Tanzszene und Trends in Deutschland

Hip-Hop und Klassik – kein Widerspruch!

Samir Akika „Extended Teenage Era“ (2007); Foto: Till BotterweckDer Hip-Hop hat längst bewiesen, dass er künstlerisch den Vergleich mit anderen Sparten des Tanzes nicht zu scheuen braucht. Mit Storm gehört ein Deutscher zu den beliebtesten Breakern in Frankreich, während der Algerier Samir Akika in Essen die Folkwangschule absolvierte, bevor er sich dem Hip-Hop zuwandte. Beide zeigen, dass Breakdance mit Film, Theater, Klassik und Ballett in Dialog treten kann.

Improvisationen zu klassischer Musik: „Storm ... in klassischem Kontext“ (2009); Foto: Niels RobitzkyWer heute noch glaubt, getanzter Hip-Hop bestünde darin, so lange und so schnell wie möglich auf dem Kopf zu drehen, darf seine Meinung gerne ändern. Und zwar mindestens so rasant wie Arme oder Beine im Breakdance fliegen können. Wo steht der Hip-Hop heute? Natürlich treffen sich die B-Boys weiterhin auf ihren Battles, um die Gewandtesten und Geschicktesten zu ermitteln. Doch parallel dazu gibt es seit mehr als zwei Jahrzehnten eine choreografische Szene, deren Kreativität und künstlerische Qualität sich ständig weiter entwickeln, gerade in Frankreich.

1984 entdeckte das Land den Breakdance. Fünfzehn Jahre kämpften die Kompanien erbittert um Anerkennung und Förderung. Es war ein zähes, aber letztendlich erfolgreiches Ringen. Seit dem letzten Jahr leiten zwei Choreografen je ein Centre chorégraphique national – Kader Attou mit seiner Kompanie Accrorap in La Rochelle und Mourad Merzouki mit der Kompanie Käfig in Créteil bei Paris. Andere Kompanien wie die weltbekannten Black Blanc Beur sind bis heute unabhängig, bilden immer neue Generationen von Tänzern aus und geben der Entwicklung des Genres ebenso wichtige Impulse.

In der gänzlich anders strukturierten deutschen Tanzlandschaft ist es für Hip-Hop-Kompanien dagegen deutlich schwerer, sich institutionell zu etablieren. Frankreich bietet freien Kompanien ein viel dichteres Netzwerk aus Fördertöpfen und Auftrittsmöglichkeiten. Das schafft Freiheit, sich mit anderen künstlerischen Welten vertraut zu machen. Und zu denen gehören nicht nur Zirkus, Jazz und Mime, sondern auch – wer hätte das gedacht? – Ballett. Aktuelle und ehemalige Stars aus der Pariser Opéra wie Marie-Agnès Gillot, Yann Bridard und Raphaëlle Delaunay schufen für Hip-Hop-Tänzer äußerst interessante Choreografien. In der Tat genießen Breaker in der Welt des Balletts deutlich höheres Ansehen als zeitgenössische Tänzer. Heute zahlen sie etwas davon zurück. Storm zum Beispiel breakt zu Bizet und die Tänzer von Rêvolution aus Bordeaux nahmen für Urban Ballett drei Jahre lang Ballettstunden.

Absolut mobil

Storm „Virtuelevation“ (2006); Foto: Dirk KorellWie mobil Hip-Hop macht, das zeigt sich auch an Samir Akika. Der gebürtige Algerier hätte eigentlich in Frankreichs Szene landen müssen. Stattdessen studierte er als Quereinsteiger an der Folkwangschule in Essen und tanzte später für die Kompanie von Pina Bausch. Und Storm, mit bürgerlichem Namen Niels Robitzky, veröffentlichte schon 2000 eine Autobiografie (Von Swipe zu Storm – Breakdance in Deutschland) in der er seinen Weg seit den Anfängen nachzeichnete. Der führte aus der Kleinstadt in die Weltspitze, von Norddeutschland nach New York, damals noch unbestrittenes Mekka des Hip-Hop. Heute ist die Vorherrschaft amerikanischer B-Boys gebrochen und der Austausch zwischen Europa und den USA läuft nicht mehr so intensiv wie noch vor zehn Jahren.

