Erste "Biennale der Tanzausbildung": Es bewegt sich was

Sogar William Forsythe war da. Er kam nicht für ein Gastspiel ins Berliner HAU, sondern um zu unterrichten, zu diskutieren und um mit jungen Eleven leidenschaftlich über Tanz zu philosophieren.
Jeweils zehn Schüler der Abschlussklassen aller staatlichen Tanz- und Tanzhochschulen Deutschlands sowie die jeweiligen Dozenten haben sich im Februar dieses Jahres erstmals zur "Biennale der Tanzausbildung" in Berlin versammelt. Es war ein Gründungsfestival und eine zehntägige Arbeitsbegegnung. Die Zukunft ist noch offen, aber die Stimmung war von einer Euphorie getragen, die sogar die Veranstalter überraschte.
Zunächst einmal zeigte die Biennale an zwei Abenden – als unbestrittenen Höhepunkt - Aufführungen von anrührend jungen, teilweise hochbegabten Tänzern aus elf ganz unterschiedlichen Schulen. Ausschnitte aus Neumeier-, Kylian- und Forsythe-Stücken waren dabei, historisch Rekonstruiertes von Mary Wigman, Romantisch-klassisches, aber auch junges Zeitgenössisches und sogar selbst Choreografiertes. Wie etwa das Solo On the Thread vom Stuttgarter Talent Maxime Quiroga.
Langer Anlauf bis zur Ausbildungskonferenz Tanz
Die Tanzbiennale, das wurde schnell deutlich, hat eine anderes Gewicht als die Aufführungsabende einzelner Schulen. Die beiden Vorstellungen im Hau 1 waren schon Wochen zuvor ausverkauft. Lutz Förster, der Direktor der Essener Folkwang Hochschule, erinnerte in seiner Eröffnungsrede an den Zusammenschluss der Schauspielschulen Deutschlands zu einer Ständigen Konferenz 1974. Im Tanz gab es immer mal wieder Anläufe für ein solches Zusammenkommen, aber letztlich hat die Kraft nie dazu gereicht. Bis der Tanzplan Deutschland hierfür die notwendige Starthilfe gab. Über Monate reiste Ingo Diehl, der Ausbildungs-Beauftragte des Tanzplans, alle relevanten Einrichtungen ab und initiierte gemeinsame Gespräche, aus denen inzwischen eine Ausbildungskonferenz Tanz entstanden ist. Ob es auch mit der Biennale der Tanzausbildung weitergehen wird, hängt vor allem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ab.
Das Bundesministerium hat die Treffen der Sparten Schauspiel und Kunst in den 70er Jahren initiiert und finanziert sie bis heute. Doch nun, wo die Tanzinstitutionen selbstständig einen ebensolchen Bedarf anmelden, ist die Lage kompliziert geworden. Denn aufgrund der Föderalismusreform haben sich die Zuständigkeiten geändert. So einfach wie damals ist die Sache nicht mehr. Aber dass man sich engagieren will und die Berechtigung des Anliegens einsieht, das machte Susanna Schmidt, die Abteilungsleiterin für Strategie und Grundsatzfragen des BMBF, in ihrer Eröffnungsrede schwungvoll deutlich.
Austausch, Anregung und Miteinander
Die Schüler selbst waren mit Anderem beschäftigt: mit Austausch, Anregung und wirklichem Miteinander. Im Laufe der zehn Tage gab es Lectures, Vorträge und offene Klassen für alle. In Workshops wurde mit einem neuen Mediatool experimentiert, das William Forsythe zurzeit gemeinsam mit der Ohio State University erarbeitet. Es handelt sich um ein Analyseinstrument für Choreografie im interaktiven Raum, das perspektivisch zu einer frei zugänglichen Internetplattform ausgebaut werden soll. Jetzt konnten in Berlin erst einmal die Tanzschüler - egal ob sie nun klassisch oder zeitgenössisch geschult waren - gemeinsam damit arbeiten.
Gleichzeitig, das wurde ebenso deutlich, sind die Aufführungen einer solchen Biennale durchaus auch ein Kräftemessen und ein Überprüfen des jeweils eigenen Profils. Eindrücklich haben die jeweils halbstündigen Präsentationen vor Augen geführt, wie tief und bis in jede Faser hinein fast jede der Schulen die Körpersprache ihrer Studenten prägt. Das gilt für den scheinbar natürlich-erdverbundenen Stil der Essener Folkwangschule ebenso wie für die hoch gezüchtete Klassik aus Stuttgart oder der Bosl-Stiftung aus München. Am freiesten schien den Frankfurter Schülern ein reiches Bewegungsrepertoire zur Verfügung zu stehen. Die Stuttgarter John Cranko-Schule, soviel steht fest, hat lässig ihren unerreichbaren Elitestatus behauptet - und Berlin mit dem neu gegründeten Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz ihren Avantgarde-Ruf. 2010, so hofft man, wird man sich in Essen wieder sehen.
ist Tanzkritikerin der Berliner Zeitung
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April 2008










