Tanzszene und Trends in Deutschland

Tanz als Poesie des Handelns und Verhandelns – die Tänzerin und Choreografin Antje Pfundtner

„RES(E)T“; Foto: Simone ScardovelliTanz ist bei der Hamburger Tänzerin und Choreografin Antje Pfundtner Vergewisserung von Leben.

„Wer bin ich? Wer weiß es? Ich mach’ es noch mal besser.“ Ein Tanz folgt auf die Frage, Frage folgt auf Tanz, bis Wort und Bewegung sich formelhaft verselbstständigen und in die Absurdität hinein steigern. Dennoch: Die Frage nach der Identität ist für die Hamburger Tänzerin und Choreografin Antje Pfundtner stets ein Akt der Kommunikation, wenn nicht gar des Verhandelns. Von Komplizenschaft ist im zeitgenössischen Tanz heute gern die Rede. Doch das trifft nicht ganz den Kern, wäre zu kurz gegriffen und einschränkend gedacht. Denn verhandelt wird nichts weniger als die Kunst selbst, speziell die des Tanzes: seine Gesetzmäßigkeiten, Darstellungsformen und Erzählweisen, seine Reibungen an persönlicher wie auch gemeinsam erlebter Geschichte – bis der Tanz zur Vergewisserung von Leben wird.

Kollaboration als Motor

„Outlanders“; Foto: Ricky WongAm Ende steht eine Idee von Identität, die sich auf Kollaboration gründet. Letztere bildet das Gefüge und ist der Motor für Pfundtners Arbeit, sie gestaltet den Prozess, atmet den Geist eines jeden Stücks. Das zeigt sich beispielsweise beim interkulturellen Austausch in der chinesisch-deutschen Begegnungsproduktion Outlanders, bei der künstlerischen Nachverwertung von weggeworfenen Ideen anderer Choreografen in RES(E)T oder bei ironischen Selbstfindungsstudien in einem Tanzsolo wie zuletzt in TIM ACY.

2003 wurde Pfundtners erstes Solostück eigenSinn gleich ein Welterfolg. Zu der Zeit begann die damals 27-Jährige, die von 1995 bis 1999 an der Hogeschool voor de Kunsten in Amsterdam modernen Tanz studiert hat, in ihren Choreografien mit Sprache zu arbeiten; seither experimentiert sie mit Worten und Erzählweisen. Der Zuschauer wird gern ins Visier genommen, geradeheraus wie es Pfundtners charmant dickköpfige Art ist. Sie rückt auf die Pelle, konfrontiert, stellt Fragen, schlägt gewitzte Haken und geht wieder auf Distanz. Dann öffnet sich hinter dieser eben noch verhandelbaren Welt ein anderes Universum, in dem einzig die Poesie regiert.

Magie im Realismus

„TIM ACY“; Foto: Simone ScardovelliAntje Pfundtner glaubt an die ureigene Kraft des Tanzes und des Theaters, deren Mechanismen sie kritisch reflektiert, und deren uralte Sprachen von Poesie und Magie sie mittels zeitgenössisch-künstlerischer Strategien neu verhandelt. Gegenstände wie Stift und Papier, ein Sahne-Siphon, Zopfperücke und Plüschfell, die sie beispielsweise in dem Solo TIM ACY sorgsam auf einem Tisch sortiert, sind nicht bloß Zeichen, Symbol oder Stellvertreter. Pfundtners Kosmos gestattet ihnen ein Eigenleben. Ihr magischer Realismus greift die Tücken des Alltags ironisch auf und spinnt sie eigensinnig weiter, kreiert Beschwörungsformeln, wie sie in jedem normal neurotischen Lebensentwurf ihr zwanghaft geliebtes Unwesen treiben. Jedoch interessiert Psychologie die Choreografin nur in soweit, dass sie den Weg zu Mythen und Märchen ebnet mit all ihren wundersamen Verwandlungen, sehnsüchtigen Versprechen und bitterbösen Prophezeiungen.

Mythos Tanztheater

Antje Pfundtner; © DepArtmentDie Einbindung des Mythischen in das Alltägliche, mit unbefangenem und oftmals entlarvendem Blick, die Belebung des Unbelebten, die Zeremonie der Wiederholung, die Ritualisierung von Bewegung und Sprache sind charakteristische Bestandteile des Tanztheaters von Antje Pfundtner. Wesentlich und von geradezu befreiender Wirkung in der Arbeit der Choreografin ist darüber hinaus ihr Humor.

Dabei ist sie eine ausgesprochene Präzisionswerkerin, als Tänzerin und als Choreografin. Dynamik und Form sind ästhetisch wie inhaltlich essenziell, niemals löst sich der Tanz auf in pure Befindlichkeit. Und Antje Pfundtner nimmt sich Zeit. In der Dauer transformiert sie das Geschehen. Die Aufmerksamkeit, mit der sie die Dinge behandelt und sie ihrer eigenen Qualität und Poetik überlässt, hatte früher etwas von einer Sinn verweigernden, beckettschen Theatralik und erinnert in jüngerer Zeit mehr und mehr an die Seelenlandschaften einer Pina Bausch. Auch Bausch setzte bekanntlich gern auf Komplizenschaft mit dem Zuschauer.

Schlüssel Musik

„VERTANZT“; Foto: Simone ScardovelliImmer wieder überschreitet Pfundtner die Grenze des Gegenständlichen, nimmt sich die Freiheit zur Abstraktion. Der Schlüssel liegt in der Musikalität. Die Komponisten, die Pfundtner in ihre choreografische Arbeit einbindet, treten oft live auf. Der Hamburger Sven Kacirek und der Amerikaner Dayton Allemann steuern nicht bloß einen eingespielten Soundtrack bei. Der Puls ihrer Komposition durchdringt ein gesamtes Stück und trägt den Spannungsbogen von Anfang bis Ende, selbst wenn die Musik nur sporadisch laut zu hören ist. Nicht zuletzt der musikalischen Kollaboration verdankt Pfundtner ihre Entwicklung von der gefeierten Nachwuchshoffnung zu einer wunderbar gereiften Tanzentertainerin. In ihrem jüngsten Stück VERTANZT, einem Duett mit der Tänzerin Silke Hundertmark, verschränken die Protagonistinnen neben Tanz und Wort neuerdings auch Stimme und Gesang.


Irmela Kästner
ist freie Autorin und Kuratorin, künstlerische Leiterin der Tanzinitiative Hamburg.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juli 2012

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