Neue Impulse bekam der Hip-Hop dagegen aus der Institution. Das Festival Suresnes Cités Danse im Westen von Paris entstand 1993 und stellte in den ersten drei Ausgaben die bedeutendsten US-Kompanien vor. Storm kam mit ihnen, im Flugzeug aus New York. Ab 1996 änderte Festivalkurator Oliver Meyer den Schwerpunkt und gab Choreografen aus dem zeitgenössischen Tanz freie Hand, mit Tänzern aus dem Hip-Hop zu experimentieren, so dass in Suresnes immer theatralische, abstrakte oder multikulturelle Stücke entstanden.

Storm erstürmt Paris

Storm „Solo for Two“ (2001); Foto: Dirk KorellAuch Storm zog es ab 2000 verstärkt nach Frankreich, mit neuen Ideen und Konzepten. 2001 trat er wieder in Suresnes auf, mit Solo for Two, einer bahnbrechenden Kreation in der geschickt eingesetzte Videotechnik aus dem Solo tatsächlich einen urbanen Pas de deux zwischen Bild und Bühne machte, mitten im Rausch der Berliner Metropolis. Fünf Jahre später verfeinerte er seinen mimischen Humor in einem weiteren Solo, Virtuelevation. Da ging es um die kosmischen Irrfahrten eines Pizzaiolo.

Neben seinen tänzerischen Qualitäten offenbarten beiden Soli einen neuen Choréauteur im Geist Serge Lifars. Mehr noch, aus dem Tänzer, der einst die Welt außerhalb des Hip-Hop mit Misstrauen betrachtete, wurde ein entspannter Humorist. So sehr, dass sein jüngstes Solo, Storm ... in klassischem Kontext eine Dimension erreicht, die bis dato im Hip-Hop unvorstellbar war – die Selbstironie. Im Watschelgang stelzt er auf die Bühne, packt die schwarzen Scheiben aus und legt Gassenhauer der Klassik von Grieg oder Bizet auf den alten Plattenteller. Für Storm war Carmen eine Entdeckung, und genau das Gefühl vermittelt er, wenn er dazu über den Boden wirbelt. Doch dann hält er hechelnd inne! Zum ersten Mal überhaupt outet sich ein Breaker als kurzatmig. Und damit stellt er sich und dem Hip-Hop ein ultimatives Reifezeugnis aus.

Der Kritik voraus

Hip Hop als Lebensstil: Samir Akikas „Crayfish“ (2009), Foto: Oliver LookDie neue Generation hat ganz andere Voraussetzungen. Samir Akika repräsentiert eher das Tanztheater und kann gleich bei der Idee eines interdisziplinären Werks ansetzen, während Storm, Attou und Merzouki sich derartige Konzepte mühsam erarbeiten mussten. Dennoch waren sie der Kritik stets um Jahre voraus. In Frankreich haben sie sich als Gesamtkünstler durchgesetzt, doch der deutsche Blick auf den Hip-Hop scheint bis heute das Spektakuläre suchen. Zu Akika wird der Zuschauer noch mit Sprachbildern von geschleuderten Pirouetten, Salto rückwärts und Kampf um das Überleben gelockt. Immerhin wird die Akrobatik zur Metapher für die Begegnung zwischen Breakdance und Klassik. Es geht darum, die Grenzen zwischen Theater, Film und Tanz zu überschreiten. In Akikas Stück Extended Teenage Era ertönt neben Bob Marley auch Schubert und in Crayfish bringt er Hip-Hop als Lebensstil auf die etablierte Theaterbühne.

Thomas Hahn
lebt seit 20 Jahren in Paris, ist Frankreich-Korrespondent der Zeitschrift ballet-tanz sowie Mitarbeiter der französischen Kulturzeitschriften Danser, Cassandre und Stradda und der tschechischen Tanzzeitschrift Tanecni Zona.

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Januar 2010

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