Tanzszene und Trends in Deutschland

Tanz und die Metaphysik der Bewegung(en)

'Tanz und die Metaphysik der Bewegung(en)'; Copyright: colourbox.comIn unserer Vorstellung gehören Tanz und Bewegung untrennbar zusammen. Aber sind sie wirklich dasselbe? Um die Unterschiede von Tanz, Bewegung und Kunst zu fassen, ist die Metaphysik hilfreich.

Weil Tanz Bewegung ist, ist Tanz nicht. So ließe sich das Paradox formulieren, in dem von philosophischer Warte aus gesehen die Kunstform Tanz festgesetzt ist. Denn Bewegung ist ein unstofflicher Zustand der Materie. Bewegung ist ein Phänomen, das keine Dichte hat, keine Dauer und keine eigene Substanz. Grundlage für die Verwirklichung von Tanz ist also etwas, das außerhalb unserer Realitätsbegriffe liegt. Bewegung ereignet sich zwar, sie bleibt als solche aber niemals bestehen. Sie hat kein eigenes „Fundament“, keine „Gründung“. Bewegung ist nichts.

Bewegung zeigt sich nur sekundär, als Effekt oder Wirkung. Und dazu braucht sie Träger. Im Tanz sind diese Bewegungsträger die Körper – meistens jedenfalls. Sie verändern durch die Bewegung ihre Gestalt, ihre Form, ihren Umriss und oft auch ihre Bedeutung. Dennoch bleiben sie als Körper sich selbst gleich, während der Tanz als Bewegung an ihnen vorüberzieht. Nichts von ihm bleibt am Körper haften. Nichts, was wir vom Tanz begehren oder erwarten; Schönheit, Jugend, Sinnfülle oder Präsenz, eignet ihm selbst ursächlich an. Die Bewegung mag also ein Zeichen des Lebens sein – nur was Bewegung hat, ist lebendig –, ein eigenes Leben hat sie nicht.

Die Vollendung der Kunst

'Tanz und die Metaphysik der Bewegung(en)'; Copyright: colourbox.comWenn aber eine Kunstform sich genau auf dieses Merkmal der Substanzlosigkeit gründet, wenn also Tanz durch eine Eigenschaft sich zuallererst auszeichnet, die es als Gegenstand gar nicht gibt, dann hat auch diese Kunst einen unsicheren Status. Clement Greenberg (1909-1994), der berüchtigte amerikanische Kunstkritiker der Nachkriegsmoderne, hat die Vollendung der Kunst, ihre Klassizität damit beschrieben, dass die reinen Mittel zum Einsatz kommen. Alle Bedeutung liege in der Verwendung dieser Mittel selbst. Die Kunstgeschichte habe sich daher mit der Entstehung der abstrakten Kunst selbst erfüllt: Sie hat etwas erschaffen, dass nur noch sich selbst bedeutet und in diesem Status museal bestaunt werden kann.

'Tanz und die Metaphysik der Bewegung(en)'; Copyright: colourbox.comFür den Tanz ist diese Erfüllungsform schwer vorstellbar. Für seine Physis, für sein materielles Aufscheinen als Bewegung am Körper gibt es keine museale Form, keine Objektivität. Für die Physik des Tanzes gibt es also womöglich nur eine rein metaphysische Gewähr. Was wir am Tanz gern als das Authentische, Universelle und Voraussetzungslose ansehen, nämlich die referenzlose Bewegung um ihrer selbst willen, die Gegenwart des menschlichen Leibes als künstlerisches Ereignis, als Epiphanie, das hat sein Fundament, seine Begründung eben gerade im Allerunstofflichsten. Nämlich in der Metaphysik der Bewegung(en), in der Transzendenz des einzelnen Bewegungsträgers durch ein Gerüst der nachgeordneten Bezüge, Spekulationen und Hilfsmittel: Tanzkritik, Tanztechnik, Ausdruckslehre, Anmutung oder Erlebnisqualität. Kein Wunder also, dass die Philosophie lange Zeit nichts für den Tanz übrig hatte. Denn was gedacht werden soll, muss zuallererst begründbar sein. Was aber nicht begründbar ist, braucht auch nicht gedacht zu werden.

Im Inneren der Kategorien

'Tanz und die Metaphysik der Bewegung(en)'; Copyright: colourbox.comWeil es den Tanz aber trotz allem gibt, sind andere Instrumente für sein Verständnis erforderlich als die bloße Philosophie. Gemäß der allgemeinen Strategie der Moderne, jeder Kunst ihre eigene, unveräußerliche Dimension zu geben, erfindet sich auch der Tanz eine Geschichte, eine Ästhetik und ein paar Grundannahmen, die ihm seine Existenz sichern mögen. Diese Merkmale sind im westlichen Kontext in der Regel Jugendlichkeit, Geschmeidigkeit, Wortlosigkeit, Musikalität und Bildlichkeit. Merkmale also, die gleichsam „von außen“ an das Bewegungsphänomen gehängt werden, als eine Art der Be- oder Umschreibung. Tanz wäre demnach das, was im Inneren dieser Kategorien ist. Es wäre das, was unsere Kriterien umschließen, während sie sich – manchmal liebevoll, manchmal schützend, manchmal auch unanständig – an ihn schmiegen. Das Immaterielle des Tanzes, seine logische Unbeweisbarkeit wird beschützt und eingefriedet von den ästhetischen Strategien des Kulturbetriebes. Hier liegt die große Macht des Tanzes.

Denn gerade weil Tanz Bewegung ist, wird er gebraucht. Er steht für das, was im Leben nicht besessen werden kann und das genau deshalb so besonders teuer ist. Tanz kann die Metaphysik der Bewegung(en) behaupten, und sie werden zur eigentlichen Ressource seiner Realität, seiner Wirksamkeit in der Welt. So macht Tanz seine Unstofflichkeit zum einzig Realen.

Clement Greenberg: Homemade Esthetics: Observations on Art and Taste . New York, NY [u.a.]: Oxford University Press 2000, 256 Seiten.
Franz Anton Cramer
ist Tanzwissenschaftler und Autor.

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April 2009

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