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Laboratorien der Lebensformen – Mary Wigmans Tanztheater in Schwabing und am Monte Verità

Tänzer der Laban-Schule auf dem Monte Verita; Foto: Monacensia LiteraturarchivEine Ausstellung in München entdeckt die Verbindung zwischen Schwabing und dem Monte Verità. Dort wurde gerade das Teatro San Materno wiedereröffnet.

An einem Frühlingstag im Jahr 1913 steht eine junge Frau, die damals noch Marie Wiegmann heißt und gerade eine Tanzausbildung bei Émile Jacques-Dalcroze in Hellerau abgeschlossen hat, auf einer Wiese in den Tessiner Alpen. Gebannt beobachtet sie einige Männer und Frauen, die sich in legeren Kleidern rhythmisch bewegen. Es ist die Geburtsstunde des Ausdruckstanzes. Mary Wigman, wie sie sich später nennen wird, entwickelt ihn, inspiriert von der Begegnung mit Rudolf Laban und seinen Schülerinnen auf dem Monte Verità, weiter und verbreitet ihn in der ganzen Welt. „Es war, als käme ich nach Hause!“ erinnert sie sich später an diesen Augenblick, „... dies wunderbare Gefühl, mit dem ich dastand und plötzlich unter der Diktatur eines Trommelrhythmus glücklich und selig war.”

Die Tänzerin Mary Wigman am Ufer des Lago Maggiore, Sommer 1914; Foto: Monacensia LiteraturarchivUtopien und neue künstlerische Ausdrucksformen entstehen im Kopf – und brauchen doch reale Orte, um sich zu entfalten: das kreative Fluidum einer Großstadt, ländliche Abgeschiedenheit und Naturnähe – oder beides. Das wilde Schwabing der vorletzten Jahrhundertwende mit seinen Künstlern, Bohemiens und aufmüpfigen Freigeistern auf der einen und der idyllische Monte Verità als Ziel für Zivilisationsflüchtlinge aller Art, Naturapostel, Barfußtänzer, Vegetarier, Spiritisten, Feministinnen und Verfechter der freien Liebe auf der anderen Seite gingen für etwa drei Jahrzehnte ein ungewöhnliches Verhältnis ein. So entstand ein produktives Spannungsfeld zwischen Stadt und Land, Norden und Süden, einem oft kleingeistigen Vorkriegsdeutschland und der liberalen Schweiz.

In ihrer Ausstellung Freie Liebe und Anarchie. Schwabing – Monte Verità. Entwürfe gegen das etablierte Leben in der Münchner Monacensia entdeckt die Autorin und Filmemacherin Ulrike Voswinckel zahlreiche Verbindungslinien zwischen dem Münchner Künstlerviertel, dieser „Massensiedlung für Sonderlinge“ (Erich Mühsam) und dem Aussteigerparadies am Ufer des Lago Maggiore. Sie entwirft so eine lebendige Geisteslandschaft der unruhigen Zeit von 1900 an bis in die 1930er-Jahre hinein.

Keimzelle alternativer Bewegungen

Die Tänzerin Mary Wigman am Ufer des Lago Maggiore, Sommer 1914; Foto: Monacensia LiteraturarchivAls Antwort auf die rasch voranschreitende Industrialisierung und Urbanisierung sowie den damit verbundenen Konflikt von Kapitalismus und Kommunismus als konkurrierenden Gesellschaftsmodellen entstanden bereits im 19. Jahrhundert Reformbewegungen, die einen dritten Weg zwischen diesen Fronten suchten: Freie Entfaltung des Individuums bei weitgehendem Verzicht auf technischen Fortschritt. Ablehnung kirchlich-staatlicher Autoritäten wie der Ehe zugunsten einer freien „Gewissensehe“ oder die Verweigerung des Militärdienstes spielten dabei ebenso eine Rolle wie die Zuwendung zu esoterischen Heilslehren. In diesem Ringen um eine selbstbestimmte, ganzheitlich-naturnahe Lebensweise kann man noch heute die Keimzelle alternativer Bewegungen wie den Blumenkindern der 1970er-Jahre oder der Partei der „Grünen“ erkennen.

Eine eigene Abteilung zwischen Weltverbesserern und Spinnern bildeten schon damals die Künstler, die sich zwar oft über die Askese der „Vollblutpflanzenfresser“ und „Verdauungsphilister“ mokierten, aber doch gern deren zwangloses und vor allem billiges Leben teilten. Was sie in jedem Fall vereinte, war ihr Misstrauen gegenüber herrschenden Konventionen. Ein wunderbar spöttisches Porträt dieser bunten, hochneurotischen Gesellschaft auf dem Monte Verità liefert in ihrem Roman Der Geldkomplex Franziska Gräfin zu Reventlow, die nach finanziell begründeter Flucht aus Schwabing ihre letzten Lebensjahre von 1910 bis 1918 in Ascona verbrachte.

Tänzer der Laban-Schule auf dem Monte Verita; Foto: Monacensia LiteraturarchivMit selten gezeigtem Bildmaterial und klug gewählten Zitaten ermöglicht die Ausstellung – das gleichnamige Buch von Ulrike Voswinckel ist im Allitera Verlag München erschienen – Einblicke in bekannte und weniger bekannte Episoden aus der wechselvollen Geschichte des Monte Veritá: von den Anfängen als Naturheilanstalt und Basislager für Wanderpropheten und Anarchisten wie Gusto Gräser und Erich Mühsam, über den Rückzugsort für Pazifisten wie den Dadaisten Hugo Ball im Ersten Weltkrieg bis zum Exil für von den Nationalsozialisten verfolgte Künstler, darunter Else Lasker-Schüler, Ernst Toller und Erich Maria Remarque. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam schließlich das Geld und damit der Ausverkauf der alternativen Ideale. Die Grundstückspreise stiegen, und die Künstler zogen weiter.

Der Tanz kehrt zurück

Die Tänzerin Mary Wigman am Ufer des Lago Maggiore, Sommer 1914; Foto: Monacensia LiteraturarchivSeit kurzem ist ein einmaliges Baudenkmal aus der Hochzeit der Monte Verità-Kultur dem Verfall entrissen. 1927 beauftragten die wohlhabenden Eltern der Ausdruckstänzerin Charlotte Bara (eigentlich Bachrach) den vom Bauhaus geprägten Architekten Carl Weidemeyer mit dem Bau eines Privattheaters. 1928 wurde das Teatro San Materno in Ascona eingeweiht und galt mit seinen klaren Farben und geschwungenen Linien sofort als zukunftsweisender Kulturbau. Bis Ende der 1950er-Jahre nutzte es Charlotte Bara mit ihrer Schule für Tanz- und Bewegungskultur. 1978 ging es in den Besitz der Gemeinde über und verfiel von da an zusehends. Zu verdanken ist die Rettung in letzter Minute vor allem dem Engagement der Carl Weidemeyer-Stiftung. Mit Unterstützung der Kommune Ascona wurde das Theater nun von Architekt Guido Tallone originalgetreu restauriert und zugleich als moderner Veranstaltungsort ausgebaut. In Zukunft sollen hier unter der Leitung der Tessiner Tänzerin und Choreografin Tiziana Arnaboldi wieder regelmäßig Veranstaltungen stattfinden. Der Schwerpunkt liegt – ganz im Sinne der Tradition – auf zeitgenössischem Tanz.

Silvia Stammen
ist freischaffende Kulturjournalistin in den Bereichen Theater, Performance und Tanz. Sie schreibt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, Theater heute, ballettanz und tanzjournal.

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Oktober 2009

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