Mette Ingvartsen

Foto: Peter Lenaerts


Mette Ingvartsen – „... away from stability ...“ – Sehschule für Screenmüde und Haltungskurs für ein bewegtes Leben.

Die Dänin Mette Ingvartsen studierte zunächst an der Amsterdamer Hogeschool voor de Kunsten, bevor sie nach Brüssel an Anne Teresa de Keersmaekers renommierte Intellekt- und Technik-Schmiede P.A.R.T.S. ging. Seit Sommer 2002 kreierte sie dort eigene Stücke, die ihr erste Aufmerksamkeit brachten: das leichtathletische „Solo negatives“, „Manual Focus“, ein verdrehtes Vexierbild aus nackten, jungen Frauenrücken unter schamlos starrenden Altmännerfratzen, und das Bühnenposen-Exercise „50/50“.

Nach ihrem Abschluss 2004 folgten „To come“, eine sauber analysierte Stellungsorgie ohne Orgie zur Entzauberung vorgefertigter Erotikschablonen, mit dem Ziel, die eigene Fantasie wieder an ihren Ursprungsort zu verlegen: nach innen. „the making of the making of“, „Why We Love Action“ und „Where’s My Privacy“ setzten das Sparring mit Bildinterferenzen aus Leitmedien unserer Zeit fort. Derzeit dokumentieren ihre menschenfremden bzw. umgebungssensitiven Raum- und Objektinszenierungen „evaporated landscapes“ und „Giant City“ ihre Gleichgültigkeit gegenüber ihrem keimenden (und irrigen) Image als konzeptuell geschulte Choreografin, die wieder „tanzen“ lässt, und ihre Neugier auf mögliche Erweiterungen unseres Verständnisses für gestaltete und kommunizierende Bewegung.

Katja Werner

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Kurzporträt

Das Gesamtwerk der Tänzerin und Choreografin umfasst derzeit mindestens elf Stücke. Sie sind eine Sehschule für Screenmüde und Haltungskurs für ein bewegtes Leben, on- wie off-stage.

Was sie will? Unsere Zeit verstehen. Einen Weg finden, auf Augenhöhe darauf zu antworten. Dazu muss sie herausfinden: Wie, wo, warum, wohin und worin bewegen wir uns? Was bewegt uns? Wie weit? Wie stark? Und was wissen wir – bewusst oder unbewusst – davon? Lässt sich das vermitteln, womöglich tanzend? Ingvartsen spielt die Bedingungsforscherin in laborähnlichen Experimentiersettings. Auf dem Prüfstand stehen unser (und ihr) Verständnis von Körper, Subjekt und Wahrnehmung.

Sie arbeitet mit Wiederholung, um den Blick für Nuancen zu schärfen. Abstraktion, Reduktion und Steigerung, um im Gegenzug ein klares Licht auf das gedankenlos Vorausgesetzte zu richten. Und um darüber hinauszuweisen. Sie imitiert den Rhythmus unseres zunehmend urbanen Lebens und vermutet: Wirklichkeit ist nichts Unmittelbares, schon gar nicht etwas Stabiles. Und analog ist sie auch nicht. In zahllosen Medien setzt „die“ Realität ihre Markierungen schon bevor sie zu Fleisch, Stein, Geld oder Raketen werden. Wo virtuelle Börsenzahlenspiele eine Weltkrise realer Werte auslösen wie fiktive Massenvernichtungswaffen Kriege und wo die begehrtesten Menschen Schauspieler sind, kann keiner sich von dem Theater zurückziehen. Wir alle kaufen ihm irgendwann seine digitalisierte, codierte, gefühlsechte Währung ab. Das heißt, wir gehen damit mehr oder weniger kreativ und frei um.

Und Freiheit muss man üben. Ingvartsens Arbeiten sind kollektive affektive Erprobungen in diesem Sinn. Sie ist nicht die Einzige, die überall Einflussnahme und Manipulation sieht. Anstatt dem Spektakel aber zu entsagen – zelebriert sie es. Jetzt erst recht. Stöhnend, schießend und turnend, actionkinobombastisch, verdreht, verspielt, futuristisch, roboter- und rauschhaft. Es wirkt. Wir hatten einen Mordsspaß, oft. Bei all dem aber zerreißt sich die E/Motionsmaschine selbst. Durch die Haarrisse in unseren Sehgewohnheiten ahnen wir: Un-Gezwungenheit. Wie befreiend!
Katja Werner

Tourneefähige Produktionen

Giant City (2009)
Raumgröße: min. 16 m breit x 13 m tief, Bühnengröße: 12 m breit x 9 m tief

Evaporanted landscapes (2009)
minimale Größe des Veranstaltungsortes: 13m x 11m - minimale Höhe: 4m

it’s in the air (2008)
Raumgröße: min 12 m breit x 17,2 m tief,
Bühnengröße: fest: 10 m breit x 9,2 m tief, minimale Höhe: 6,5 m

Why we love action (2007)
Bühnengröße: min 14m breit x 14m tief, minimale Höhe: 6m