Tanz am Bauhaus

1919 wurde in Weimar die Kunst-, Design- und Architekturschule Bauhaus gegründet. Von 1925 bis 1933 war sie in Dessau zu Hause – bis die Nationalsozialisten die stilbildende Schule zur Selbstauflösung zwangen. Jetzt, 90 Jahre später, werden auch die Bauhaus-Tänze zu Klassikern erklärt.Das Triadische Ballett des damals 34-jährigen Oskar Schlemmer, 1922 in Stuttgart uraufgeführt, gilt als Höhepunkt des abstrakten Balletts. Es gab keine getanzte Handlung, nur das „freie Spiel“ einer optischen Komposition. Die Tutus bestanden aus bunten Holzringen, die Arme standen steif gestreckt ab wie Schwerter, die Beine wirkten starr wie Stahl. Der Torso war aus Pappmaché: eine Kugel, rund wie ein Globus. Oskar Schlemmer, der Bauhaus-Meister, gestand später: „Wir glaubten, dass die Kraft des Tänzers – die physische freilich ebenso wie die psychische! – ausreiche, die Starre des Kostüms durch die Intensität der Bewegung zu besiegen. Es sei zugegeben, dass dieser Kampf mit der Materie nicht immer mit dem Sieg des Tänzers endete ...“
Mit Masken, Materialien und Mummenschanz wollte Schlemmer dem menschlichen Körper eins überziehen – weil es sowieso geschah: durch Fließbandarbeit, Bürokratie und Massengesellschaft. Nichts ließ den menschlichen Körper intakt. Tanz gegen die Zumutungen der Moderne, das war schon zuvor die Losung von Émile Jaques-Dalcroze in Hellerau, der Gartenstadt bei Dresden. Heute ist das dortige Festspielhaus ein europäisches Zentrum des Tanzes und Heimat des Spitzenchoreografen William Forsythe. Seit Jahresbeginn leitet der Kulturmanager Dieter Jaenicke das Festspielhaus. Brutstätte der Tanzavantgarde
1925 verschwand die Schule aus Weimar und ging auf eine Irrfahrt durch Dessau und Berlin bis an das amerikanische Black Mountain College, wo Merce Cunningham und John Cage arbeiteten. Aber wenn am Festspielhaus die dänische Regisseurin Kirsten Dehlholm in ihrer Operation: Orfeo auf schlichten, geraden Bühnentreppen ihre fast statuarisch wirkenden Choreografien zeigt, dann ist das eine berühmte Bild, Schlemmers Bauhaustreppengemälde, gleich wieder präsent. Das Bauhaus war eine Bewegung, die mal eine Brutstätte der internationalen abstrakten Tanzavantgarde war.Dabei war das Triadische Ballett zu Schlemmers Lebzeiten völlig erfolglos. Erst als Jahrzehnte später Choreografen nach dem Tanz des Bauhauses suchten, erlebte das Werk sein Comeback. 1968 rekonstruierte Margarete Hasting es in München, 1973 Gerhard Bohner in Darmstadt, 1978 Helfried Foron in Tübingen, 1982 Debra McCall in New York. Gefeiert wurde jedes Mal auch das eine Diktum von Oskar Schlemmer: „Das Literarische wird fast prinzipiell gemieden; daher Formales ... Mechanisches, Lichteffekte. Höchstens Tanz.“
Erst 90 Jahre später wird dieser Satz in Frage gestellt. Auf den Bühnen der Stadt Gera tanzt Elena Tumanova zu Spielautomatenmusik ihre alte russische Schule auf Spitze. Es geht um ein Stück namens Déjà-vu: Mensch und Form. Ähnlich wie das Triadische Ballett spielt auch dieses Mechanische Ballett des Bauhausschülers Kurt Schmidt von 1923 mit geometrischen Formen, die von Tänzern und Tänzerinnen bewegt werden. Schon einmal wurde das fünfaktige Stück 1987 rekonstruiert, vom Bauhausexperten und Gründer des Düsseldorfer Theaters der Klänge, J.U.Lensing. Im November 2009 soll es im Theaterhaus Jena wieder gezeigt werden. Schulterschluss von Abstraktion und Harmonie
In Gera wird das Mechanische Ballett bewusst nicht „rekonstruiert“. Der seit 35 Jahren dort residierende Ballettmeister Peter Werner-Ranke sagt trotzig: „Ich will nicht die Moderne des 20. Jahrhunderts reanimieren. Ich lebe heute.“ Was will er dann? Werner-Ranke holt kurz Luft: „Gerade der Spitzentanz ist doch Ausdruck der größtmöglicher Freiheit von der archäologischen Wühlarbeit in der Erde der Moderne, die nur Beschränkung und Trümmer enthält, nur Mechanik und Abstraktion.“ Dann fügt er noch mit gewinnendem Lächeln hinzu: Es hieße doch „mechanisches Ballett“, nicht „mechanisches Tanztheater“. Werner-Ranke sucht den Schulterschluss von Abstraktion und Harmonie. „Ganz klar“ wolle die abstrakte Fläche zurück zum Körper, die Form zurück zum Menschen. „Körper und Form, das ist Ballett. Das ist Emotion! Das ist Liebe! Ja, vielleicht kann man denken, dass sich eine Kugel in einen Würfel verliebt ...“ So euphorisch feiert Werner-Ranke seinen Kurt Schmidt – wie schon Otto Dix (dem er 1992 ein überregional beachtetes Ballett widmete): als einen Klassiker, den er mit der Klassik versöhnen will.
Einen ähnlichen Gedanken hat auch Tarak Assam von der Tanzcompagnie Gießen. Er entdeckte die Kompositionen des Bauhaus-Malers Lionel Feininger, die inspiriert sind von den Fugen Johann Sebastian Bachs. So lässt er, im Bauhaus-Jubiläums-Jahr, Feiningers Fugen zu der Musik von Bach tanzen. Bauhaus, das ist eben klassische deutsche Kultur. Bauhaus, Ballett und Bach: Der Schulterschluss mit der Klassik scheint vollzogen. Der gilt auch für die Nusch-Nuschi-Tänze von Paul Hindemith und Petruschka, eine Burleske in vier Bildern von Igor Strawinsky. Auch sie sind längst klassischer Kanon. Nur zum Jubiläum firmieren sie noch mal als „Das Bauhaus und die Jungen Wilden der 1920er-Jahre“. Das Theaterhaus Jena zeigt sie im November 2009.Arnd Wesemann
ist Redakteur der Zeitschrift ballet-tanz und veröffentlichte zuletzt „Immer Feste Tanzen – ein Feierabend!“ im transcript-Verlag.
ist Redakteur der Zeitschrift ballet-tanz und veröffentlichte zuletzt „Immer Feste Tanzen – ein Feierabend!“ im transcript-Verlag.
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Juni 2009
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