Filmtipps

Vorsichtige Nähe – Tanzfilme von der Choreografin Sasha Waltz

„Körper“ (2000); Foto: Bernd UhligSeit 15 Jahren zählt Sasha Waltz zu den erfolgreichsten deutschen Choreografinnen. Das Film-Porträt „Garten der Lüste“ bietet einen guten Überblick über ihr bisheriges Werk, und einige ihrer besten Stücke liegen inzwischen auch auf DVD vor.

Sasha Waltz hat ein Gespür für Sofas. Das wohl wichtigste Sofa ihres Lebens kaufte sie 1996 auf einem Berliner Flohmarkt: ein bräunliches 1970er-Jahre-Scheusal, das inzwischen Tanzgeschichte geschrieben hat. Es ist das Hauptrequisit in Allee der Kosmonauten, dem Stück, mit dem Sasha Waltz und die von ihr mitbegründeten Sophiensaele berühmt wurden.

Auch für die Filmemacherin und Produzentin Brigitte Kramer spielte das Sofa eine große Rolle. Darauf hatte sie einst als Statistin für die Verfilmung von Allee der Kosmonauten gesessen. So kam es letztendlich für die Schnittregie des preisgekrönten Tanzfilms über die Allee im Berliner Plattenbauviertel Mahrzahn zur ersten Zusammenarbeit zwischen den zwei Frauen. Seitdem verfilmten sie, abwechselnd Regie führend, fünf Choreografien, bis auf eine alle im Auftrag des Fernsehsenders ARTE. Zusätzlich schuf Brigitte Kramer mit Garten der Lüste (2008) ein biografisch orientiertes Werkporträt von Sasha Waltz.

„Allee der Kosmonauten“ (1996); Foto: Sebastian BoleschDiesen Film stellen internationale Tanzfestivals gerne ins Rahmenprogramm, weil der prägnante Autorenkommentar und die stimmungsvollen Werkausschnitte einen ebenso informativen wie sinnlichen Einblick in das choreografische Werk vermitteln. Völlig zu Recht legt das Porträt ein besonderes Gewicht auf die Arbeit mit Räumen. Die choreografische Vermessung von Gebäuden bekam seit Dialoge 99/II im Jüdischen Museum Berlin immer mehr Gewicht in Sascha Waltz’ künstlerischer Auseinandersetzung. Ihre choreografischen Installationen in Museumsräumen sind inzwischen über Deutschland hinaus gefeierte Zeremonien.

Synästhetische Arbeit zwischen Himmel und Wasser

Räume haben aber auch ihre stilistische Entwicklung von hochmusikalischem Tanztheater zu choreografierter Oper in bisher drei großen Etappen geprägt. Ab Juni 2011 liegen für jede dieser Phasen repräsentative Einzelverfilmungen auf DVD vor. So steht die irrwitzige Allee der Kosmonauten für die burlesken und überdrehten psychologischen Tanztheaterstücke, deren Heimat das szenige Ruinenflair der Berliner Sophiensaele war.

„Körper“ (2000); Foto: Bernd UhligNach dieser Pionierphase folgte für die Compagnie Sasha Waltz & Guests der Umzug an die etablierte Westberliner Schaubühne. Dort ließ die Choreografin den Sichtbeton des hohen Bühnenraums freilegen und schuf damit einen schnörkellosen, sakral-bedrohlichen Bezugspunkt für ihre zwischen materieller Leiblichkeit, exzessiver Sinnlichkeit und metaphysischen Fragen aufgespannte Körpertrilogie Körper, S und nobody (Uraufführung 2000–2002).

2006 konnte dann das von Jochen Sandig, dem künstlerischen Leiter der Compagnie, entdeckte Radialsystem an der Ostberliner Spree bezogen werden. Die traumhaften Studios zwischen Wasser und Himmel, Raum an Raum mit der Akademie für Alte Musik Berlin, unterstützten letztlich die synästhetische Arbeit an den großen Opern und an den architektonischen Choreografien. Dido & Aeneas (Uraufführung 2005) mit der Musik von Henry Purcell und Dialoge 09 zur Wiedereröffnung des Neuen Museums in Berlin sind zwei herausragende Stücke dieser bis heute andauernden Schaffensphase.

