Reinhild Hoffmann

„Auch“, Tanztheater Bielefeld 2012, © Bettina Stöß
„Auch“, Tanztheater Bielefeld 2012, © Bettina Stöß


Reinhild Hoffmann studiert 1961-65 bei Eleonore Härdle-Munz in Karlsruhe, 1965-70 an der Folkwang Hochschule Essen Tanz. Ihre prägendsten Lehrer: Kurt Jooss und Jean Cébron. Danach tanzt sie bei Johann Kresnik am Theater Bremen. Ab 1974 eigene Choreografien, ab 1975 Leitung des Folkwang Tanzstudios mit Susanne Linke. 1977 vertieft sie ihre Studien in New York. 1978-86 Leitung des Bremer Tanztheaters, bis 1981 an der Seite Gerhard Bohners.
Ab 1978 tourt das Tanztheater Reinhild Hoffmann international. 1982-86 werden vier ihrer Produktionen zum Theatertreffen eingeladen. 1986-95 wechselt die Compagnie ans Schauspielhaus Bochum, hier verbindet sich erstmals Tanz- mit Sprechtheater. Reinhild Hoffmanns Schaffen wird mit etlichen Preisen gewürdigt, u. a. 1992 mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse.
Seit 1995 arbeitet sie freischaffend im In- und Ausland und wendet sich verstärkt der Musiktheater-Regie zu. Sie lebt in Berlin. 2008 erschien von Norbert Servos den Band "So lange man unterwegs ist – Die Tänzerin und Choreographin Reinhild Hoffmann" im K. Kieser Verlag.

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Kurzporträt

„Ich beobachte, dass ich immer mehr dazu neige, die Bewegung anzuhalten. Zeit wird angehalten, doch geht sie weiter, die Form friert ein, und doch verändert sie sich: Ein innerer Raum wird wahrnehmbar, der in den sichtbaren Konturen der Form pulsiert. Die eigenartige Künstlichkeit dieses Augenblicks ist die Metamorphose.“
Reinhild Hoffmann

Reinhild Hoffmann liebt eine Sprache der Bilder: archaisch, wild und karg, ihre Diktion ist klar, hoch emotional und frei von Pathos. Bei Folkwang wächst sie auf mit Fragen nach dem „Warum“ und „Wie“ von Bewegung, die Kurt Jooss aus Labans Raum-Kraft-Zeit-Analyse ableitet. Da alle Künste unter einem Dach vereint sind, reizt sie der Dialog mit Bildenden Künstlern, die – wie sie – nach radikalem Neuaufbruch suchen. Hier schon nähert sie sich in Stille und Langsamkeit der für sie typischen skulpturalen Plastizität im Tanz, nahe der Performance, die Tradition des Ausdruckstanzes im Rücken.
Mit Pina Bausch, Susanne Linke, Johann Kresnik und Gerhard Bohner gehört Reinhild Hoffmann zu den Wegbereitern des deutschen Tanztheaters, einer Strömung, die den Tanz aus der Abhängigkeit des Opernbetriebs befreit und als eigene Gattung zurück ans Theater führt. In Bremen und Bochum verhilft sie der Kunstform zur Emanzipation – bis zum Scheitern an finanziellen Hürden. Ohne Ensemble, jenseits üppiger Materialschlachten, besinnt sie sich mit Bewegung pur auf ihre kraftvoll abstrahierende Körpersprache und überträgt die atmosphärische Dichte auch auf ihre spätere Arbeit als Opernregisseurin.

In mehr als 30 Solo- und Gruppenwerken ringt sie im Zwiegespräch mit Objekten – Bretter, Steine, Stoff – um Freiheit in radikaler Beschränkung, erprobt dabei physikalische Gesetze. In „Solo mit Sofa“ (1977) bedrängt sie zu Cages geflüsterten Empty Words ein Alptraum: gefangen in einem Stück Stoff, Kleid und Möbelbezug zugleich. Ein Meisterwerk, das sie 2011 an junge Tänzer weitergibt. Damit die Tradition nicht sterben möge, ersteht auch ihr frühes Stück „Callas“ (1983/2012) wieder auf. Hoffmann führt stets in rituelle Räume – in „Zeche eins/zwei“ (1992/93) z. B.  eine  Waschkaue, in „Vor Ort“ (1997) ein Berliner Zimmer, in dem sie  Briketts stapelt wie ihre Erinnerungen. Mit Susanne Linke arbeitet sie sich „Über Kreuz“ (1999) an Labans Tanzschrift ab. Sie entschlüsselt Urquellen raumdramatischer Fragen, die auch für die Opernregie gelten. In der Führung der Sänger sucht sie in sparsamer Phrasierung nach bewusstem Umgang mit Zeit und macht mit komponierter Körpersprache Musik sichtbar. Bei den Klassikern reizt sie die historische Dimension. Die zeitgenössische Oper öffnet ihr die Freiheit für szenische Parallelkompositionen, die wie ein orchestraler Organismus im Gesamtkunstwerk mitatmen. 
Irene Sieben