Vertraut und fremd zugleich: neue Arbeiten von William Forsythe
Der Tanz geht weiter: Die Städte Frankfurt am Main und Dresden sowie die Länder Hessen und Sachsen haben die Vertragsverlängerug für „The Forsythe Company“ bis 2013 unterzeichnet. Premiere im Bockenheimer Depot.
Dass Tanz aufs Engste mit dem Raum verbunden ist, in dem er stattfindet und den er durch seine Bewegungen erst herstellt, ist ein Allgemeinplatz, der so alt ist wie die Tanzkunst. Doch wenige Künstler haben sich dem Raum so konsequent angenommen wie der Frankfurter Choreograph William Forsythe. Schon Mitte der 1980er Jahre bespielte er das riesige Frankfurter Opernhaus mitsamt dem Orchestergraben und den Rängen, lotete die vierzig Meter tiefe Bühne mit Licht aus und ließ seine Tänzer zwischen Kabeln und Lichtspots in Formationen die Bühne ausmessen. Mit seiner damaligen Kompanie, dem Ballett Frankfurt, zog er schließlich 1999 ins Bockenheimer Depot, einem umgebauten Straßenbahndepot im Frankfurter Stadtteil Bockenheim, das ihm die Stadt für seine Arbeit zur Verfügung gestellt hatte. Dort sind seit der großartigen Raumbespielung von Endless House Stücke wie Kammer Kammer, Decreation und Three Atmospheric Studies entstanden, die die Tiefe und Breite des Depots für ihre unterschiedlichen Inszenierungsansätze geschickt zu nutzen wussten.
Gesellschaftliche Sondierungen
Seit der Schließung der Ballettsparte an den Städtischen Bühnen Frankfurt am Main und der Gründung der Forsythe-Company 2005 stehen der Gruppe neben dem Depot auch das Festspielhaus in Dresden-Hellerau als Arbeits- und Aufführungsort zur Verfügung. Dort zeigte Forsythe eine ganze Serie von installativen Arbeiten, die die ortsspezifischen Gegebenheiten des einstigen Avantgardetempels der Jahrhundertwende geschickt ausloteten. Seine performative Installationen wie Human Writes oder Heterotopia hat Forsythe in einer vergleichbaren Halle, dem Schiffbau des Zürcher Schauspielhauses entwickelt, mit dem die Forsythe Company in den vergangenen vier Jahren einen Koproduktionsvertrag abgeschlossen hatte.
Für die Fantasie der Forsythe Company scheint die offene Raumsituation dieser Hallen ohne feste Zuschauerränge und mit variabler Raumaufteilung mittlerweile zentral geworden zu sein. Lässt sich hier doch ein jeweils anderes Verhältnis zu den Zuschauern herstellen und eingefahrene Sehgewohnheiten aufbrechen. Vor allem aber ermöglichen sie der Gruppe, Tanz nicht mehr länger als abgeschlossene Bühnendarbietung zu begreifen, sondern als Fortsetzung des Bewegungsraums der Zuschauer mit anderen Mitteln. Tanz wird so als Teil des gesellschaftlichen Miteinanders erfahrbar und als Instrument zur Erforschung gesellschaftlichen Verhaltens begreifbar. Sowohl das Bockenheimer Depot als auch das Festspielhaus in Hellerau bleiben der Forsythe Company nach dem Ablauf des jetzigen Vertrages zum Ende des Jahres 2009 weiterhin erhalten. Die Städte Frankfurt am Main und Dresden sowie die Länder Hessen und Sachsen haben beschlossen, die erfolgreiche Zusammenarbeit mit William Forsythe für weitere vier Jahre bis Ende 2013 fortzusetzen. Damit setzen die Städte und Länder auch das erfolgreiche Modell einer Public Private Partnership fort, bei dem die öffentliche Hand drei Millionen des Etats der Kompanie trägt und eine weitere Million durch private Sponsoren und Förderer sowie durch ausgiebige Tourneen eingespielt werden muss. Neben seinen eigenen Produktionen will sich Forsythe in den kommenden vier Jahren verstärkt um die Entwicklung einer Internet-Plattform zur Notation und Dokumentation choreographischer Arbeiten kümmern, ein Projekt, das bereits seit geraumer Zeit in Zusammenarbeit mit der Ohio-State University in den USA angelaufen ist. Außerdem möchte der Choreograph ein Programm zur Weiterbildung und Förderung von Tanz- und Choreographiestudierenden entwickeln.
Unheimliches Stimmungsbild
Forsythes Interesse für gesellschaftliche Räume schlägt sich auch in seinem neuesten Stück nieder, das Ende November 2008 im Bockenheimer Depot in Frankfurt uraufgeführt wurde. I don’t believe in outer space setzt die Reihe gesellschaftlich-körperlicher Sondierungen und Erschütterungen fort, die mit Decreation 2003 begonnen hatte. Die Zuschauer haben auf der Längsseite des Depots Platz genommen, sodass die szenischen Aktionen vor ihnen ablaufen wie auf einer überdimensioniert breiten Filmleinwand. Am oberen Ende der Tanzfläche befindet sich eine Art Hangar, ein Raum, indem mit Hilfe von Computertechnologie bearbeitete Fotografien der Tänzer an den Wänden lehnen oder einfach zerknüllt und zerrissen auf dem leuchtend blauen Boden herumliegen. Durch die scheinbar zufällige Nachbarschaft mit anderen Bildern entstehen grotesk montierte Körperbilder, die ihre Fortsetzung in den verdrehten Bewegungen der Tänzer und Tänzerinnen der Forsythe-Company finden.
Der Abend spielt überaus unterhaltsam mit kulturellen Versatzstücken aus Filmen und populären Liedern. Thom Willems’ Musik macht weidlich Anleihen bei Filmmusiken, die die kleinen Szenen atmosphärisch untermalen und situativ verorten. Doch immer wieder zerplatzen wie aus heiterem Himmel akustisch Gläser wie kleine Bomben, die die Szene ins Bedrohliche kippen lassen. William Forsythe gelingt mit I don’t believe in outer space ein ungemein schräges, beinahe unheimliches Stimmungsbild unserer Gesellschaft. Mehr noch als in seinem letztem großem Bühnenwurf Three Atmospheric Studies vermittelt sich der Inhalt hier über die rätselhafte Stimmung und die ambivalente Atmosphäre, bei der wie in einem David Lynch Film alles vertraut und fremd zugleich ist und vertrautes zwischenmenschliches und kommunikatives Verhalten wie in einem Zerrspiegel auf dem Jahrmarkt seine groteske Fratze zeigt.Dr. Gerald Siegmund
ist Professor für Tanzwissenschaft mit dem Schwerpunkt Choreographie und Performance an der Justus-Liebig-Universität Gießen.
ist Professor für Tanzwissenschaft mit dem Schwerpunkt Choreographie und Performance an der Justus-Liebig-Universität Gießen.
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Januar 2009
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