Den Westdeutschen zu östlich, den Ostdeutschen zu westlich – eine Biografie über Wolfgang Langhoff

„Den Kommunismus mit der Seele suchen“, Esther Slevogts Recherche über den Schauspieler, Regisseur und Intendanten Wolfgang Langhoff, ist mehr als eine klassische Künstlerbiografie. Ohne die individuelle Seite zu vernachlässigen, entdeckt die Berliner Theaterkritikerin in dem 1901 geborenen Theatermann auch „eine Schlüsselfigur zum Verständnis der deutschen Geschichte“ jener Epoche und schafft damit ein außergewöhnliches Werk biografischer Literatur.
Mit 21 Jahren entscheidet sich der Kaufmannssohn Wolfgang Langhoff, Schauspieler zu werden. Vor ihm liegt – wir schreiben das Jahr 1922 – eine glanzvolle Zeit als „jugendlicher Held und Liebhaber“ an den Theatern von Königsberg, Wiesbaden und Düsseldorf. Nebenbei beginnt der gefeierte Bühnenkünstler Karl Marx zu lesen, tritt der KPD bei und gründet 1930 zusammen mit jungen Arbeitern die Agitproptheatergruppe „Nordwest ran“. Am 28. Februar 1933, einen Tag nach dem Reichstagsbrand, gehört Wolfgang Langhoff zu den Ersten, die von den Nationalsozialisten verhaftet und zunächst ins Gefängnis, dann ins Konzentrationslager verschleppt werden. Als er zu Ostern 1934 freikommt, flieht er mit seiner Frau Renate nach Zürich und legt in seinem berühmten Bericht Die Moorsoldaten Zeugnis von seiner KZ-Haft ab. 1946 kehrt Wolfgang Langhoff schließlich nach Deutschland zurück, wo man ihm die Leitung des Ost-Berliner Deutschen Theaters angeboten hatte.
„War ich ein guter Genosse?“
Nun, da ist sich der Kommunist und Künstler sicher, würde sich sein Traum vom sinnhaften Leben im Einklang mit der Partei endlich erfüllen, für den er sich im Düsseldorfer Gefängnis Ulmer Höh fast tot schlagen und in den Konzentrationslagern Börgermoor und Lichtenburg schwer misshandeln und demütigen lassen musste. Doch Langhoffs Geschichte ist die „eines Mannes, der den Westdeutschen als Kommunist zu östlich und den Ostdeutschen als Westemigrant und kommunistischer Patriot zu westlich war“, wie Slevogt schreibt. Mit anderen Worten: Langhoff fällt bei den Führungskadern des Politbüros der DDR in Ungnade. Nach jahrelangen zermürbenden Kleinkämpfen und innerparteilichen Demütigungen wird er aufgrund seiner Inszenierung von Peter Hacks Die Sorgen und die Macht 1963 schließlich den Intendanten-Postens enthoben. Drei Jahre später stirbt er. Der Schauspielerin Mathilde Daneger, die den an Lungenkrebs Erkrankten in seinen letzten Lebensmonaten häufig in der Klinik besucht, kommen die Tränen, als Wolfgang Langhoff sie gleichsam auf dem Totenbett fragt: „War ich ein guter Genosse?“
Ein kluges Werk über die Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts
Ein deutsches Künstlerleben im 20. Jahrhundert hat Slevogt ihre Langhoff-Biografie untertitelt. Sie hält, was sie verspricht. Und damit gelingt ihr etwas sehr Seltenes: Tatsächlich nämlich entdeckt Slevogt, ohne die individuelle Künstlerpersönlichkeit zu vernachlässigen, in Langhoff auch „eine Schlüsselfigur zum Verständnis der deutschen Geschichte“ jener Epoche. Die historischen Hintergründe beschreibt sie dabei so sachkundig und detailgenau, dass die Rezensentin der Frankfurter Rundschau, Regine Sylvester, das knapp fünfhundert Seiten starke Werk als „Jahrhundertbuch“ bezeichnet und zu Recht jedem ans Herz legt, der „ein wahrhaftiges Buch über Zeitgeschichte sucht“. Den für heutige Generationen kaum mehr nachvollziehbaren ideologischen wie existenziellen Kämpfen, die Langhoffs Lebensgeschichte prägen, nähert sich Slevogt nicht nur äußerst kenntnisreich und reflektiert, sondern auch mit der buchstäblichen Vorurteilsfreiheit der ernsthaft Wissbegierigen: Den Kommunismus mit der Seele suchen gehört zu den beglückenden Fällen biografischer Literatur, die auf höchstem Niveau Fragen formulieren statt ihr Sujet durch wohlfeile Einebnung zu düpieren beziehungsweise die Leser mit vermeintlich wasserdichten Interpretationen zu bevormunden.
