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Abwesenheit: Gerald Siegmunds Studie über die „performative Ästhetik des Tanzes“

'Abwesenheit - eine performative Aesthetik', Buchcoverabbildung; Copyright: Transcript VerlagTanz kann nicht alles zeigen. Hinter den Ausdrucksbewegungen tanzender Körper verbergen sich die eigentlichen Gefühle, im Vorzeigen von Bewegung sieht man immer auch deren Verschwinden. Im Leben des Tanzes lauert sein Mangel: Tanz handelt von Abwesendem.

Es ist eine gängige Vorstellung, dass man es im Tanz mit Gegenwart zu tun habe. Die Tänzer bewegen sich vor den Augen der Zuschauer, sie sind leibhaftig anwesend. Daraus vor allem bezieht der Tanz sein Spezifisches, sein Wesen: Tanz ist Dasein, Anwesenheit. Die zeitgenössische Tanzkunst hat an dieser Ordnung allerdings viele Zweifel aufkommen lassen. Zwar bleibt die Aufführung zentraler Ort der Begegnung, und Choreografie entzieht sich nicht grundsätzlich der Pflicht des In-Erscheinung-Tretens. Aber was tritt vor unsere Augen, was wird im Tanzen wirklich sichtbar? Gerald Siegmund zufolge ist es in letzter Konsequenz der Tod. Oder, weniger dramatisch gesagt, der fundamentale Seinsmangel des Subjekts; die „Abwesenheit“.

Das ist jedenfalls der Titel seiner letzten, 2006 erschienenen Monographie. Siegmund, mittlerweile Professor am renommierten Institut für angewandte Theaterwissenschaft an der Universität Gießen, hat jahrelang als Journalist und Experte die europäische und amerikanische Tanzszene begleitet, kommentiert und analysiert. Er verfügt damit nicht nur über profunde Kenntnis künstlerischer und choreografischer Arbeitsweisen, sondern auch über ein methodisches Theoriewissen, mit dem er die Wirklichkeiten des zeitgenössischen Tanzes konfrontiert.

Fatale Gegenwart

'Visitors Only', Foto: Chris Van der BurghtFast aphoristisch fasst Siegmund seinen Ansatz so zusammen: „Weil der Tanz keine Zeichen seiner Gegenwart im Sinne von Artefakten hinterlassen kann, muss er sich auf seine Gegenwart konzentrieren, die sein Tod ist.“ Das ewige Verschwinden des Tanzes als einer schieren Bewegung ist, so kann man Siegmunds These verstehen, einerseits sein eigentliches Wesen, andererseits aber auch sein Schicksal: Tanz stirbt, indem er stattfindet.

Diese fatale Gegenwart des Tanzes, dieser Auftrag zur „Präsenz“ dient außerdem immer nur dazu, einen fundamentalen Mangel zu kaschieren: Bestimmte Erfahrungen – darunter die Erfahrung des eigenen Selbst – können niemals „unmittelbar“ gemacht werden. „Die Präsenz des Tanzes muss, um dem bloßen Austausch von Informationen und Neuigkeiten, Stilen und Bewegungen im immerwährenden Präsens zu entkommen, den Umweg über die Abwesenheit gehen.“ Denn nur in der Abwesenheit, in dem, was dem Tanz nicht mehr zukommt, kann er seinen Sinn bewahren. „Es geht darum (...), das dem menschlichen Subjekt radikal Unverfügbare als Horizont des Tanzes zu eröffnen.“

Vom Kopf auf die Füße

Raimund Hoghe, Foto: Luca Giacomo SchulteMit dieser radikalen These vom Jenseitigen des Tanzes als dessen eigentlicher Wirkungsmacht bündelt Siegmund einerseits die eigene wissenschaftliche Arbeit – Abwesenheit ist seine Habilitationsschrift. Andererseits stellt er die Tanztheorie gleichsam vom Kopf auf die Füße, indem er die Gründungsfiguren der Moderne wie Isadora Duncan, Mary Wigman oder Martha Graham gegen deren eigene Mythologisierung und gegen die Allgemeinplätze der Tanzgeschichtsschreibung liest.

Denn auch in den leidenschaftlichen Bekenntnissen der frühen Tänzerinnen und ihrer Verehrer steht letzten Endes ein Motiv zur Debatte, welches nicht die Unmittelbarkeit des Ausdrucks bezeichnet, sondern die Übertragung, das Entziehen des Unmittelbaren. Wo etwa die amerikanische Tanzpionierin Martha Graham eine eigene Bewegungstechnik entwickelt habe, um „machtvolle Gefühle“ darzustellen, da verschwinden eben die Gefühle selbst hinter dem Mittel ihrer Darstellung, so Siegmund: „Die Bewegung des Körpers wird zu einem Symbol für die Sache [das Gefühl, Anm. d. V.], einem Symbol mithin, das für die Abwesenheit des Gefühls steht.“

'EidosTelos', Foto: Dominik MentzosSiegmunds Denkfigur der Abwesenheit ist aber vor allem für die Analyse zeitgenössischer Stücke hilfreich. Und sie ist, angewendet etwa auf die Arbeit von William Forsythe, auch für das eingehende Verständnis der klassischen Tanzsprache von Belang. Denn in Forsythes Denken ist die Technik des Balletts als Vollendung ein bloßes Ideal, also unwirklich. Zwar bemüht sich jeder Ballerino um eine möglichst weitgehende Annäherung an dieses Ideal. Und gerade dieses Bemühen um die Annäherung an das tänzerische Ideal prägt auch die choreografischen Arbeiten von William Forsythe selbst. Im Zentrum aber steht das, was eben nicht erlangt werden kann, was also fundamental abwesend ist: die vollkommene Arabeske, das makellose Gleichgewicht, die reine geometrische Linie.

Kunst der Verstörung

Zweifellos muss eine solche Vorstellung von Tanz als Kunst des Fehlenden, des Mangels und der Abwesenheit verstören. Denn schließlich lebt jede Tanzaufführung vom Gegenwärtigen. Aber diese Gegenwart der Aufführung ist eben nur der Rahmen, in dem verhandelt wird, was wir nicht erlangen können. Vielleicht ist deswegen der zeitgenössische Tanz ein so weites Feld. Vielleicht sind deswegen die Auseinandersetzungen über ihn so leidenschaftlich und so polarisiert. Immerhin geht es dabei, glaubt man Gerald Siegmund, stets um das Ganze unserer Existenz.

Gerald Siegmund: Abwesenheit. Eine performative Ästhetik des Tanzes. William Forsythe, Jérôme Bel, Xavier Le Roy, Meg Stuart. Bielefeld: Transcript 2006, 502 Seiten.

Franz Anton Cramer
ist Tanzwissenschaftler und Autor.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2009

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