der Theaterkritik ins Internet verlagern, ist unaufhaltsam. Alleine der allmähliche Abbau der Theaterkritik vor allem in regionalen Printmedien hat zur Folge, dass eine Leerstelle entsteht. Das spüren vor allem die Theater jenseits der Metropolen, die immer weniger im Feuilleton auftauchen. Es hat aber auch zur Folge, dass immer weniger junge Nachwuchsjournalisten sich schreibend als Theaterkritiker erproben können. Die einzige Ausweichmöglichkeit: Das Internet. Inwiefern dort allerdings tatsächlich noch von professionellem Journalismus die Rede sein kann, ist die Frage.

Das Logo von „nachtkritik“Es ist nicht zu leugnen, dass in wöchentlich erscheinenden Printmedien wie der Zeit und dem Spiegel die Theaterkritik so gut wie nicht mehr vorkommt, während die Theaterredakteure regionaler Tageszeitungen angehalten sind, lediglich die Theater im Verbreitungsraum der jeweiligen Zeitung kritisch zu begleiten. Tatsächlich die ganze Bandbreite der deutschsprachigen Theater im Blick haben nur noch monatliche Fachzeitschriften wie Theater heute und überregionale Tageszeitungen wie die Süddeutsche Zeitung, die FAZ und Frankfurter Rundschau. Parallel zu diesem partiellen Rückzug der Theaterkritik werden allerdings immer mehr Internetportale gegründet, die sich ausschließlich oder in großem Maß dem kritischen Format verschreiben. Das erste Online-Medium war die in Berlin gegründete nachtkritik. Inzwischen hat auch die Monatszeitschrift Theater heute mit kultiversum ein schnelles Internetportal eröffnet und in München wurde mit Kultur-Vollzug gerade ein digitales Feuilleton gegründet.

Im Netz, kein Warten

Das Logo von „Kultiversum“Im Prinzip arbeiten diese Internetportale wie Tages- und Wochenzeitungen mit einer Redaktion, die Aufträge vergibt und eingehende Texte redaktionell betreut. Der entscheidende Unterschied: Da Internetportale sich nicht an Redaktionszeiten und daran halten müssen, einzelne Texte im Ensemble eines insgesamt komponierten Mediums erscheinen zu lassen, können sie sich eine rasante Beschleunigung der Theaterkritik leisten. Im Netz gibt es kein Warten auf den Redaktionsschluss und die Drucklegung des Mediums, also könnte der Online-Kritiker im Prinzip schon während einer Premiere schreiben, seinen Text direkt aus dem Theater online stellen und im Zweifelsfall sogar schneller als der Kollege vom Funk sein.

Ob das sinnvoll und wünschenswert wäre, steht allerdings auf einem anderen Blatt, lautet eine goldene Regel der Zunft doch: Der Theaterkritiker sollte seine Eindrücke eine Nacht ruhen lassen, bevor er am nächsten Tag je nach Redaktionsschluss mit dem Schreiben beginnt. Wer für Tageszeitungen schreibt, hat, je nachdem wann er aufsteht, in der Regel bis zu fünf Stunden Zeit zum Schreiben. Die Kritik für nachtkritik dagegen muss tatsächlich in der Nacht geschrieben und morgens um sieben geliefert werden. Machbar ist das, da die Gnade der schnellen kritischen Sturzgeburt allerdings nicht jedem schreibenden Liebhaber des Theaters gegeben ist, schwankt die Qualität der Kritiken in Online-Medien stark. Nicht selten werden Theaterabende lediglich deskriptiv angerissen und pauschalisierend in den Blick genommen. Argumentative Auseinandersetzungen mit der Inszenierung sind die Ausnahme.

Redaktionelle Standards

Das Logo von „Kultur-Vollzug“Warum die Redaktion von nachtkritik ihre Mitarbeiter in einen Wettbewerb des übernächtigten Schnellschreibens schickt, ist nicht unbedingt nachvollziehbar. Schließlich erscheint der Online-Text auf jeden Fall einen Tag vor der Kritik in den Printmedien. Man würde also immer noch zur Formel Eins des Gewerbes gehören, würden die Theaterkritiken um die Mittagszeit ins Netz gestellt und gönnte man den Autoren mehr Zeit, tatsächlich argumentativ zu schreiben, zu präzisieren und zu verdichten. Dabei geht es im Kern um redaktionelle Standards und die Frage, ob genügend Zeit und Manpower vorhanden sind, die eingesandten Texte Korrektur zu lesen und zu redigieren. Es geht um Sprachstandards und darum, wie in einer Kritik die Geschichte einer Premiere erzählt wird und das zugrunde liegende Stück im Zusammenspiel mit der jeweiligen Inszenierung diskutiert wird.

Eine überaus bedenkliche Entwicklung ist die hin zum stationären Kritiker. Ein Theaterkritiker bekommt das Objekt seiner Begierde nicht wie etwa der Literaturkritiker per Post frei Haus geliefert. Er muss reisen. Das kostet Geld und ist einer der Gründe, warum regionale Printmedien die Theaterkritik so reduziert haben. Online-Plattformen wollen nun zwar möglichst breit gefächert aus den Theatern berichten, können aber ebenfalls keine Reisekosten erstatten und lassen von Autoren schreiben, die vor Ort leben. Das kann man so machen. Dagegen steht, dass die Qualität einer Kritik mit dem Horizont und den Vergleichsmöglichkeiten des Kritikers steht und fällt.

Jürgen Berger
ist freier Theater- und Literaturkritiker für die „Süddeutsche Zeitung“, „taz“ und „Theater heute“. Von 2003 bis 2007 war er Mitglied im Auswahlgremium des Mülheimer Dramatikerpreises und danach bis 2010 in der Jury des Berliner Theatertreffens. Seit 2007 ist er Juror des Else Lasker-Schüler-Stückepreises.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
April 2011

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