Der Meister schläft nur – zum 30. Todesjahr von Rainer Werner Fassbinder

Das umfangreiche dramatische Werk Rainer Werner Fassbinders erfährt 30 Jahre nach seinem frühen Tod mehr Aufmerksamkeit denn je.
Rainer Werner Fassbinders kurzes Leben endete am 10. Juni 1982 mit nur 37 Jahren. In atemberaubendem Tempo drehte er 44 Filme, inszenierte und stand selbst auf der Bühne, gründete ein Theater und enterte einige andere, schrieb Bühnenstücke und arbeitete sich zudem durch eine imposante Liste von Liebes-, Alkohol- und Drogenexzessen.
„Schlafen kann ich, wenn ich tot bin!“ – Dem Mann, der diesen Satz prägte, war er auch Gesetz. Dass er dabei weder auf sich noch auf andere Rücksicht nahm, ist Legende; die Liste der Menschen, die von ihm gefördert und gequält wurden, ist lang. „Benutzt“, sagt die Schauspielerin Margit Carstensen in der Ausstellung mit dem schlichten Titel Rainer Werner Fassbinder: Theater, die bis zum 9. September 2012 im Deutschen Theatermuseum München zu sehen ist. Dort steht das weniger bekannte frühe Bühnenwerk des Exzentrikers im Fokus. Schon im Eingangsbereich, wo sämtliche Fassbinder-Weggefährten von Ingrid Caven bis Kurt Raab mit übergroßen Porträts und Kurzbiografien vorgestellt werden, bekommt man eine Kostprobe vom Charisma ihres Meisters: Ein Film zeigt den äußerlich wenig attraktiven Mann im andächtig lauschenden Kreis seiner Getreuen und seine stets überraschend weich klingende Stimme spricht über den fernen Vater klare, tastende Worte.
Vom Zufall auf die Bühne geholt
Die Ausstellung, in Zusammenarbeit mit der Rainer-Werner-Fassbinder-Foundation entstanden, ist die erste umfassende Dokumentation von Fassbinders neunjährigem Theaterschaffen und wurde von gröberen Skandalen bereinigt. Stattdessen gibt es Originalplakate, bislang unveröffentlichte Fotos, Ton- und Filmdokumente zu unterschiedlichen Schaffensstationen. Man erfährt etwa, wie Fassbinder 1967 im Münchner Action-Theater der Zufall auf die Bühne half – und Hanna Schygulla, seiner Muse und Mitstudentin an einer privaten Münchner Schauspielschule, gleich mit. Wie dem von ihm gegründeten Antitheater wegen Orgien-Verdachts das Licht ausgedreht wurde und wie der große Kurt Hübner den Rebellen aus Bad Wörishofen an das Bremer Stadttheater holte.
Dass Fassbinders Aufführungen Das Kaffeehaus und Bremer Freiheit dort als Pop-Environments rezipiert wurden, machen die farbenprächtigen Bühnenbildmodelle anschaulich, die Wilfried Minks für die Ausstellung nachgebaut hat. Eine Riesentorte auf rosa Zottelteppich und ein bespielbares Kreuz über einem Eingeweide-See kontrastierten einen Spielstil, der immer eher filmisch war. Die Filmwissenschaftlerin Petra Kraus, die zusammen mit der Münchner Museumsleiterin Claudia Blank die Ausstellung kuratierte, spricht von „verbindenden choreografischen Elementen“ zwischen Theater und Film. Die Fotos zeigen jedoch viel Statik: Menschen sitzen um Tische, Bier trinkend, rauchend. Später, in Bochum bei Peter Zadek, wo Fassbinders größenwahnsinniges Käthchen von Heilbronn ebenso wenig zustande kam wie später sein antisemitismusverdächtiges Drama Der Müll, die Stadt und der Tod am Frankfurter Theater am Turm (TAT), sieht man auch viele künstlich-manierierte Posen – vor allem von Frauen.
Das „geronnene Bild“ und viel Lob aus dem Ausland
Fassbinders Inszenierungen, soll eine seiner Hauptdarstellerinnen berichtet haben, seien meist eher Stellproben gewesen. Und bezeichnenderweise kommt er bei der (nicht bestandenen) Aufnahmeprüfung für die Filmhochschule auf die Frage nach der Gemeinsamkeit von Roman und Film auf „das geronnene Bild“.
