„Qualität“ im zeitgenössischen Tanz

Der Tanz verfügt anders als die Bildende Kunst über keinen grenzenlosen Markt, der sich als Qualitätskriterium anwenden ließe. Wer im Tanz Qualität erkennen will, der muss die Umwege, die Selbstverliebtheiten, Strategien und Sackgassen, die Gefühle und Ideen auffassen, die aus einem amorphen „Anliegen“ ein Werk machen.
Es herrscht verbreitet die Ansicht, zeitgenössische Kunst könne schlechterdings nicht bewertet werden. So spezialisiert, so individuell, so verstrickt in ihre eigenen Funktionszusammenhänge und Milieus ist das, was an Kunst heute entsteht, dass allenfalls der Markt noch als Richtwert fungieren könne: Was bei Auktionen viel Geld bringt, wird schon qualitätvoll sein. Doch auch wenn dieses Kriterium aus vielerlei Gründen angezweifelt werden muss: Wie ließe es sich auf die Wirklichkeit des zeitgenössischen Tanzes übertragen? Denn einen grenzenlosen Markt als Maßstab gibt es ja hier nicht. (Deswegen tendieren viele Choreographen und Tanzkünstler zu Bildender Kunst, Oper oder Film – Bereiche, wo das Geld viel üppiger fließt und die Werke viel materieller ausgestattet sind, als im Tanz.)
Aber wenn der bloße Geld-Wert als Maßstab unbefriedigend ist, welche Maßstäbe gibt es stattdessen? Wie kann man „Qualität“ im zeitgenössischen Tanz bewerten oder überhaupt erst einmal erkennen? Was zeichnet also den Tanz als Kunst aus? Und wer befindet darüber?
Genauigkeit und Klarheit
Es bestehen durchaus Normen, nach denen bestimmte Produkte als Tanz anerkannt werden. Sie entscheiden erst darüber, was überhaupt als Tanz entsteht. Diese Normen sind vielleicht gar nicht so schwer zu bestimmen, wie die Produkte, die am Ende stehen, das manchmal vermuten lassen. Denn zur Entstehung eines Werkes braucht es Genauigkeit und Klarheit. Deswegen werden ja „Merkmale“ benötigt und die Mittel, sie zu identifizieren. Gäbe es nicht diesen Punkt, an dem unterschiedliche Denkweisen, Wahrnehmungsstile, Auffassungen und Weltsichten aufeinander treffen, wäre alle Kunstanstrengung vergeblich. Denn das Werk selbst sagt so gut wie gar nichts aus. Um Bedeutung zu erlangen, muss es in einen Dialog eintreten.
Und dieser Austausch zwischen dem, was wir Werk nennen und denen, die dieses Werk als solches erkennen, verstehen, und im besten Falle wertschätzen und womöglich bewahren wollen, dieser Dialog ist das Feld, auf dem die „Qualität“ sich konstituiert. Denn es gibt sie ja im Vorhinein gar nicht. Wohl aber wird sie vermutet. Und in dieser Vermutung zeigt sich der „Geschmack“.
Geschmack
Der Philosoph, Ästhet und (Dramen-) Dichter Friedrich Schiller beschwor am Ende des 18. Jahrhunderts die „stille Arbeit des Geschmacks“, welche das Individuum zu einer besseren Seinsweise erheben würde. „Es ist auf der Straße der Schönheit, dass wir zur Freiheit wandeln“, schrieb er. Um aber auf diese „Straße zur Freiheit“ zu gelangen, bedarf es des Geschmacks. Geschmack ist damit ein wichtiger Bestandteil jener Distinktionsstrategien, die mit Beginn des bürgerlichen Zeitalters dazu dienten, das Einzelne zum Subjektiven, und das Subjektive zur Kategorie zu erheben, weil nur das so erhöhte Subjektive imstande ist, die (ästhetische) Qualität auszumachen.
Im Innern dieser Kammern des guten Geschmacks, des Akademismus, der Kennerschaft und des Expertentums züchtet und rodet man, kultiviert und fragmentiert, schafft Einheit und Differenz, nimmt auf und stößt ab. Kurz, man bildet das heran, was gefällt und was „gilt“. Insofern durften Kunst und Geschmack zum Übungsfeld der ästhetischen und darüber hinaus gesellschaftlichen Differenzbildung werden. Sie sind es bis heute geblieben.

Schwindende Normen
Die Schwierigkeit der Qualitätserkennung ist also umfassend. Denn es geht darum, die Qualität(en) einer Choreographie, eines Tanzstücks, eines künstlerischen Ansatzes (an) zu erkennen. Man muss die Umwege, die Selbstverliebtheiten, Strategien und Sackgassen, die Gefühle und Ideen auffassen, die aus einem amorphen „Anliegen“ ein Werk machen. Das mag zu früheren Zeiten leichter gewesen sein, als man sein Urteil noch auf etablierte Normen und Regeln stützen konnte, auf unangefochtene Maßstäbe. Heute ist alle Normativität wenn nicht verschwunden, so doch bestreitbar. Und so müssen die Merkmale, die „Qualitäten“ immer wieder neu ersonnen und aufgestellt werden. Künstlerische Bewertung erfolgt daher auf einer höchst subjektiven Basis. Darin ist sie den Werken gleich, die sich durch ihre „Originalität“ auszeichnen sollen, durch ihr „Unerhörtes“, ihre Nichtzugehörigkeit zu irgendwelchen Kanons, Vorgaben, Maßgaben oder Konventionen.
An dieser Stelle aber schließt sich der Kreis der freiheitlichen Auflösung aller Qualitätsmaßstäbe. Denn mit jedem einzelnen Werk, mit jedem einzelnen Blick betritt man aufs Neue die Arena der Definition. Und so verfolgt jede Programmpolitik, jede Veranstaltungsreihe, jede Jury, jeder Beirat (und natürlich auch jede Rezension, jeder Aufsatz, jedes Seminar) ein Verfahren von Einschließen und Ausschließen. An dieser getroffenen Auswahl kristallisiert sich dann eine Antwort auf die Frage, was eigentlich statthaft ist im Tanz und wer was will. Und – so sagte eine Diskutantin während des diesjährigen Wiener ImPulsTanz-Festivals – warum bestimmte Formen, bestimmte Namen, bestimmte Stile auf dem Markt der choreographischen Industrie eben doch einen (relativ) hohen Mehrwert erzielen, andere dagegen nicht wahrgenommen werden. Qualität findet zweifellos statt. Aber sie wird nicht immer gern gesehen ...
war zwischen 2002 und 2008 Mitglied mehrerer Jurys (Senat Berlin; Nationales Performancce Netz; Tanzplattform Deutschland 2008) und leitete im Sommer 2008 in Wien ein dreiwöchiges Seminar über Qualitätsbestimmung und Tanzkritik in Europa.
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Oktober 2008










