Ausstellungen

Die radikale Realistin – eine Ausstellung zur Tänzerin und Performerin Valeska Gert

Die Berliner Tänzerin Valeska Gert (1892–1978); © Wolfgang MüllerSie war eine der einflussreichsten Künstlerinnen der Moderne – und niemand weiß es. Dies zumindest behauptet der Berliner Künstler Wolfgang Müller in einem Buch und einer von ihm mitkonzipierten Ausstellung über die Tänzerin, Performerin, Barbesitzerin, Buchautorin und Schauspielerin Valeska Gert.

Auf einer Fotografie aus dem Jahre 1920 ist eine Frau in einem dunklen, kurzen Kleid zu sehen, stehend die Arme nach oben gereckt, das eine Bein über das andere geschlagen. Man meint, eine im Tanz eingefangene Bewegung zu sehen und täuscht sich darin nicht. Und doch ist es anders, als man vermutet. Denn die Tänzerin tanzt Stillstand, sie bewegt sich nicht, sondern verharrt den gesamten, mehrminütigen Tanz über in dieser gleichzeitig angespannt und gelöst wirkenden Pose. Mit dem Tanz der Pause, der in damaligen Kinosälen die Wartezeit zwischen dem Wechsel zweier Filmrollen überbrücken sollte, schuf die Berliner Tänzerin Valeska Gert (1892–1978) ein radikales Werk, von dem nur diese eine Fotografie erhalten ist. Auch ihre anderen, nicht weniger radikalen Aufführungen der 1920er-Jahre, in denen sie einen Verkehrsunfall, das Boxen, das Sterben oder „den Film“ tanzte, faszinierten oder schockten das Publikum. Als sie 1922 in Berlin einen Orgasmus tanzt, rufen Zuschauer die Polizei.

Aus dem Modernen Tanz kommend und in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren als Tänzerin und Filmschauspielerin schon so bekannt, dass der Journalist Fred Hildenbrandt 1928 ein Buch über sie schrieb, musste die linke Jüdin Gert 1933 über Frankreich und Großbritannien in die USA emigrieren. Seit ihrer Rückkehr nach Deutschland Ende der 1940er-Jahre wurde Valeska Gert von der deutschen Öffentlichkeit weitgehend vergessen, worüber sie sich in einem ARD-Talkshowauftritt im Jahr 1975 bitter beklagte.

Vorläuferin des Punk

Cover von Wolfgang Müller: „Valeska Gert – Ästhetik der Präsenzen“, Inkl. Reprint „Valeska Gert – Mein Weg“ (1931). Berlin: Martin Schmitz Verlag; © Martin Schmitz VerlagEs ist genau dieser Fernsehauftritt der exzentrisch weißgepuderten und gleichzeitig so außergewöhnlich wach, freigeistig und lebensmunter wirkenden 83-Jährigen, der den damals 18-jährigen Wolfgang Müller nachhaltig beeindruckt. In seinem 2010 erschienenen Buch Valeska Gert – Ästhetik der Präsenzen schildert der seit 1979 in Berlin lebende Künstler Müller daher nicht nur das so faszinierende wie vielfältige künstlerische Wirken Gerts als das Erspüren ästhetischer Strategien, die erst viel später zum Tragen kamen. Er beschreibt darin auch, wie Gert für sein eigenes künstlerisches Umfeld ästhetische Voraussetzungen schuf, die in der Kunstgeschichte bisher vernachlässigt wurden. Mit einer Art „Phänomenologie der Wahrnehmung“ habe Valeska Gert die Grenzen gesellschaftlicher Konventionen analysiert und die gewonnenen Erkenntnisse mit ihrem Körper umgesetzt.