Was sein bevorzugtes Medium anging, blieb Fassbinder – wie viele seiner Mitstreiter – zeitlebens Autodidakt. Aber die selbstbewusste Selektivität, mit der er sich auf Dinge warf, die ihn interessierten, macht ihn für die heutige Überinformationsgesellschaft interessant.
Seine Filme, vor allem die, die sich mit der deutschen Geschichte beschäftigen, vom Melodram Katzelmacher bis zur Döblin-Verfilmung Berlin Alexanderplatz, werden in Deutschland eher geachtet denn geliebt. Im Ausland dagegen gilt Fassbinder vielerorts als „der faszinierendste, begabteste, fruchtbarste, originellste junge Filmemacher in Westeuropa“, wie die New York Times schon 1977 schrieb. 2005, zu seinem 60. Geburtstag, gab es eine Ausstellung nebst umfassender Werkschau im Centre Pompidou in Paris. Und David Barnetts Buch Rainer Werner Fassbinder – Theater als Provokation, das die Münchner Ausstellung flankiert, ist bereits 2005 auf Englisch erschienen. Allerdings findet sich unter den vielen Neuauflagen und -erscheinungen im Jubiläumsjahr auch eine 464 Seiten starke Biografie von Jürgen Trimborn.
Der Verlag der Autoren, in dem alle 16 veröffentlichten Theaterstücke, etliche Bühnenadaptionen und Drehbücher erschienen sind, verzeichnet bislang über 1.000 Fassbinder-Inszenierungen weltweit. Allein von 2010 bis 2012 soll es mehr als 60 Premieren zwischen Rio de Janeiro und Stockholm gegeben haben. Darunter waren allein 16 Mal Die bitteren Tränen der Petra von Kant, acht Mal Tropfen auf heiße Steine, das in Deutschland zuletzt im Juni 2012 im Staatstheater Stuttgart neu auf den Spielplan kam, sechs Mal Katzelmacher (als das Stück zur Fremdenfeindlichkeit) und je fünf Mal der Filmstoff Angst essen Seele auf und das ehemalige Skandalon Der Müll, die Stadt und der Tod. Letzteres schaffte es erst 22 Jahre nach der New Yorker Uraufführung 1987 auf eine deutsche Bühne – unter heftigem Protest des Zentralrats der Juden. In Israel dagegen konnte man es bereits zehn Jahre früher sehen.
Vom Skandal zum Erfolg – inzwischen auch in Deutschland
Der Respekt vor dem Dramatiker Fassbinder, der schon nach dem Mauerfall 1989 eine Popularitätsexplosion erlebte, scheint inzwischen auch in Deutschland wieder gewachsen zu sein. Dass „Fassbinders filmnahe Stoffe“ dabei laut Barnett immer am beliebtesten waren, erwies sich in seinem 30. Todesjahr erneut, als etwa das Münchner Residenztheater unter dem Titel Preparadise Fassbinder Now internationale Gastspiele einlud und seinen größten Saisonerfolg Fassbinders Petra von Kant verdankte: Die qualvolle Zerrissenheit der Titelfigur zwischen unbedingter (homosexueller) Liebessehnsucht und Souveränität zeigte schmerzhaft auf, dass der Mann, der so schnell und rücksichtslos gelebt hat, als intimer Kenner menschlicher Abgründe und der Klippe, auf der tiefste Liebe in sprühenden Hass umschlägt, nach wie vor gehört werden sollte. An den Münchner Kammerspielen hat Stefan Pucher mit einer komplett anderen Ästhetik, aber ähnlich erfolgreich einen der vielen „untypischen“ Fassbinder-Filme kopiert: die selbstironische Kunstbetriebs-Satire Der Satansbraten wurde als schräger, durchgeknallter Abend wiedergeboren: nicht zwingend, aber zündend.
Fassbinders unkonventionelle Blicke auf die Realität sind keine literarischen Meisterwerke und bei weitem nicht mehr so provokant wie anno 1970, doch gerade in ihrer Offenheit bieten sie der Bühne wunderbare Spielräume an. Auch wenn ihr Schöpfer schon seit 30 Jahren den Schlaf nachholt, der ihm zeitlebens fehlte.
Ausstellung im Deutschen Theatermuseum München
25.05.–09.09.2012
ist freie Journalistin und Theaterkritikerin unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, die taz und nachtkritik.de.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juli 2012
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de













