Bühnen

Die Uferstudios – Schnittstelle zwischen Künsten und Kompetenzen

Die Uferstudios an der Planke in Berlin; © UferstudiosEinst Pferdebahnhof, Straßenbahndepot, dann Werkstatt für die Busse Berlins – in den Uferstudios spinnt der Zeitgeist das Thema Bewegung fort. Als späte Antwort auf die Forderung nach einem Tanzhaus entstand in Berlin ein Ort für zeitgenössischen Tanz. Motor dieses Projekts war die lebendige freie Tanz- und Performance-Szene selbst. Die Synergie aus qualifizierter Lehre, künstlerischer Produktion und Bühnenrealität ist ein Glücksfall.

Seit Oktober 2010 hat die Stadt, was ihr fehlte. In den Uferstudios an der Panke pulsiert ein Tanzzentrum, in dem sich Künste und Studienkompetenzen mit einem weltweiten Netzwerk verknüpfen. Auf den ersten Blick sehen die Klinkerbauten im Ortsteil Gesundbrunnen nicht eben einladend aus. Aber das dürfen sie, denn die einstigen Lager und Hallen der Berliner Verkehrsbetriebe – 1926 von Jean Krämer, Architekt der Neuen Sachlichkeit entworfen – stehen unter Denkmalschutz. Manche sagen, der Shabby-Look stehe Berlin gut. Der zweite Blick in die hellen, hohen, mit Schwingböden fein ausgestatteten 14 Säle lässt hoffen, dass sich die hybride Kunstform hier voll entfalten darf. Es ist die Heimat der zurzeit 40 Studierenden (aus 20 Ländern) des Hochschulübergreifenden Zentrums Tanz (HZT), die auf dem Campus – geplant oder zufällig – mit bildenden Künstlern, Musikern, Filmteams und der freien Tanzszene kooperieren, philosophieren oder auf großen und kleinen Bühnen konkurrieren.

Viele zogen an einem Strang

Studio 14 der Uferstudios; © UferstudiosZu einem edlen Neubau, wie ihn das Laban-Center in London geschenkt bekam, hat es im armen Berlin nicht gereicht. Es brauchte Viele, die für diesen Coup an einem Strang zogen, um der Kreativmetropole zu einem Dreh- und Angelpunkt mit viel Tanzraum, Mediathek und einer Info-Stelle des Tanzbüros zu verhelfen. TanzRaumBerlin – Netzwerk von Tänzern, Spielstätten, Ausbildungsorten und Fachberatern – hatte dabei den längsten Atem, die Raumnot und Selbstausbeutung der Choreografen immer wieder publik zu machen. Allen voran Barbara Friedrich, seit 1989 erfahrene Festival-Produzentin. Sie führt die Geschäfte der Uferstudios GmbH und ist verantwortlich dafür, „den Ort am Leben zu halten, aufzupassen, dass er nicht pleite geht.“ Als intelligente Netzwerkerin kannte sie „die schlechten Probenräume, in denen geniale Stücke entstehen sollten“. Die Frau mit Herz profilierte ihre kämpferische Seite. Mit der Szene im Rücken klinkte sie sich ein in das Ringen um eine zeitgemäße Ausbildung – und fand den passenden Ort.

Vor der Vorstellung; © UferstudiosDas Glück spielte mit. Als der Tanzplan der Kulturstiftung des Bundes sich für das Pilotprojekt HUZ stark machte, sagten auch die Politiker „ja“ zur Kooperation zwischen Universität der Künste, der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und der freien Szene. Die Klassenlotterie kam mit 4,3 Millionen Euro für den Umbau der Werkstätten auf. Das HZT ist mit fünf Studios potentester Mieter der Uferstudios. Die Tanzfabrik, Berlins ältestes Zentrum für zeitgenössischen Tanz, nutzt permanent zwei Räume, das ada-Studio einen. Eine große Küche vereint alle. Die restlichen sechs Ateliers werden für Proben, Workshops, Laboratorien, Showings und Aufführungen temporär vermietet. Da alle Hallen über Traversen für Licht verfügen, ist es möglich, auch Nah dran (Titel einer ada-Nachwuchsreihe) Bühnen-Bedingungen zu schaffen.

Kunst und Forschung suchen Nähe

„Village“; © Mariola GroenerDennoch kann sich Barbara Friedrich mit ihrem Team nicht zurücklehnen. Weil schon in der Bauphase ans Kulturzentrum Uferhallen, den Hauptmieter nebenan, Miete fällig wurde, ging man mit Schulden an den Start. Die Hoffnung, sie in fünf Jahren los zu sein, ist realistisch. Großevents helfen dabei: Der Tanzplan stellte hier vor 500 Gästen sein Buch Tanztechniken 2010 vor; die Tagungen des Feldenkrais-Verbandes mit 450 Praktikern und einem Vortrag des Neurobiologen Gerald Hüther sowie die Konferenz Tanz (und) Theorie des kooperierenden Zentrums für Bewegungsforschung der FU Berlin mit Lectures und Performances passten inhaltlich und geschäftlich gut ins Konzept. Der Kongress Tanzmedizin (tamed) zum Thema Faszi/e/nation Tanz – bewegte Vernetzung wird 2012 von den Erfahrungen profitieren. Studio 14 ist mit 412 Quadratmetern ein variabler Raum, in dem sich knapp 100 Menschen mühelos bewegen können. So geschehen im Juli 2011, als die Tanzfabrik und das HZT die US-Bewegungsforscherin Bonnie Bainbridge Cohen für zwei Seminare einluden. Abends füllte sich der bestuhlte Saal mit 200 Hörern für ein Zwiegespräch zwischen der Pionierin des Body-Mind Centering und dem Kognitionswissenschaftler Alva Noë über die Dynamik of Perception. Auch hier zeigte sich, wie nah sich Tanz und Philosophie, Kunst und Forschung kommen können.

Nachhaltige Unfertigkeit erwünscht

Hoffest in den Uferstudios; © UferstudiosEin „enges Genre“ soll hier nicht bedient werden, betont Friedrich. Sie wünscht sich für den Ort im Aufbau eine „nachhaltige Unfertigkeit“, die Kreativität und ästhetischen Wagemut stimuliert. Transfer geschieht fast von selbst, wenn Susanne Linke oder Meg Stuart Tür an Tür proben oder lehren und sich auf dem Hof in Gespräche verwickeln lassen. Aber auch geplant, wenn Professoren sich mit Akteuren der freien Szene verbünden: Nik Haffner mit Christina Ciupke zu erstaunlichen Duetten, Ingo Reulecke mit Katja Münker, dem Bassisten Klaus Janek und der Video-Netzwerkerin Andrea Keiz zur PankePerformance, einer Hörwanderung mit mp3-Player im Ohr am Fluss entlang, kollektivem Suppekochen und einer Performance, in der das Erlebte physisch, musikalisch und räumlich „verdaut“ wird. Synergie auf allen sinnlichen Ebenen.

Irene Sieben
ist Schülerin von Mary Wigman, Feldenkrais-Lehrerin, freie Journalistin und Autorin mit Schwerpunkt auf tanzhistorischen Themen und somatischen Lern-Methoden. Sie lebt in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Oktober 2011

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