Tanz in Deutschland – Hintergrund

Zersetzung mit Witz und Verstand – junge deutsche Choreografen

Sie loten die Grenzen von Tanz aus, veranstalten Lach-Konzerte und erforschen das Nichts. Und was in ihren Arbeiten nie zu kurz kommt, das ist Humor.
Es wird herumgesessen und geredet. Es werden Laptops aufgeklappt und Scheinwerfer ausgeknipst, damit das Kopfkino ablaufen kann, während einige Tänzer ihre Glieder ineinander verknoten. Es wird im Takt gelacht, und Supermann darf im gelben Mantel einmal über die Bühne flattern. Doch getanzt, könnte man auf den ersten Blick konstatieren, getanzt wird hier nicht mehr. Denn in den letzten zwanzig Jahren wird die Ästhetik des Tanzes, die exponierte Virtuosität des Tänzerkörpers und die Funktion des Künstlernamen als Markenlabel von Vertretern des zeitgenössischen Tanzes systematisch infrage gestellt – allen voran die bekanntesten Vertreter des sogenannten Konzepttanzes, Xavier Le Roy und Jérôme Bel.

Auch in Deutschland ist Choreografie seither nicht mehr mit der zeitlichen Anordnung lesbarer Bewegungen im Raum gleichzusetzen. Vielmehr werden die Parameter untersucht, ihre Grenzen strapaziert und verhandelt. Anstatt die Regeln und Figuren des Tanzes zu wiederholen und ihnen damit Gegenwart zu verschaffen, werden ebendiese und die mit ihnen einhergehenden Körperbilder zur Disposition gestellt, der Körper in seiner Materialität befragt. Dies geschieht einerseits, indem der kulturelle Kontext des Tanzes verbalisiert wird, andererseits, indem die Körper ganz physisch aus ihren Bewegungscodes ausbrechen und andere Artikulationsweisen erproben.

Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen: „Logobi“

So inszenieren die Regisseurin Monika Gintersdorfer und der bildende Künstler Knut Klaßen in ihrer vieldiskutierten fünfteiligen Serie Logobi (2009/10) Dialoge zwischen den ivorischen Tänzern Gotta Depri und Franck Edmond Yao und europäischen Kollegen.

In Logobi # 01 stellen Gotta Depri und die deutsche Tänzerin Gudrun Lange einander und damit dem Publikum ihre tänzerischen Sozialisierungs- und Lernprozesse vor. Im Dialog verhandeln sie das kulturelle Hergestelltsein des Körpers und seines Bewegungsvokabulars. Dabei übersetzt in den Logobi-Stücken stets der jeweilige europäisch-stämmige Tänzer die Texte des Ivorers, sodass der interkulturelle Austausch zum Übersetzungsprozess wird – kleine Seitenhiebe inklusive.

Körperliche und kulturelle Prägungen werden artikuliert, kritisch befragt und damit ein Transformationsprozess der eigenen Bühnenpräsenz in Gang gesetzt. Mit seinem Körperbild steht der Tänzer selbst zur Disposition, der dem Zuschauer anstelle von verlockenden Identifikationsmöglichkeiten die Bruchkanten seiner künstlerischen Identität offeriert. Er ist eine Übergangsfigur von ambivalenter Präsenz, die weder ein originäres Selbst repräsentiert noch eine lesbare Bühnenfigur.

Antonia Baehr und ihr Lach-Chor

Dabei werden auch Notationssysteme von Tanz transformiert: So untersucht die Choreografin, Interpretin und Performerin Antonia Baehr Ausdrucksformen von Gesicht und Körper, indem sie sie von Anlass und Ursache entkleidet. Hierfür dienen Partituren als Systematisierung aber auch Reibungsfläche, die einen Widerstand zwischen Performern und ihrem Material spürbar machen.

Für ihr Selbstporträt Lachen (2008) ließ sie sich von Freunden und Verwandten zum Geburtstag Lachpartituren schenken. Auf der Bühne exerziert sie das ganze Register des Kicherns, Glucksens, Prustens, Wieherns, Perlens und Gurrens rhythmisch durch, begleitet vom Mit-Lachen des Publikums, einem unberechenbaren Chor der Angesteckten, der eine Kontrastfolie zur strengen, artifiziellen Komposition der Inszenierung bildet.

In For Faces (2010) bieten vier Performer ihre Gesichter dar und laden zur Erkundung ein, ihre komponierten Bewegungen schaffen bewegte Landschaften aus Augenlidern, Nasenflügeln und zuckenden Lippen.

Auflösung und Verstrickung: deufert + plischke

Beim Künstlerzwilling deufert + plischke ist die Auflösung des autonomen Subjekts in einer künstlerischen Wahlverwandtschaft Programm. Die Theaterwissenschaftlerin und Performerin Kattrin Deufert und der Choreograf Thomas Plischke haben eine Arbeitsmethode des Strickens entwickelt, in dem Material nach dem Prinzip der systematischen Weitergabe gemeinsam generiert wird. Im Probenprozess werden Fragmente, Texte und Choreografien von den anderen Performern übersetzt, überschrieben und neu formuliert, sodass die persönlichen Erinnerungen und Materialien ihre eindeutige Zuschreibung verlieren.

Aus den individuellen Geschichten werden teilbare Bewegungen und Sequenzen, die ihr eigenes Archiv bilden: Im dreiteiligen The Anarchiv Project (2009–11) verweisen Schrifttafeln auf den assoziativen Rahmen und die Bühnensituation, werden Zitate von Bewegungen kenntlich. Hierfür arbeiten sie nicht nur mit anderen Tänzern und Performern, sondern auch mit dem Philosophen Marcus Steinweg zusammen.

Erforschung des Nichts – Fabrice Mazliah, Ioannis Mandafounis und May Zarhy

Kollaborativ arbeiten auch Fabrice Mazliah, Ioannis Mandafounis und May Zarhy. In gemeinsamen Arbeiten wie Zero (2009) entkoppelt das Trio Ursache und Wirkung. Ihr Stück ist eine Erforschung des Nichts und eine Produktion des Nicht-Sinns, eine Entkernung und Rückführung des Tanzes auf eine Körper- und Raumerkundung, wie sie Mandafounis und Mazliah auch schon in ihrem Duett P.A.D. (2007) erprobt haben. In einem Tableau vivant entwickeln die drei ein einfaches Bewegungsvokabular, das kein Kapital aus der Tänzervirtuosität schlägt, vielmehr flechten Beziehungen vorübergehende Spannungsmomente. Handlungen und Geräusche werden ihres Kontextes und damit auch ihres Interpretationsrahmens entkleidet, es entsteht ein bezaubernder und heiterer Freiraum für Tänzer wie für Zuschauer.

In diesen Leerstellen liegt aber immer ein Witz, eine Komik – wie man den jungen Choreografen allgemein zuschreiben möchte, dass sie die Untersuchung ihrer Kunst, der Körper und ihrer gesellschaftlichen Verankerung keineswegs humorlos betreiben, sondern im Gegenteil im Unübersetzbaren, in kulturellen Dekonstruktionen und Loslösungen von Teleologie stets einen Schalk entdecken.
Esther Boldt
arbeitet als freie Tanz- und Theaterkritikerin unter anderem für nachtkritik.de, taz und ballettanz.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2011

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema