Tanzszene und Trends in Deutschland

Tanzconnexions – ein innovatives Verbundprojekt für den Tanz im pazifischen Raum

Indonesien | Fitri Setyaningsih, Szene aus „Colors from the Inner Earth“; Foto: Goethe-Institut

Das Projekt ist ebenso ehrgeizig wie gewagt. Tanzconnexions hat sich zum Ziel gesetzt, der Tanzszene in einer Region Impulse zu geben, die ein Vielfaches der Bevölkerung Europas aufzuweisen hat, aber dem zeitgenössischen Tanz bislang kaum oder gar keine Unterstützung zukommen lässt.

Kambodscha | Khmer Arts Ensemble, Szene aus „Neang Neak“; Foto: Goethe-InstitutLänder wie Vietnam, Kambodscha oder Malaysia haben zwar eine reichhaltige traditionelle Tanzkultur, die in den letzten Jahrzehnten den politischen Bedingungen entsprechend gepflegt oder unterdrückt worden ist. Ein Bedürfnis nach zeitgenössischen Ausdrucksformen war dort aber bislang kaum entwickelt. Wenn nun also das Goethe-Institut unter der Obhut seiner regionalen Zentrale Jakarta seit 2008 Verbundstrukturen in dieser Weltgegend aufbaut, dann hat es sich eine gewaltige logistische und finanzielle Aufgabe gestellt. Die im Aufbau befindliche Website wird seit Mitte 2009 mit Länderporträts und Überblicksbeiträgen zu den Tanzszenen aller beteiligten Staaten gefüttert, und zwar in fünf Sprachen (neben Deutsch und Englisch werden Bahasa-Indonesia, Thai und Vietnamesisch verwendet). Bis es soweit ist und alle Übersetzungen vorliegen, sind die Einträge auf Deutsch und Englisch einzusehen.

Schwerpunkt Tanz

Indonesien | Jecko´s Dance Company, Szene aus „From Betamax to DVD“ ; Foto: Goethe-InstitutDen Auftakt zu tanzconnexions setzte ein Kolloquium, das im Oktober 2008 in Sydney ausgerichtet wurde. Auf Initiative des Programmleiters am Institut in Jakarta, Frank Werner, entwickelten Vertreter der örtlichen Goethe-Institute, Künstler und Journalisten aus der Region wie auch aus Deutschland das Schwerpunktthema Tanz. Die Region Südost-Asien, Australien, Neuseeland sollte die kulturellen Maßnahmen der Goethe-Institute in der einen oder anderen Weise dem Tanz widmen – zeitgenössischem, aber auch traditionellem. Es sollte die Geschichte der künstlerischen Bewegungskulturen in Indonesien wie in Thailand, in Australien wie in Singapur untersucht, es sollten Verbindungen hergestellt werden zu Künstlern aus Deutschland, es sollten Kooperationen eingefädelt und gemeinsames Nachdenken möglich gemacht werden. Asiatisch-europäische Koproduktionen wie etwa Body Swap von der hamburgisch-amerikanischen Choreografin Dani Brown und ihrer singapurischen Kollegin Joavien Ng (Premiere im Mai 2009 auf Kampnagel in Hamburg) sind in diesem Zusammenhang entstanden. Auch die Einladung des indonesischen Choreografen Jecko Siompo mit seinem rasanten Stück Room Exit nach Hamburg im Rahmen der Veranstaltungsreihe Folkreol (Februar 2010) geht auf die Vernetzungsleistungen der tanzconnexions zurück.

Thailand | Pitchet Klunchun, Szene aus „I am a demon“; Foto: Goethe-InstitutDie stetig wachsende Website bietet aktuelle Informationen über die Geschichte der jeweiligen nationalen Tanzszenen, über führende Choreografen, über Ausbildungsstätten, Residenzorte und Produktionsmittel. Logistisch ist das ein Mammutprojekt, gilt es doch, in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Programmverantwortlichen der Institute vor Ort Autoren und Korrespondenten ausfindig zu machen, die aus jedem Land beziehungsweise jeder Region berichten können. Die so gesammelten Informationen müssen von der Redaktion – sie besteht aus der deutschen Journalistin Constanze Klementz und dem Projektbegründer Frank Werner – bearbeitet, sie müssen übersetzt und von den Ortskräften wiederum bestätigt werden, ehe sie dann schließlich online gehen können. Das erfordert ebensoviel diplomatisches wie organisatorisches Geschick. Bei allen diesen Belangen leistet auch der Bereich Theater und Tanz der Zentrale des Goethe-Instituts in München unerlässliche Hilfe und Unterstützung.