Müller, der als Teil der Musik- und Performanceszene der „Genialen Dilletanten“ und als Gründer der intermedial agierenden Künstlergruppe Die Tödliche Doris in den vom Punk beeinflussten West-Berliner 1980er-Jahren bekannt wurde und seither durch eine Vielzahl von Kunstprojekten, Ausstellungen und Buchpublikationen wirkte, sieht Gert als „Proto-Punk“. Sie habe „das Groteske, das Absurde in der Normalität spürbar und sichtbar“ gemacht. Durch diesen persönlich gefärbten Zugriff auf Gerts Werk, der etwa die von ihr bereits früh betriebenen Künstlerbars in Berlin, Zürich, New York und Kampen (Sylt) als Blaupause von entsprechenden Berliner oder Londoner Etablissements seit den 1980er-Jahren sieht, unterscheidet sich Müllers Buch von der im Jahr 2006 erschienenen, Gert unter anderem mit Künstlerinnen der 1990er-Jahre vergleichenden Publikation Valeska Gert. Fragmente einer Avantgardistin in Tanz und Schauspiel der 1920er-Jahre der Theaterwissenschaftlerin Susanne Foellmer.

Bewegte Fragmente

Plakat zur Ausstellung „Pause. Valeska Gert: Bewegte Fragmente“; © Wolfgang MüllerAktuelles Verdienst Müllers ist nicht nur, dass er in seiner Publikation Gerts 1930 als Buch veröffentlichten und als solches vergriffenen Text Mein Weg nachdruckte – eine Mischung aus biografischen Notizen und künstlerischem Programm, und als Botschaft an den sowjetischen Filmregisseur Sergej Eisenstein geschrieben, mit dem Gert amourös liiert war. Für den Hamburger Bahnhof in Berlin haben Müller und die Kunsthistorikerin An Paenhuysen zudem die Ausstellung Pause. Valeska Gert: Bewegte Fragmente kuratiert, die Fotografien und Filmauftritte von Gert zeigt und diese mit Arbeiten von sich ebenfalls Aspekten der Wahrnehmung widmenden Künstlerinnen und Künstlern wie Marcel Broodthaers, Valie Export, Marcel Duchamp oder Hanne Darboven in Verbindung setzt. Dort sind neben dem erwähnten ARD-Talkshowauftritt Gerts vor allem Ausschnitte aus Filmen von Georg Wilhelm Pabst, Rainer Werner Fassbinder oder Federico Fellini zu sehen, in denen Gert mitwirkte. Besonders beeindruckend ist dabei Gerts Performance KZ Kommandeuse Ilse Koch in Volker Schlöndorffs Dokumentarfilm Nur zum Spaß, nur zum Spiel – Kaleidoskop Valeska Gert von 1977 – eine beißende Darstellung der 1951 zu lebenslanger Haft verurteilten Frau des Lagerkommandanten des KZ Buchenwald.

Späte Genugtuung

Tanzfoto von Valeska Gert aus den 1920er-Jahren in einem Abzug aus den 1960er-Jahren, Sammlung Wolfgang Müller; © Wolfgang MüllerHerzstück der Ausstellung ist jedoch das 1969 gefilmte, erst 2009 wiederentdeckte Video der Performance Baby, bei der Valeska Gert mimisch und akustisch in überzeichneter, und daher radikal realer Weise das Wechselspiel von Baby und Amme darstellt. Dass Wolfgang Müller begleitend zu Buch und Ausstellung nun auch eine Vinylsingle mit dieser Aufnahme veröffentlichte, wäre für Gert sicherlich Anlass zu einer ihrer gewitzten Bemerkungen: Im Jahre 1962 lehnte die Deutsche Grammophon die Veröffentlichung einer Aufnahme von Baby ab, da Gerts Auftritt „nur aus ,Lallen‘, ,Gekicher‘ und ,Sabbern‘“ bestehen solle. Die Art allerdings, wie Valeska Gert hier lallt, kichert und sabbert, ist einzigartig und erklärt die späte Genugtuung ihrer Fans ob der unerwarteten Veröffentlichung.

Martin Conrads
lebt als freier Autor in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2011

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