„Dido & Aeneas“ (2005); Foto: Sebastian BoleschAnders als der im Stil einer absurden Reality-Soap vor Ort in Mahrzahn gedrehte Film Allee der Kosmonauten beziehen alle übrigen Verfilmungen keine außerhalb der Choreografie liegenden Bilder oder filmischen Verfremdungen ein. Es hängen keine Tänzer mehr von der Decke; Rhythmus, Stil und Duktus bleiben so ursprünglich wie möglich. Nur selten erlaubt sich Brigitte Kramer vorsichtige Interpretationsangebote, wie etwa in Körper, wo minimal eingesetzte, gleitende Wechsel in schwarz-weiße Super-8-Optik tragische geschichtliche Assoziationen freisetzen. Die Nähe zur Choreografie, die jedoch mit einer bloßen zentralperspektivischen Theateraufzeichnung nicht das Geringste zu tun hat, stellt enorme Anforderungen an die Kamera von Jörg Jeshel. Seit dem ersten Film kann sich das Regieteam Waltz und Kramer auf sein konzentriertes drittes Auge verlassen.

Dokumentarisches Ethos, choreografisches Auge

„Dialoge 09“ (2009); Foto: Sebastian BoleschNatürlich müssen seine Entscheidungen im Vergleich zu Live-Aufführungen reduzierend wirken, sich manchmal für nur wenige unter bis zu 26 Tänzern entscheiden. Jedoch gelingt es stets, ein stimmiges Gefühl zwischen Ausschnitt und Stück zu vermitteln. So werden auch körperliche Nacktheit und Close-ups auf Körperteile und Gesichter nicht voyeuristisch sondern immer im Fluss des Kontextes eingefangen. Dadurch spiegelt sich auch ein wichtiger Aspekt der choreografischen Arbeit: Bei Sasha Waltz sind Körper nahbar gegenständlich und unnahbar persönlich zugleich, eher künstlerisch ästhetisiert als exhibitionistisch ausgestellt.

In S, der sinnlichsten ihrer Choreografien, deren Verfilmung Sasha Waltz wieder selbst leitete, kann sie darum sogar hocherotische Gesten entstehen lassen, ohne ihnen die Tänzer preisgeben zu müssen. Aus diesem Werk bezieht Brigitte Kramer die Assoziation zu Hieronymus Boschs Gemälde Garten der Lüste, die sie für ihr Porträt verwendete.

Eine einzige Fernsehverfilmung stammt nicht von dem eingespielten Team. Aus einem Live-Mitschnitt der Purcell-Oper Dido & Aeneas mit dem berühmten Unterwassertanz schuf der Regisseur Peter Schönhofer – wiederum für ARTE – ein Panoptikum aus dem Material von zehn Kameramännern. So ist dieser Film bis zum Blubbern von Phoebus’ Teekesselchen detailverliebt – und so wendig, dass man sich manchmal beinahe eine stillstehende Totale wünscht. Aber auch wer sich ab und an ganz ins Hören der kristallin gespielten Musik abgleiten lässt, wird von dem magisch beleuchteten, bewegten Bilderbann rasch zurückerobert.


„Körper“, „S“, „nobody“, Trilogie. Regie: Sasha Waltz und Brigitte Kramer. 3 DVDs. Arthaus Musik (Juni 2011)

„Dido & Aeneas“, Regie: Peter Schönhofer. DVD. Arthaus-Musik 2005, 98 Min.

„Dialoge 09“. Regie: Sasha Waltz mit Brigitte Kramer und Jörg Jeshel. DVD. Sasha Waltz & Guests/ZDF 2009. 52 Min.

„Garten der Lüste“, Regie: Brigitte Kramer. DVD. nachtaktivfilm, Berlin 2008. 59 Min., 20 Min. Bonus-Material.

„Allee der Kosmonauten“, Regie: Sasha Waltz und Elliot Caplan. DVD. Kosmonautfilms für ARTE/ZDF 1999. 58 Min. (Zur Zeit vergriffen.)
Astrid Kaminski
arbeitet als freie Autorin und Journalistin. Sie schreibt über Literatur, Tanz und Performance für Tages- und Fachzeitungen.

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Februar 2011

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