Tanzszene und Trends in Deutschland

Erkenntnis im Blindflug – „Explorationen 10“ bei PACT Zollverein

Explorationen 09“: Urheben Aufheben – Ein (Selbst)Versuch, ein Beitrag von Martin Nachbar; Foto: Dirk RoseDas Symposium „Explorationen 10“ bei PACT Zollverein erhellte das Potenzial des Nicht-Wissens im fruchtbaren Feld zwischen Künsten und Wissenschaft.

Eine Exploration zu machen heißt, an einen Ort zu gehen, von dem man noch nichts weiß. Sie ist eine ausfliegende Entdeckung oder ein entdeckender Ausflug mit offenem Ausgang. „Für uns war das Symposium ‚Explorationen‘ eine Antwort auf den Bildungshype, bei dem vor allem Zahlen und Inhalte diskutiert wurden, aber nicht das Wie der Vermittlung, des Lernens“, so Stefan Hilterhaus, künstlerischer Leiter des choreografischen Zentrums PACT Zollverein in Essen. Auf der Schwelle von künstlerischen und wissenschaftlichen Praktiken untersucht das Symposium Lernpotenziale. Dabei ist es ein Modul von tanzplan essen 2010, einem Projekt im Rahmen des Tanzplans Deutschland von der Kulturstiftung des Bundes, das in diesem Jahr endet.

Von 2007 bis 2010 haben sich die „Explorationen“ viermal mit dem Lernen befasst und den Begriff dabei denkbar weit geöffnet, die letzte Ausgabe fand vom 9. bis zum 13. Juni 2010 statt. Fruchtbare Lernräume wurden neben der Spur gesucht: Bei Architekten, Medizinern und Soziologen, unter Hirnforschern, Schamanen und, natürlich, immer wieder bei Künstlern. Auch das Feld der teilnehmenden Experten, die sich mit einem Motivationsschreiben beworben haben, war denkbar disparat: Hier fanden sich Künstler, Pädagogen, Architekten, Designer und Hochschuldozenten. Da viele der Vortragenden über die gesamte Symposiumsdauer blieben, wurden sie auch zu Teilnehmenden, Diskussionen konnten fortgesetzt und Fragen verfolgt werden. Und nicht zuletzt wurden in den transdisziplinären Begegnungen und Diskussionen Netzwerke geknüpft, aus denen eine Vielzahl von Projekten hervorging.

Die Rückseite des Wissens

„Explorationen 10“: We just don't know - fact and imagination in performance, ein Beitrag von Kate McIntosh; Foto: Dirk RoseIn diesem Jahr ging es in vielen Beiträgen um die Rückseite des Wissens, um Nicht-Wissen, das Obskure und die Blindheit. So suchte die Performance-Künstlerin Kate McIntosh mit eigenwilligen Versuchsanordnungen nach dem inspirativen Potenzial unzulänglicher Repräsentationsmethoden von Welt, wie sie sie auch in ihrer Performance Dark Matter betreibt. Eine Kanne Wasser stellte das Universum dar, ein Glas den Raum, und wenn man Wasser hineingießt, dann ist das: Zeit. Sie versteht Metaphern als Denksysteme, um uns die Welt zugänglich zu machen. „Ein Großteil der Organisation von Verständnis findet in Rahmen statt“, so McIntosh. Diese Rahmen können verdreht, neue Metaphern erfunden werden. Nach ihrer leidenschaftlichen Lecture-Performance stiftete McIntosh auch die Teilnehmer an, den Dingen neue Namen zu geben. Und plötzlich konnte eine zerknüllte oder aufgeblasene Plastiktüte zu einer Diskussion über die Begriffe Seele und Hoffnung führen.

„Explorationen 10“: vor Ort, ein Beitrag von PAK; Foto: Dirk Rose„Hier wird die Kunst zum Verfahren“, fasst die Philosophin Gesa Ziemer ihre „Explorationen“-Erfahrungen zusammen, „das uns in Bereiche führt, in denen unsere Kriterien versagen. Für Lernprozesse ist dies höchst fruchtbar.“ Zu diesem Lernprozess gehört auch die Überforderung – mit vier bis sechs Vorträgen, Workshops und Aufführungen am Tag. Während des Symposiums lagern sich Schichten von Thesen und Erfahrungen, Gesprächsfetzen und Begegnungen übereinander, zwischen denen sich immer wieder überraschende Übersprünge eröffnen, grundverschiedene Annäherungen an ähnliche Fragestellungen. So führte der Reiseführer Boris Sieverts in einer wunderbaren und strapaziösen Tour durch die Umgebung der Zeche Zollverein. Sieben Stunden lang ging es zu Fuß und per Rad querfeldein durch Gärten, Hinterhöfe und Arbeitersiedlungen. In seinen präzisen und eigenwilligen Stadt- und Landschaftsbeschreibungen, vor allem aber in der Bewegung durch den Raum eröffnete Sieverts andere Perspektiven auf die heterogene Struktur des Ruhrgebiets mit ihren offenliegenden Brüchen.

Assoziative Feuerwerke

„Explorationen“ 09: Landnahme. Ein rein pflanzliches Gesellschaftsspiel, ein Beitrag von Hubertus Ahlers; Foto: Dirk RoseWissen, das ist eine zentrale These dieses spannenden Formates, ist selten Produkt eines gezielten, ausdefinierten Prozesses, sondern etwas zunächst nicht Auflösbares, das einem entgegenkommt und erstmal mehr Probleme bereitet, als es Antworten liefert. So definierte der Phänomenologe Bernhard Waldenfels in seinem Vortrag „Aufmerken auf das Fremde“ das Fremde als das, was aus gewohnten Bahnen springt und uns aufmerken lässt. Die Antwort muss sich verspäten. Ganz ähnlich verhält es sich mit Entdeckungen: Auch eine Entdeckung wird stets zu früh gemacht, um sie ganz ermessen zu können. Ein wissenschaftshistorisches Beispiel für diese Nachträglichkeit des Wissens brachte die Medien- und Kulturwissenschaftlerin Natascha Adamowsky in ihrem Vortrag „Im toten Winkel – zur Ästhetik des Nicht-Wissens“. Anhand der Beschreibungen des Tiefseeforschers William Beebe, der die Tiefseewesen mit blühenden Metaphern belegte, analysierte sie die anfängliche Blindheit vor dem vollkommen Neuen, die sich schließlich in ein Feuerwerk der Assoziationen verwandelt und ein neues Wissensgebiet generiert.

„Explorationen 08“: Bildung als Negativitätserfahrung, ein Beitrag von Ulrich Schötker; Foto: Dirk RoseDie „Explorationen“ wendeten alte Fragen produktiv um: Die Vermittlung von Wissen ist häufig im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbar, der Gang zur Erkenntnis immer auch ein Blindflug. Höchst sichtbar allerdings wurden die Bedingungen zur Ermöglichung von Lernprozessen: Offene Räume und spielerische Zugänge, eigene Erfahrungen und flache Hierarchien, Zumutungen und das Erschließen unterschiedlicher Zugangsweisen machten die „Explorationen“ zur inspirativen Lernumgebung.

Esther Boldt
schreibt als freie Theater- und Tanzkritikerin unter anderem für nachtkritik.de, taz, corpusweb und tanz.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2010

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