Bühnen

Selbst ist der Tanz – zwei privat gegründete Berliner Veranstaltungsorte im Porträt

Das Radialsystem; © Sebastian BoleschDie Berliner Tanzszene genießt einen exzellenten Ruf. Ein Umstand, der ohne die Initiative, das Engagement und den Idealismus einzelner Veranstalter kaum denkbar wäre.

Jochen Sandig ist seit Langem bestens im Berliner Tanzgeschehen bekannt. Er hat die legendären Sophiensaele mitgegründet. Das Ensemble seiner Frau Sasha Waltz ist heute weltweit erfolgreich. Und eine zeitlang gehörten beide zum Leitungsteam der Schaubühne am Lehniner Platz. Als Sandig vor ein paar Jahren ein ehemaliges Pumpwerk an der Spree entdeckte, ging er dennoch ein neues Wagnis ein.

Folkert Uhde und Jochen Sandig; © André Rival Die Bedingungen schienen einfach zu perfekt: 2.500 Quadratmeter Fläche, direkte Wasserlage, Blick auf die Spree. Der Ort schien die optimale Umgebung für eine neue Tanzspielstätte in Berlin. Um ihn bespielbar zu machen, ließen Sandig und sein Partner Folkert Uhde sich auf ein finanzielles Risiko ein. Bis auf Zuschüsse zur technischen Ausstattung des Hauses unterstützten nämlich weder Senat noch andere Fördereinrichtungen die neue Spielstätte. Erst mit einem Privatinvestor, der den Umbau finanzierte, konnte das Radialsystem 2006 eröffnet werden.

Heute strahlen die Neonröhren vor dem Haus den Ostbahnhof an, im Inneren finden sich zwei Theatersäle und drei Studios und von der Terrasse blickt man auf das Wasser. Eine internationale Künstlerschar bespielt seit der Gründung vor sechs Jahren die Bühnen und experimentiert mit dem spannenden Versuch, neue Verknüpfungen von Musik und Tanz aufzuspüren. Aushängeschild für die Arbeit am Haus sind Sasha Waltz & Guests, die an der Spree eine neue Heimat gefunden haben.

Eröffnung 2006: „Dialoge 06“ von Sasha Waltz; © Sebastian BoleschDoch sie teilen sich die Räumlichkeiten mit der Akademie für Alte Musik, dem Solistenensemble Kaleidoskop und dem Ensemble Vocalconsort Berlin. Das Radialsystem ist zum Großprojekt gewachsen. Einem Projekt, das sich nur finanzieren lässt, wenn hin und wieder auch über das Künstlerische hinaus gedacht wird. So wird die Spielstätte schon mal für Unternehmensfeiern, Konferenzen und PR-Events vermietet – in erster Linie aber steht sie Kunstschaffenden offen. Das renommierte Festival Tanz im August hat das Radialsystem in den vergangenen Jahren ebenso genutzt wie das interdisziplinäre Netzwerk „Zentrale Intelligenzagentur“. Choreografinnen wie die Französin Mathilde Monnier oder Sängerinnen wie Peaches adelten den Ort. Und nach sechs Jahren ist er nun kaum noch aus der Stadt wegzudenken.

Investition im Hinterhof

DOCK11, Saal 1; Foto: Dock 11Ohne die enorme Initiative von Wibke Janssen und Kirsten Seeligmüller wäre Mitte der 1990er-Jahre auch das Dock 11 nicht entstanden. Was 1994 ohne jegliche Fördergelder als Tanzschule im Prenzlauer Berg begann, gilt fünfzehn Jahre später als einer der wichtigsten Treffpunkte der Berliner Tanzszene. Denn als die vielen Choreografen, die damals in der kleinen Hinterhofschule trainierten, nach Aufführungsmöglichkeiten fragten, gaben Janssen und Seeligmüller dem Bedarf bald nach. Sie mieteten eine Halle auf dem Gelände und bauten sie privat aus. Künstler, die mittlerweile die größeren Bühnen der Stadt bespielen oder international erfolgreich sind, waren zuvor oft im Dock 11 zu sehen. Bekannte Choreografen wie Nir de Wolff oder Yui Kawaguchi halten dem kleinen Tanzort deshalb nach wie vor die Treue. Nicht zuletzt, weil auch sie immer wieder mit schwierigen Produktionsbedingungen, fehlenden finanziellen Mitteln und belegten Probenorten kämpfen. Um letzterem entgegenzuwirken, eröffneten Seeligmüller und Janssen vor drei Jahren einen weiteren Tanzstandort.

Das EDEN; Foto: Barbara DietlDas EDEN***** liegt im Herzen von Pankow. Abseits des hektischen Kulturbetriebs im Zentrum wird auch hier Tanz produziert und gezeigt. Und auch hier zahlt das Engagement sich aus. Die Bedingungen, unter denen Tanzschaffende in den Pankower Räumen arbeiten, sind luxuriös – große, helle Studios in parkähnlicher Umgebung, günstige Mieten und angegliederte Aufführungsmöglichkeiten. Für einen regelmäßigen Spielbetrieb allerdings fehlt das Geld. Zwar wurde der Bau der Studios mit einer Förderung der Stiftung Deutsche Klassenlotterie unterstützt. Doch auch ein Proben- und Spielbetrieb kostet. Damit Größen wie Meg Stuart oder Laurent Chétouane weiterhin am Stadtrand kreativ sein können, erwirtschaften Seeligmüller und Janssen die Kosten für ihr Projekt also weitestgehend selbst.

DOCK11 „icon“; Foto: Doris KoldeDer Idealismus, Spiel- und Probenorte für den Tanz in Eigenregie zu gründen und unterhalten, ehrt die Betreiber von Einrichtungen wie Radialsystem und Dock 11. Dennoch sollte die Kulturpolitik der Stadt dadurch nicht aus der Pflicht entlassen werden. Auf das Engagement der Freien Szene in Berlin kann die Stadt wahrlich stolz sein. Sie sollte sich in Tagen, in denen der Tanz mehr denn je zu Berlins kultureller Attraktivität beiträgt, aber auch angehalten fühlen, ihn entsprechend zu unterstützen.

Elisabeth Wellershaus
studierte Theaterwissenschaften und Anthropologie in London. Heute lebt sie als Journalistin in Berlin und schreibt über Kultur- und Gesellschaftsthemen.

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Mai 2012

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