Neue Medien und Digitalisierung

Glück-sau-tomaten – warum Computer (noch) nicht wie Menschen sprechen

Die computerlinguistische Forschung schreitet rasant fort  Foto: Andrejs Pidjass © iStockphotoDie computerlinguistische Forschung schreitet rasant fort.  Foto: Andrejs Pidjass © iStockphotoMit Sprachhotlines oder digitalen Wörterbüchern nutzen wir täglich die Arbeit von Computerlinguisten. Deren Herausforderung besteht darin, eine Brücke zwischen formaler Logik von Maschinen und der komplexen natürlichen Sprache zu schlagen.

„Herzlich Willkommen bei unserer telefonischen Hotline! Haben Sie Fragen zu Verkauf oder Bestellung? Dann drücken Sie die ‚Eins‘. Möchten Sie mit unserem Technischen Service verbunden werden? Dann drücken Sie die ‚Zwei‘. Um ins Hauptmenü zu gelangen, drücken Sie bitte die Rautetaste.“ Wenn wir Telefonate mit monotonen Computerstimmen führen oder Wortübersetzungen in Online-Lexika suchen, das Navigationssystem uns den Weg zur nächsten Tankstelle erklärt oder das Wordprogramm mit roten Unterstreichungen auf Fehler in unseren Texten hinweist, nutzen wir ganz selbstverständlich sprachtechnologische Produkte. Und auch wenn umständliche Menüführungen oder fehlerhafte Computerkorrekturen wohl jeden schon einmal zur Weißglut gebracht haben, erleichtert sich unser Alltag durch „sprechende Computer“ und Maschinen, die geschriebene oder gesprochene Sprache „verstehen“ und verarbeiten können.

Logik des Computers und natürliche Sprache

Unser Alltag wird durch sprechende Computer leichter.  Foto: Roberta Casaliggi © iStockphoto„Die Computerlinguistik geht auf Ansätze zur maschinellen Übersetzung in den 1950er- und 1960er-Jahren zurück und hat sich seit den 1980er-Jahren rasant entwickelt. Auch heute schreitet die computerlinguistische und sprachtechnologische Forschung rasant fort“, meint der Computerlinguist Prof. Dr. Bernhard Schröder von der Universität Duisburg-Essen. Die größte Herausforderung in der Entwicklung solcher Maschinen bestehe darin, den auf einer formal-mathematischen Logik basierenden Computern Phänomene der natürlichen, vielfältigen und kontextgebunden Sprache „beizubringen“. Dafür müssen die Experten nicht nur ein fundiertes mathematisch-naturwissenschaftliches Know-how und die entsprechenden Programmierkenntnisse mitbringen, sondern sich auch die Feinheiten der menschlichen Sprache bewusst machen.

„Alle Mehrdeutigkeiten der natürlichen Sprache werden für den Computer zum Problem“, weiß Despina Kobothanassi, die als Doktorandin der Ludwigs-Maximilian-Universität in München an der Verbesserung von Jobsuchmaschinen arbeitet. „Auf Online-Suchmaschinen können Bewerber ihren Lebenslauf hochladen, um regelmäßig per Mail mit ‚passenden‘ Stellenangeboten versorgt zu werden.“ Dafür muss sie den Computer so programmieren, dass er Informationen kontextgebunden extrahiert und nicht etwa fälschlicherweise aus dem Nachnamen des Münchner Pianisten „Helmut Deutsch“ Rückschlüsse auf seine Staatsangehörigkeit oder Muttersprache zieht. Weiteres Problem: Wenn im Lebenslauf eine Ausbildung zum „Krankenpfleger“ angegeben ist, findet die Maschine all die Stellenangebote nicht, in denen nach einer „Krankenschwester“ oder gar einer „Fachkraft für Krankenpflege“ gesucht wird. Deshalb hat Kobothanassi in ihrer Magisterarbeit eigens ein Wörterbuch der Berufsbezeichnungen, also ein Synonymwörterbuch, erstellt.

Kein Instinkt

Alle Mehrdeutigkeiten der natürlichen Sprache werden für den Computer zum Problem.  Foto: Felix Möckel © iStockphotoEine Gefahr bei der computerlinguistischen Arbeit können scheinbare Regelmäßigkeiten in der natürlichen Sprache darstellen: Ein weiblicher Tischler heißt TischlerIN und ein weiblicher Ingenieur heißt IntenieurIN. Warum ist dann das weibliche Pendant zum Krankenpfleger die KrankenSCHWESTER und warum heißt der weibliche Rasenpfleger trotzdem nicht RasenSCHWESTER, sondern RasenpflegerIN? Warum übersetzen wir „You can type“ nicht mit „Sie Dosentyp“? Und woher wissen wir, dass ein zusammengesetztes Wort wie „Glücksautomaten“ sich aus „Glück“ und „-s-“ und „-automaten“ zusammensetzt und nicht etwa aus „Glück-„, „sau“ und „tomaten“? Oder dass der Punkt in „Das 15. Jahrhundert war hart!“ eine Ordinalzahl und nicht das Ende des Satzes anzeigt? Woran erkennen wir den kleinen Bedeutungsunterschied, ob eine Party „ganz“ (also sehr) toll oder „ganz“ (also nicht so) toll war? Diese vielen instinktiven Entscheidungen, die wir Menschen beim Sprachgebrauch fällen, müssen dem Computer als formale Regeln einprogrammiert werden.

Ersetzen Computer den Menschen?

Dass auf langfristige Perspektive menschliche Mitarbeiter wie beispielsweise Übersetzer oder Dolmetscher komplett durch Maschinen ersetzt werden können, hält der Computerlinguist Dr. Gereon Frahling deshalb für unwahrscheinlich. „Mit dem Google Translator lassen sich zwar schon komplette Texte so übersetzen, dass der Sinn verständlich wird. Zuverlässige und grammatisch korrekte Übersetzungen werden aber nicht vollautomatisch durchgeführt werden können.“ Deshalb hat er mit seinem Online-Wörterbuch Linguee.de eine halbautomatische Übersetzungssuche entwickelt, die zweisprachige Texte im Internet durchsucht und die übersetzten Wörter im vollständigen Satzzusammenhang und auch die Häufigkeit der verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten anzeigt. So kann der Übersetzer zwar mithilfe des Computers auf die Übersetzungshilfe riesiger Textmengen zurückgreifen, während er aber durch die eigene Kontrolle die hohe Qualität der Übersetzung sicherstellt.

Gehört sprechenden Computern die Zukunft?  Foto: Pgiam © iStockphotoIn der computerlinguistischen Forschung ist also noch jede Menge zu tun und auch in der Industrie und Wirtschaft sind Experten für Computer und Sprache gefragt. Softwarehäuser und Verlage stellen für diese Arbeit nicht nur Absolventen der Computerlinguistik oder Linguistischen Datenverarbeitung ein, sondern auch Quereinsteiger, die die Brücke zwischen Computern und natürlichen Sprachen schlagen können.

Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
April 2010

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