Materialreichtum und neue Details
Die Grundlage dieser gelungenen Arbeit bildet eine immense Recherchetätigkeit. Fast fünfzehn eng bedruckte Seiten umfasst die Quellenangabe am Schluss des Buches: Slevogt besuchte nicht nur unzählige Archive, um sich durch ganze Stapel biografischer, politischer und künstlerischer Zeitdokumente zu wühlen, sondern sprach darüber hinaus sehr ausführlich mit Freunden, Kollegen und Verwandten Langhoffs, insbesondere den Söhnen Matthias und Thomas, die bekanntermaßen selbst zu prägenden Theaterregisseuren wurden. Entsprechend fördert das Buch neue beziehungsweise wenig bekannte Aspekte zu Tage: Dass sich Wolfgang Langhoff etwa 1919 kurzzeitig dem Freikorps von Medem anschloss – einem revanchistischen Soldatenverband, der im Baltikum gegen die Bolschewiken kämpfte – vertraute er ausschließlich seiner SED-Kaderakte an, wo er das Faktum mit pubertärem „Erlebnisdrang“ zu erklären suchte. Zudem verfolgt Slevogt – um nur ein Beispiel für die Differenziertheit ihrer Arbeit zu nennen – neben dem Lebensweg Langhoffs auch die Schicksale seiner Kollegen, Freunde und Mithäftlinge durch die Zeiten von Nationalsozialismus und Kaltem Krieg und bleibt dabei grundsätzlich vielseitig: Neben Berichten von Schauprozessen im Ostblock der 1950er-Jahre stehen Informationen über inhaftierte Kommunisten in Westdeutschland.
Komplexes Bild
Ergänzend zu den historischen wie theatergeschichtlichen Exkursen runden sehr persönliche Details Slevogts Langhoff-Bild ab. So erfährt man beispielsweise auch, wie der seinerzeit 24-jährige Schauspieler als jugendlicher Held am Wiesbadener Theater laut Personalakte einmal „in nicht ganz nüchternem Zustand“ zur Vorstellung erschien oder wie die Wohnung der Langhoffs im Zürcher Exil zum Anlaufpunkt für Emigranten wurde. Slevogt beschreibt, wie Wolfgang Langhoffs Frau Renate sich in der Nachkriegszeit ein elegantes Abendkleid mit extra großen, plastikgefütterten Seitentaschen fertigen ließ, um von Empfängen unauffällig Lebensmittel für ihre Söhne nach Hause schmuggeln zu können, und wie Wolfgang Langhoffs Sohn Thomas von Bertolt Brecht seine ersten Jeans geschenkt bekam. Im Ergebnis fügt sich all das zu einem hoch komplexen Mosaik, das einerseits von großem Respekt getragen ist, andererseits aber weder kritische Fragen noch biografische Brüche oder Widersprüche unterdrückt. Bei einer Lesung im Berliner Deutschen Theater nannte der im Februar 2012 verstorbene Thomas Langhoff Slevogts Buch über seinen Vater laut einem Bericht der Berliner Zeitung schlicht „großartig“. Es entbinde ihn davon, seine Erinnerungen selbst aufzuschreiben.
schreibt als Theaterkritikerin und Journalistin unter anderem für Spiegel online, den Berliner Tagesspiegel und Theater heute. Sie gehört zur Jury des Hauptstadtkulturfonds sowie des Berliner Theatertreffens.
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Juli 2012
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