Ausstellungen

Der Tanz ums vergängliche Werk – wenn Bewegung im Museum Einzug hält

„Retrospective“ by Xavier Le Roy; © Xavier Le Roy, 2012 © Fundació Antoni Tàpies, Barcelona. Foto: Albert Ibanyez, 2012. Available under a CC BY-NC-SA licenseChoreografie hat vor einiger Zeit begonnen, die Bühne der Gegenwart zu verlassen und sich in die Spielorte der Geschichte aufzumachen. Damit arbeitet das Feld des Tanzes wieder einmal mit einer Verwirrung.

Wo vormals nur das geregelte Zuschauen Medium der Werkentwicklung war, nehmen viele renommierte Künstler nun das Museum in den Blick und suchen Einblicke in ein anderes Sehen: Eine Galerie oder ein Museum steht für Dauer, während die Aufführung nur in ihrer eigenen Zeit vergeht.

Die Herausforderung ist groß. Zwei scheinbar entgegengesetzte Modelle des ästhetischen Konsums werden miteinander verschmolzen. Künstler stellen sich dem Fortleben von Performance in ihrer Geschichtlichkeit. Und sie verweigern dem Museum das Pathos des Ewigen.

Neue Kontexte für alte Werke

Aber natürlich ist der Gegensatz bei genauerem Hinsehen gar nicht so grundlegend. Denn längst definieren sich Museen über Wechselausstellungen, also die Inszenierung von Kunstwerken in einem begrenzten Zeitraum. Damit reaktivieren sie die Werke über wechselnde Kontexte. Und die Choreografen, Tänzer und Performer wissen, dass ihre Werke viel mehr Dauer beanspruchen dürfen, als die bloße Aufführung ihnen bietet. Die letzten Jahre haben gezeigt, wie fruchtbar solche Konzepterweiterungen sein können.

„Moments. Eine Geschichte der Performance in 10 Akten“, Eine Ausstellung im ZKM | Museum für Neue Kunst; Reinhild Hoffmann: „Bretter“, 1980; Foto: Silvia Lelli; © Reinhild HoffmannWerkretrospektiven, historische Themen, Neuaneignungen älterer Bühnenstücke und Performance-Ereignisse werden von vielen Kunstinstitutionen in Europa herausgebracht. Das jüngste Beispiel ist die Ausstellung Retrospective von Xavier Le Roy, die vom 24. Februar bis zum 22. April 2012 in der angesehenen Fundació Antoni Tàpies in Barcelona stattfand. Dabei wurden Bewegungen und Szenen aus den Solo-Arbeiten Le Roys von Tänzern buchstäblich ausgestellt. Der zentrale Schauraum des Museums präsentierte sie als Exponate, einschließlich der Ansage des Entstehungsjahres und eigenen Beleuchtungsspots. Jedoch war es auch Teil der Präsentation, dass die Tänzer auf die Zuschauer zugingen und ihnen das ausgestellte Werk, ihren eigenen biografischen Bezug dazu sowie ihre gegenwärtigen eigenen Projekte erläuterten. Die Solo-Arbeiten von Xavier Le Roy wurden damit über das Medium der beteiligten Tänzer von ihrem Autor abgelöst und gleichsam re-subjektiviert. In einem abgetrennten Arbeitsraum standen Video-Mitschnitte aller Stücke bereit, die sich anschauen konnte, wer mehr über das Original wissen wollte. Somit wurden Intimität des Austauschs und Dauer der Aufführung zu zentralen Faktoren der Retrospective, wie die Museumsleiterin Laurence Rassel betonte. Es geht auch ohne Bühne, und ohne die alleinige Autorität des Autors.

Momente, Bewegung, Räume

Mit dem Projekt Moments. Eine Geschichte der Performance in zehn Akten hatte sich, fast zeitgleich, das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe der Frage nach dem Fortleben von Performance gewidmet. In mehreren Etappen wurden historische Positionen der Performance Art, von Anna Halprin und Yvonne Rainer über Adrian Piper und Marina Abramovic bis zu Graciela Carnevale und Channa Horwitz in einer improvisiert anmutenden Ausstellung ausgebreitet, von Künstlern interpretiert, von Studenten beobachtet und schließlich in einem offenen Abend neu aufgeführt.

MOVE: Mike Kelley „Test Room Containing Multiple Stimuli Known to Elicit Curiosity And Manipulatory Responses (Full Cast)“, 2001; Foto: Fredrik NilsenDie Ausstellung MOVE. Choreographing you 2010/2011 dagegen hatte Bewegung als Movens der Bildenden Kunst in den Blick genommen und die gegenseitige Befruchtung unterschiedlicher Kunstpraxis offengelegt. Die Ruhrtriennale 2012 greift dagegen mit dem Ausstellungs-Redoing 12 Rooms eine Initiative aus Manchester auf. Vierzehn Künstler, darunter Joan Jonas, John Baldessari und Marina Abramovic, bieten einen Live-Art-Parcours an, der sich dem Momenthaften der Begegnung und der Reduktion des Kunstwerks auf einen raumzeitlichen Zufall verpflichtet.

Instabile Begegnungen

„12 Rooms / In Just a Blink of an Eye“, Ruhrtriennale; © courtesy of Xu Zhen, 2005Den Moment der Begegnung zwischen (Tanz-) Kunstwerk und Publikum, das nicht auf einem Stuhl sitzt und wartet, was geschehen mag, sondern nach eigenem Gutdünken umherwandert, untersucht seit Jahren schon Tino Sehgal, der seine Arbeiten gar nicht dem Tanz oder der Choreografie zurechnet. In kalkulierten Situationen „erleben“ die Museumsbesucher Menschen in Räumen, deren schiere Anwesenheit, bisweilen garniert mit wenigen Handlungen, Aussagen oder Erzählungen, schon den Kunstrahmen setzt. Sehgal ist nach mehreren Einzelausstellungen in großen Museen auch auf der Documenta 13 vertreten.

Die Begriffe des Stabilen greifen nicht mehr, das ist eine Grunderkenntnis der zeitgenössischen Kultur. Die ewigen Werte und Werke des Bildungskanons sind momentanen Anordnungen gewichen. Das Kulturerbe ist zum Archiv geworden, aus dem immer neue Lesarten entstehen und sich auf begrenzte Zeit in die Gegenwart einschreiben. Das Museum trägt diesem Befund Rechnung, indem es das Gegenwärtige von Performance als bloße Handlung mit der Aura des Unvergänglichen einer Schausammlung ausstattet. Aber auch das Unvergängliche verändert sich. Es wird ebenso lebendig und dadurch verletzlich wie die Geschichten der Choreografie. Bewegungskunst im Museum belehrt darüber, dass wir uns letztlich auf nichts mehr verlassen können. Aber diese Gewissheit wird zum rettenden Anker im Kulturbetrieb.

Franz Anton Cramer
ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Künste Berlin. 2007 bis 2011 betreute er für Tanzplan Deutschland den Projektbereich „Kulturerbe Tanz“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
August 2012

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