Tanzszene und Trends in Deutschland

Die Menschlichkeit des Menschen – Laurent Chétouane und Jérôme Bel im Interview

Laurent Chétouane und Jérôme Bel; © Gudrun Pawelke

Zwei wegweisende Theater-Produktionen wagen Neues – sie unterwandern nicht nur etablierte Theaterformen, sie wollen auch die Gesellschaft unterminieren: Jérôme Bel mit „Disabled Theater“ und elf geistig behinderten Schauspielern des Züricher Theaters Hora, und Laurent Chétouane mit „Sacré Sacre du Printemps“ und sieben Tänzern mit ganz verschiedenem Hintergrund und seltsam bemalten Gesichtern.

In Deutschland gibt es eine aktive Debatte über Inklusion, die laut UN-Behindertenrechtskonvention die Integration ablösen soll. Deutschland hat sie 2009 ratifiziert und sich verpflichtet, behinderte Menschen teilhaben zu lassen. Theater mit Behinderten ist nichts Neues. Was ist anders bei „Disabled Theater“?

Jérôme Bel: Von Inklusion sind wir weit entfernt. Behinderte haben keine Stimme in unserer Gesellschaft. Sie sind irgendwo weit draußen. Ich hole sie ganz dicht heran mitten ins Theater, auf die Bühne. In Disabled Theater ist jeder der, der er ist. Wie in allen meinen Arbeiten geht es mir darum, die Repräsentation aufzulösen – es wird nichts „dar-gestellt“.

Was können wir von den Darstellern lernen, was haben Sie gelernt?

Jérôme Bel: Für mich war am Interessantesten die Art und Weise, wie sie performen und wie sie damit das Feld von Theater und Tanz erweitern und bereichern. Sie bringen uns neue Erfahrungen, weil sie Qualitäten haben, die wir uns nicht mehr erlauben. Sie versuchen nichts zu sein, sie sind. Ihre Lebendigkeit und Freude, die Beziehung zum eigenen Körper und den Anderen ist so grundsätzlich und direkt, dass Intellektuelle nur staunen können.

Was bedeutet diese „Andersheit“ für Tanz und Theater?

Jérôme Bel mit „Disabled Theater“; © Michael BauseJérôme Bel: Sie ist für jeden Tänzer und Choreografen ein Gewinn auf ganzer Linie. Die Darsteller von Hora lehren uns, Unterschiede zu akzeptieren. Deswegen war es mir wichtig, 2012 bei allen führenden Festivals vertreten zu sein: Avignon, Documenta, Festival d’Automne Paris, Ruhrtriennale. Denn es geht uns alle an. Für die Gesellschaft sind sie die Minderheit einer Minderheit – geradezu „Fremdkörper“. Und sie sind ja auch anders: ihre Körper, ihre Gesichter, ihre Bewegungen. Einige große Tänzer haben die Vorstellung gesehen und kamen hinterher zu mir und sagten: „Wenn ich diese Menschen sehe, muss ich mir eingestehen, dass ich nicht tanze“.

Wie überwinden Sie Repräsentation und Identifikation?

Jérôme Bel: Ich als Zuschauer identifiziere mich normalerweise mit dem auf der Bühne. Bei Disabled Theater ist die Irritation anfangs am größten, weil der Zuschauer sich nicht identifizieren will. Er möchte sicher nicht behindert sein. Dann offenbaren die Darsteller uns nach und nach etwas, das auch in uns selbst liegt. Das berührt und wir stellen fest, dass wir im Leben auch oft behindert sind.

In beiden Stücken wird der Zuschauer mit der Andersheit des Anderen konfrontiert, mit seiner Einzigartigkeit und der Kostbarkeit des Lebens an sich. Das passiert durch die Gesichter der Akteure. Emmanuel Lévinas sagt, ohne das Antlitz des Anderen wäre keine Ethik möglich. Er meint, wir brauchen den Blick des Anderen. Laurent Chétouane, welche Rolle spielt in Ihrer Arbeit „Andersheit“ oder „Fremdheit“ und was passiert bei „Sacré“ mit der Identifikation?

Laurent Chétouane „Sacré Sacre du Printemps“; © Sophie RebleLaurent Chétouane: Unser Ziel ist, etwas Neues zu berühren und dabei eine Gemeinschaft herzustellen. Das meine ich durchaus politisch. Es gibt diese Sehnsucht nach Gemeinschaft. Wie bei Jérôme war die Auseinandersetzung mit der Naivität, der Unbekümmertheit wichtig. Schlichtheit allein ist für viele schon fremd und ungewohnt. Die größte Fremdheit aber, meine ich, findet man im eigenen Körper. Also nicht in der Suche im Außen, sondern in der Innenschau. Wo sind meine eigenen Minderheiten in mir? Genau dort haben wir angefangen.

Auch wenn wir die gleichen Fragen stellen, gehen wir doch ganz andere Wege als Jérôme. Meine Tänzer sind mehrheitsfähig, sie sind weiß und sehen aus wie Tänzer. Im ersten Ansehen scheint sich der Zuschauer also voll identifizieren zu können. Erst durch ihre Bewegungen verweigern sich die Tänzer der Identifizierung. Diese Beziehung zum Publikum haben wir genau untersucht. Wir haben am Bewusstsein der Tänzer gearbeitet, wahrzunehmen, dass sie beobachtet werden. Dann haben wir erforscht, was das für die sich bewegenden Körper bedeutet.

Der Blick ist entscheidend für die Wahrnehmung von Andersheit – ohne den Blick keine Theatererfahrung. Was bedeutet das für die Zuschauer? Was bedeutet das für die Performer?

Jérôme Bel: Was macht man im Theater? Man bezahlt, um zu schauen. Die Essenz des Theaters ist es, etwas anderes zu sehen als sich selbst. Unsere Darsteller scheinen aber derart fremd, dass es das Publikum herausfordert, dem Blick standzuhalten. Wir sind erzogen, uns von dem abzuwenden, was anders, fremd, verwachsen oder entstellt erscheint. Ich zwinge aber die Zuschauer, ihren Blick nicht abzuwenden, so dass sie sich als Beobachtende bewusst werden. Im Zuschauerraum wird am Anfang einer Aufführung meist viel gehustet. Ich werte das als Abwehrreaktion.

Laurent Chétouane: Ich zwinge meine Tänzer, wahrzunehmen, dass sie beobachtet werden. Vom Anderen. Vom Zuschauer. Wo genau nehmen wir Andersheit wahr? Wo findet diese Andersheit statt? Wie machen wir sie wahrnehmbar? Die Tänzer haben mir gesagt, durch das Bewusstsein, beobachtet zu werden, sei bei ihnen eine neue Wahrnehmung des Körpers entstanden. Die Tänzer haben sich wieder mit dem Verlangen verbunden, sich zu bewegen. Das hat eine immense Energie freigesetzt.

Gudrun Pawelke
führte das Interview. Sie ist Kulturkommunikateurin, Ausdrucksfinderin und Autorin, schreibt für Fachmagazine und Blogs und arbeitet freischaffend für Theater, Verlage und Institutionen aus dem Kultur- und Bildungsbereich.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Dezember 2012

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