Festivals

One Step Ahead? – Eindrücke von der Tanzplattform 2010 in Nürnberg

Richard Siegals intermedialen Performance „As if stranger“; Foto: Joris-Jan BosDie Tanzplattform Deutschland, die seit 1990 alle zwei Jahre in einer anderen Stadt stattfindet, zeigte im Februar elf ausgewählte zeitgenössischen Tanzproduktionen aus Deutschland.

Der Termin steht zwei Jahre vor dem Ereignis fest, und für viele – wenn nicht die meisten – Tanz-Fachleute sind die vier Tage im Februar rot im Kalender markiert. Die Tanzplattform Deutschland fungiert nach wie vor als Schaufenster der nationalen Szene und als Treffpunkt für die Community. Ihrer Beliebtheit tut es keinen Abbruch, wenn man sich – wie in diesem Jahr – erst vor vier Monaten beim Tanzkongress in Hamburg getroffen hatte und sich in einem guten halben Jahr in Düsseldorf wieder begegnen könnte, dann bei der international ausgerichteten Tanzmesse NRW.

„Ich sah: Das Lamm auf dem Berg Zion, Offb. 14,1“ von VA Wölfl / Neuer Tanz; Foto: VA Wölfl Doch anders als die beiden anderen Großevents scheint die Tanzplattform identitätsstiftend für die Szene zu sein. Diesen Eindruck jedenfalls erwecken die „Ahs" und „Ohs“, wenn die Namen derer bekannt gegeben werden, die eingeladen sind, und erst recht die derjenigen ventiliert werden, die nicht gebeten wurden, für einen Einheitslohn und im Marathon ihre Stücke zu präsentieren. Und auch die angereisten Besucher (in Nürnberg waren etwa 500 aus über 50 Ländern akkreditiert) erwarten von der Auswahl Repräsentativität.

In die Breite und in die Tiefe

Für die tauchsiederhafte Erhitzung der vier Tage mit deutschem Tanz mag auch die Geschichte der Plattform verantwortlich sein: Sie begann mit dem Festival BRDance, wandelte sich zur Vorauswahl für die Rencontres Chorégraphiques Internationales de Seine-Saint-Denis in Bagnolet bei Paris (wobei die Auswahl Anita Mathieu allein oblag). Ab 2002 wurde sie von je einem Verantwortlichen der Veranstaltergemeinschaft ausgerichtet. Seit 2004 kuratiert eine Jury. Die und ihr „Statement“, wie Jurorin Melanie Suchy ihre Auswahl treffend nannte, wird in erster Linie für die Temperatur der Plattform verantwortlich gemacht.

Wilhelm Groeners „Hotel Hassler“; Foto: Wilhelm GroenerIn Nürnberg gab es nun erstmals ein offizielles Programmformat zur Auslotung der Jury-Seele. Jochen Roller, Performer, Choreograf und Kurator auf Kampnagel in Hamburg, bestritt zusammen mit Petra Roggel vom Goethe-Institut jeden Tag ein Fachgespräch, in dem es um die Qualität der tags zuvor gesehenen Stücke ging. Elf Kompanien (vor allem aus Berlin, Hamburg und Nordrhein-Westfalen) mit 14 Produktionen waren in 29 Vorstellungen zu erleben, beginnend mit Ich sah: Das Lamm auf dem Berg Zion, Offb. 14,1 von VA Wölfl / Neuer Tanz, das in der eindrucksvollen Halle des Neuen Museums den Maßstab vorgab – was Präzision der Darsteller, visuelle Wucht und die Aufmerksamkeit ätzende Wahrnehmungsarbeit betrifft.

Ästhetische Welten

Gintersdorfer / Klaßens „Logobi“-Reihe; Foto: Gintersdorfer / KlaßenÄhnlich ausgereift, komplex und akkurat sah man das nur noch bei Richard Siegals intermedialen Performance As if stranger, die wiederum im Neuen Museum die Plattform beschloss. Dazwischen gab es kleine Formate. Das Solo Babel Fish Moves – Universal Movement Translations von Monica Antezana kreist um die universale Verständlichkeit von Tanz. Sehr eindeutig hingegen, mit nichts als dem Körper und dem Atem, arbeiten sich Jared Gradinger und Angela Schubot in What they are instead of an energetischem Dauerfeuer zweier halbstündiger Beischlaf-Choreografien ab. Ganz ohne Schnaufen nimmt uns Fabien Priovilles Jailbreak Mind in die ästhetisch glatte Welt der Baller-Spiele mit, in denen im Farbblitz gestorben wird. Vier Folgen von Gintersdorfer / Klaßens Logobi-Reihe machten Spaß, Antonia Baehrs Partitur Lachen brachte dazu, und auch Wilhelm Groeners aberwitziges Hotel Hassler schaffte es, Heiterkeit und Abgrund zusammenzubringen. Als eher unfreiwillige Komik kam bei manchem Besucher Martin Nachbars Urheben Aufheben an über seine vielschichtige Rekonstruktionsarbeit von Dore Hoyer Affectos Humanos. Gar nicht mochten viele Ludicas The Corner sowie Ben J. Riepes Liebe | Tod | Teufel – Das Stück.

Arbeit am Netzwerk

Antonia Baehrs „Lachen“; Foto: Jan Stradtmann

Die Besucher zogen unter dem Motto „One Step Ahead“ von Spielort zu Spielort, vom Festsaal im Künstlerhaus zur Tafelhalle im KunstKulturQuartier (dessen Leiter Michael Bader die Plattform veranstaltete), vom Neuen Museum zur Kongresshalle, vom Theater Pfütze zum Theater Mummpitz, von Künstlergesprächen zu Präsentationen von „Tanzplan Deutschland“, „Nationalem Performance Netz“ oder „European Dancehouse Network“ im Rahmenprogramm. Was man jedoch nicht zu Gesicht bekam, das war ein Nürnberger Tanz-Künstler (ebensowenig wie überhaupt einer aus Süddeutschland). „Warum findet dann die Plattform überhaupt in Nürnberg statt?“ wurde gefragt. Wenn die Stadt doch so gar keine eigene Duftmarke hinterlasse? Gerade Vertreter von Choreografen, die sich um die Stärkung ihrer jeweiligen lokalen Szene kümmern, wären gerne mit den Nürnbergern ins Gespräch gekommen.

Jared Gradinger und Angela Schubot in „What they are instead of“; Foto: Dieter HartwigAls sehr positives Beispiel für ein interessantes Format, das dieses Bedürfnis abdeckt, wurde die Vorstellung der Choreografenvereinigung ID_Frankfurt genannt, die sich frisch in Frankfurt gegründet hatte und sich auf der Plattform bekannt machte. Wie kann man etwas für die freie Szene tun? Wie gehen im lokalen Rahmen Kunst und Ökonomie zusammen? Hier war Austausch gesucht. Vielleicht wäre das eine Anregung für die nächste Plattform, die im Europäischen Zentrum der Künste Dresden / Hellerau stattfindet. Der Termin steht schon fest: 23. bis 26. Februar 2012.

Katja Schneider
Seit 2004 Lehrbeauftragte für Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Tanz-, Tanzpädagogik- und Verlagsausbildung. Seit 1994 journalistische Tätigkeit unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und den Deutschlandfunk, Redakteurin der Zeitschriften tanzdrama , tanzjournal (2003–2009) und tanz (seit 2010). Mitglied verschiedener nationaler und internationaler Tanzjurys.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2010

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de