Dialog und Vernetzung

Australien | Chunky Move, Szene aus „Glow“; Foto: Goethe-Institut

Die regionale Künstler-Datenbank ist eines der zentralen Projekte. Doch gibt es auch andere Aktivitäten. Austausch, Verständigung und Konfrontation können, gerade in der Darstellenden Kunst, nicht nur auf elektronischem Wege erfolgen. Vielmehr geht es auch um direkte Formen der Zusammenarbeit. Hierzu werden im Rahmen von tanzconnexions Arbeitstreffen einberufen. Das erste, mit dem zugleich der Auftakt gesetzt wurde, fand im August 2009 in Jakarta statt. Alle kooperierenden Länder – Australien, Neuseeland, Malaysia, Singapur, Thailand, Kambodscha, Vietnam, Indonesien, Philippinen – entsandten je ein choreografisches Werk, Choreografen und Tänzer sowie ausgewiesene Kritiker beziehungsweise Experten. In einem nicht-öffentlichen Teil wurden Strategien der Kommunikation behandelt und der Zusammenhang ausgelotet zwischen überlieferten Tanz- und Bewegungsformen und den Ansprüchen beziehungsweise Innovationen des Zeitgenössischen. In den öffentlichen Teilen des Kolloquiums wurden aktuelle Arbeiten gezeigt und in anschließenden Künstlergesprächen analysiert. Der ganze Reichtum tänzerischen Wissens, aber auch die vielen Schwierigkeiten, denen eine freie, nicht institutionengebundene zeitgenössische Tanzszene in ihrer Entwicklung begegnet, wurde bei dem Regional Dance Summit: Transforming Tradition sichtbar.

Projektziel 2011

Malaysia | ASWARA, Szene aus „Line“; Foto: Goethe-InstitutWichtig für das Projekt sind die Stärkung der Infrastruktur und die Verbesserung des Austauscha unter den Tanzszenen in der Region. Immer wieder wurde deutlich, dass Tanzkünstler aus Südost-Asien im Zweifelsfall mehr wissen über die Entwicklungen und Bedingungen in Europa als in ihrem Nachbarstaat. Allerdings gibt es auch schon andere Initiativen, die diesen Kommunikations- und Informationsfluss mehr in die Breite gelenkt haben. Asia Dance Channel etwa legt seit einigen Jahren schon Länderschwerpunkte vor und berichtet über die regionalen Spezifika in Südost-Asien. Während die Asia Europe Foundation, ihrem Namen gemäß, mehr den Austausch zwischen den beiden Weltregionen gefördert hat.

Der Programmschwerpunkt tanzconnexions wird fortgesetzt mit einem internationalen Workshop über Aufgaben und Möglichkeiten der Tanzkritik, der parallel zum Jakarta Dance Festival im Juni 2010 stattfinden wird. Über weitere künstlerische Kooperationsprojekte wird derzeit noch beraten. Die Gesamtlaufzeit von tanzconnexions ist bis mindestens 2011 geplant.

Franz Anton Cramer
ist Tanzwissenschaftler, Publizist und Kritiker. Wissenschaftliche Projektmitarbeit am Tanzarchiv Leipzig e. V. und am Centre National De La Danse, Frankreich. Seit 2006 Mitglied in der Arbeitsgruppe zur Entwicklung des Studiengangs „Zeitgenössischer Tanz, Kontext, Choreografie“ im Rahmen des Hochschulübergreifenden Zentrums Tanz Berlin. 2007 bis 2013 Forschungsgruppenleiter am Collège International de Philosophie in Paris.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2010

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