Felix Mathias Ott

Felix Mathias Ott, 1983 in Reutlingen geboren, ließ sich in Berlin zunächst zum Bühnenbildner- und plastiker ausbilden, bevor er 2006 den Tanz entdeckte und 2010 sein Choreografiestudium am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz Berlin beendete. Der Sohn des deutschen Schauspielers Franz Xaver Ott beherrscht eine ungewöhnlich große Bandbreite in den darstellenden Künsten, vom Bühnenbau über die Videokunst, vom Filmschauspieler zum Solotänzer, u.a. beim polnischen Regiestar Krzysztof Warlikowski («The rake's progress», 2010) sowie den französischen Choreografen Boris Charmatz («Cunningham re-act», 2008; «Levée les conflicts», 2010), Mathilde Monnier («Twin paradox», 2012) und Clement Layes («To allege», «The green chair», 2011). Für die Hauptrolle als deutscher Soldat in dem Film «Les enfants de la nuit» von Caroline Deruas erhielt er den Silbernen Leoparden in Locarno 2011; für Kamera und Ausstattung des Films «Live Action Hero» von Björn Melhus gab es 2011 den Deutschen Kurzfilm-Preis. Sein experimentteler Tanzfilm «Mr Bot» gewann 2009 den Classic-Clip Award.

Im selben Jahr war er Mitgründer des Berliner Kollektivs Speech mit Auftritten in den Uferstudios Berlin, beim SNDO Amsterdam, im Musée de la danse Rennes, Théâtre National de Chaillot Paris und auf dem Festival d’ Avignon. Ott schuf somit in nur wenigen Jahren auf dieser großen Spielfläche zwischen Film und Bühne, Kollektiv und Solo, Ausstattung und Regie ein Fundament, auf dem er mit der Förderung des europäischen Netzwerks «Advancing performing arts project» nun sehr stabile eigene Inszenierungen bauen kann, zuletzt sein grandioses Solo «Odyssey complex» und zusamme mit der norwegischen ESC ungdomskompani seine «The giggling bunnies». Voraussichtlich im April 2014 entsteht wieder eine eigenwillige Solointerpetation, diesmal die Homer’sche «Ilias».
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Kurzporträt

Das geht ja gar nicht. Da hat er Jahre lang in Berlin Choreografie studiert, und er erklärt uns, wie Hollywoodfilme funktionieren. Nämlich so. Ein Tag beginnt wie jeder Tag. Doch plötzlich passiert ein Unglück, geschieht irgendwas Unverhofftes. Vom Alltag geht‘s mittenmang ins Inferno. Hollywood hat sich das bei Homer abgeschaut, bei Odysseus, der Troja erledigt hat und nach getanem Job nach Hause will. Aber alles geht schief, nichts mehr läuft nach Plan. Die Welt bricht über Felix Mathias Ott zusammen. Was in seinem Solo «Odyssey Complex» als nette Bühnen-Lecture beginnt, schwemmt ihn Sekunden später durch 4000 Liter Wasser aus der Regenmaschine in seine eigene Odyssee. Ott rettet sich auf den Tisch, der weiße Flipchart wird zum Segel, mit einem Mopp rudert er vom Zyklopen zu den Sirenen. Sein Gegner bleibt: die Bühne selbst. Eine Ladung Sand kippt vom Himmel. Steile Zuschauerränge sind das Gebirge, das er – mit dem Tisch als zusätzlichem Gegengewicht – Reihe für Reihe mühsam erklimmt. Ungefähr hier ist das Publikum, das ihm solidarisch zum Gipfel hochhilft, endgültig aus dem Häuschen.

Denn Ott spielt erstens tatsächlich mit so viel Suspense und Humor wie ein besserer Hollywoodfilm auch. Zweitens wird dieser von Spannung gut getarnte Körpereinsatz nie zur eitlen Selbstzweck-Choreografie. Drittens ist der Kerl, der aus einer Schauspielerfamilie stammt, auf der Bühne ein echtes Vollblut. Viertens, und vielleicht am sympathischsten, ist der Umstand, dass er dort zwar alle Register zieht, auch den frisch von ihm mit produzierten Film «Empty lands» und viel Musik beimischt, sich aber keine Sekunde um irgendwelche Dos and Don’ts des zeitgenössischen Diskurs- und Konzepttanzes schert. Nichts kommt derzeit kräftiger, komischer, kribbliger daher.
Arnd Wesemann