Familiäre Mauerschau – Wie Theatermacher nationale Geschichte erforschen

Die Familie stand schon immer im Zentrum der Dramatik. Neuerdings erinnern Autoren, Regisseure und Schauspieler mit autobiografischen Theatertexten auch an traumatische Geschichtsmomente ihrer Heimatländer.
Es ist nicht nur dieser persönlich-poetische Ton in Peter Handkes Immer noch Sturm, der aus dem Theatertext das erfolgreichste Stück der Saison 2011/2012 gemacht hat. Da ist auch die Verschränkung einer Familiengeschichte mit den nationalen Traumata Sloweniens rund um die Weltkriege des 20. Jahrhunderts, die Handkes imaginierte Familienaufstellung authentisch und gleichzeitig in der Geschichte verwurzelt klingen lässt. Durch das Zusammenspiel beider Themenschwerpunkte erhält die für die Dramatik schon immer spannende Frage nach dem Stand der Dinge im privaten Raum eine historische Dimension.
Handkes familiäre Mauerschau ist zugleich eine Wanderung durch die Geschichte der slowenischen Minderheit im Süden Österreichs; Dimiter Gotscheff inszenierte den epischen Text für das Hamburger Thalia Theater und die Salzburger Festspiele als bittersüßes Familienmärchen. Das dramatische Poem und seine Uraufführung ist aber nur ein Beispiel dafür, wie Theatermacher mit Familiengeschichten nationale Geschichtsforschung betreiben und den Finger auf wunde Punkte legen.
Das Leben danach
Die bislang radikalste Form einer dramatischen Familienforschung gelang Lola Arias 2009 mit Mi vida después. Die argentinische Autorin, Musikerin, Schauspielerin und Regisseurin erforschte zusammen mit sechs argentinischen Schauspielerinnen und Schauspielern deren Familienbiografien. Die Fragestellung: Was machten die Angehörigen in der Zeit der argentinischen Militärdiktatur? Die Ergebnisse waren erschütternd. Eine Schauspielerin stieß darauf, dass ihr Bruder ein damals von den Militärs entführtes Kind ist und die Eltern ein Teil des folternden Unterdrückungssystems waren. Die Familie zerbrach.
Durch die Geschichten einzelner Familien entstand ein Bild Argentiniens zur Zeit der Militärdiktatur. Deutlich wurde aber auch, was solche Familiengeheimnisse mit Menschen genauso wie mit staatlichen Gebilden in den Jahrzehnten danach gemacht haben. Mein Leben danach wurde zur Blaupause für eine Reihe ähnlich gelagerter Projekte in Lateinamerika, die unter dem Titel Das Leben danach während der Wiener Festwochen 2012 ins Licht der Aufmerksamkeit rückten. Gezeigt wurden Produktionen aus Chile, Kolumbien und Mexiko sowie Lola Arias’ Melancholie und Protest: eine Auseinandersetzung mit der in Zeiten der Militärdiktatur ausgebrochenen manisch-depressiven Erkrankung der Mutter.
Verräter der Heimat
Das Theater einer familiären Geschichtsforschung funktioniert aber nicht nur jenseits des Atlantiks. Es hat auch die Theatermacher in den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien inspiriert, sich mit den tiefgreifenden ethnischen Verwerfungen während und nach dem Balkankrieg in den 1990er-Jahren zu beschäftigen. Was dabei herauskommt, wenn Autoren, Regisseure und Schauspieler Worte und Bilder für die eigene Kindheit in Zeiten des Bürgerkrieges suchen, sah man Ende Juni 2012 bei Neue Stücke aus Europa, der Theaterbiennale des Staatstheaters Wiesbaden in Zusammenarbeit mit dem Mainzer Staatstheater.
Der Autor, Regisseur und Performer Oliver Frljić war gleich mit zwei Theaterabenden vertreten und zitierte mit Verdammt sei der Verräter seiner Heimat die letzte Zeile der Nationalhymne des auseinander gebrochenen Jugoslawien. Die Atmosphäre dieses in Improvisationen erarbeiteten Abends ist aggressiv. Die eigene Kindheit wird unter anderem wieder präsent, wenn die Schauspieler Erinnerungen an die Zeit wachrufen, als mit dem Tod Titos der Zerfall des Vielvölkerstaates begann.
Mit diesem Abend lieferte der 1976 in Bosnien-Herzegowina geborene und mit sechzehn Jahren als Kriegsmigrant nach Kroatien gekommene Frljić eine am slowenischen Jugendtheater Slovensko Mladinsko Gledalisce produzierte Performance. Seine Familienaufstellung Ich hasse die Wahrheit dagegen inszenierte er wie ein Kammerspiel am kroatischen Tatar & TD in Zagreb. Immer wieder bricht er die Intimität der Handlung auf, indem er sich selbst als Regisseur einführt und über diese Figur die Frage stellt, inwieweit man den in Familien und Nationen kolportierten Geschichten der Identitätsfindung trauen kann.
Übererinnerung
In diesem Punkt trifft er sich mit Selma Spahić, bei deren Rechercheprojekt Hypermnesie schon der Umstand bemerkenswert ist, dass sowohl Serbien als auch das Kosovo und Bosnien-Herzegowina sich zu einer Koproduktion bereit fanden. Die beteiligten Schauspielerinnen und Schauspieler kommen aus den drei Republiken und auch die zugrunde liegenden Geschichten wirken wie ein Puzzle der „Übererinnerung”, dessen Einzelteile Aufschluss darüber geben, welche Spuren Krieg und Kindheit in den Regionen Ex-Jugoslawiens und den Biografien der Beteiligten hinterlassen haben.
Inszeniert hat Selma Spahić den Abend am Belgrader Bitef Tatar. Zu sehen sind schnelle Rollenwechsel und revueartige Einblicke in Familiengeschichten. Im Gegensatz zu Frljić, den der Zweifel am Wahrheitsgehalt von Erzählungen umtreibt, behauptet die 1986 in Bosnien-Herzegowina geborene Spahić Momente der wahrhaftigen Erinnerung. Das sind letztlich auch die beiden Pole, zwischen denen sich die erinnernde Vergegenwärtigung familiärer und nationaler Traumata bewegt.
ist freier Theater- und Literaturkritiker für die Süddeutsche Zeitung, taz und Theater heute. Von 2003 bis 2007 war er Mitglied im Auswahlgremium des Mülheimer Dramatikerpreises und bis 2010 in der Jury des Berliner Theatertreffens. Seit 2007 ist er Juror des Else Lasker-Schüler-Stückepreises und seit 2012 wieder im Mülheimer Auswahlgremium.
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August 2012
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