Mehrsprachigkeit

Fast so viele Muttersprachen wie Schüler – sprachliche Integration in Deutschland

Dreißig Prozent der Grundschüler in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Copyright: Colourbox

Die Sprache ist der erste Schritt zur Integration. Besonders offensichtlich wird dies in der Schule, wo Sprachbarrieren ein großes Hindernis für Erfolg darstellen. Die Schwierigkeiten ihrer Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund können Lehrkräfte, die selbst Wurzeln im Ausland haben, oft besser nachvollziehen. Doch an deutschen Schulen gibt es nur sehr wenige von ihnen – das soll sich nun ändern.

„Buenas dias! Dobroje utro! Buon giorno! Iyi günler! Dzien dobry! Bună dimineaţa! Bom dia! Доброе утро! Guten Morgen!“ Etwa so würde es sich anhören, wenn die Schülerinnen und Schüler der 10g der Wilhelm-Heinrich-von-Riehl-Schule in Wiesbaden ihren Klassenlehrer in ihren Muttersprachen begrüßen würden. Insgesamt neun Nationalitäten beherbergt die Klasse und das ist kein Einzelfall in Deutschland. In einer Schule in Bad Kreuznach gibt es eine Klasse, in der nur ein einziges Kind ohne Migrationshintergrund unterrichtet wird. „Multikulti hat ausgedient, wir müssen zusammenwachsen!“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel im September 2008 auf einem Kongress in Linz: „Dazu muss man erstmal die Sprache des Landes lernen, in dem man lebt.“

Die zweite Generation schneidet schlechter ab

Deutschland ist ein Migrationsland. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes leben in Deutschland etwa 13,5 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Die meisten von ihnen haben familiäre Wurzeln in der Türkei (14,9 Prozent), gefolgt von Polen (6,9 Prozent) und Italien (4,2 Prozent). 30 Prozent aller Grundschüler haben Eltern oder Elternteile, die aus dem Ausland kommen. Sich in Deutschland einzufinden und am gesellschaftlichen Leben gleichberechtigt teilzunehmen, ist für viele nicht einfach.

Lehrerin mit Schülern. Nur sehr wenige Lehrkräfte in Deutschland haben selbst Erfahrungen mit Migration gemacht. Copyright: Gemeinnützige Hertie-Stiftung Der PISA-Studie 2006 zufolge sind Jugendliche, deren Eltern beide im Ausland geboren sind, oft sozial schlechter gestellt. Sie besuchen überwiegend die Hauptschule und nur selten weiterführende Schulen wie Realschule oder Gymnasium. Ein weiteres alarmierendes Ergebnis der PISA-Studie: Jugendliche mit Migrationshintergrund der sogenannten zweiten Generation schnitten teilweise sogar schlechter ab als Jugendliche, die einen Teil ihrer Schulzeit noch in ihrem Heimatland verbracht haben.

Laut PISA-Studie sind Unterschiede im Sprachgebrauch und die soziale Herkunft der Jugendlichen mit ausländischen Eltern die beiden wichtigsten Ursachen für die großen Kompetenzunterschiede zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund. Mit anderen Worten: Sprache und Einkommen entscheiden in Deutschland über die Zukunft der Jugendlichen.

Keine Überdachung mehr

Prof. Dr. Christoph Schroeder von der Universität Potsdam. Copyright: Universität PotsdamChristoph Schroeder, Professor für Deutsch als Zweitsprache an der Universität Potsdam, hat die Mehrsprachigkeit in vielen deutschen Schulklassen und die Entwicklung von Varietäten und Sprachmischungen in der Sprache der Jugendlichen untersucht. „Einzelsprachen wie Deutsch oder Türkisch“, so Schroeder, „sind ja eigentlich Abstraktionen; sie lassen sich besser als ‚Bündel‘ mehr oder weniger übereinstimmender sprachlicher Erscheinungsformen – Varietäten – beschreiben.“

Die Wahl der jeweiligen Varietät hängt von der Kommunikationssituation ab. Dabei gibt es eine formelle Öffentlichkeit, eine informelle Öffentlichkeit und einen intimen Umgangsbereich. Bei einer durch Migration geprägten Mehrsprachigkeit werden die informelle und die intime Sprache oft nicht mehr von der formellen Sprache, der Schriftsprache, „überdacht“.

Lehrkräfte mit Migrationshintergrund

Schroeder bemerkt bei vielen Kindern mit Migrationshintergrund die fehlende Kompetenz in der Schriftsprache. Gesellschaftliche Integration verlange jedoch insbesondere die Fähigkeit, sich schriftsprachlich sicher zu bewegen. „Eine gute Schriftlichkeit bildet auch eine Orientierung für das mündliche Sprechen.“ Als eines der Hauptprobleme sieht Schroeder die Herangehensweise der Lehrerinnen und Lehrer an die Mehrsprachigkeit der Jugendlichen. „Man muss die Haltung endlich ändern! Das Herausnehmen von problematischen Schülern mit Migrationshintergrund geht heutzutage nicht mehr. Es muss Aufgabe aller Fächer werden, herauszufinden, wie Deutsch als Zweitsprache in alle Fächer integriert werden kann.“ Der Professor hat selbst eine Tochter, die zweisprachig aufwächst; seine Frau ist Türkin. Er begrüßt die Idee, mehr Lehrkräfte mit Migrationshintergrund an deutsche Schulen zu bringen.

Lehrerin mit Schülern. Copyright: Colourbox Genau dies ist der Ansatz der Stipendiatenförderung der Hertie-Stiftung. „Integration ist in aller Munde, es wird immer als etwas selbstverständliches gesehen, aber es ist nicht selbstverständlich“, sagt Katharina Lezius. Sie ist verantwortlich für das Stipendiatenprogramm zur Förderung von Lehramtsstudierenden mit Migrationshintergrund. „Es gibt eine große Diskrepanz zwischen Schülern und Lehrern.“ Rund 30 Prozent der Grundschüler mit Migrationshintergrund stünden nur ein Prozent Lehrer mit Migrationshintergrund gegenüber. Lehrer, die selbst Erfahrungen mit Migration gemacht hätten, könnten vielleicht nicht immer Sprachbarrieren überwinden, sie könnten jedoch ein anderes Verständnis für Schüler entwickeln und auch ein anderes Vorbild für ausländische Eltern sein, glaubt Lezius.

Nachhilfe und Sommercamps

Auch andere Stiftungen wie die Mercator-Stiftung, die Nachhilfe für Migrantenkinder organisiert, und die Jacobs-Stiftung, die Sommercamps mit Deutschunterricht bezahlt, engagieren sich für eine bessere Integration der Kinder mit Migrationshintergrund. All diese Initiativen fußen auf der Erkenntnis, dass das Erlernen der Sprache ein wichtiger, wenn auch nur der erste Schritt zur Integration ist. „Du hast so viele Leben wie du Sprachen sprichst“, lautet ein tschechisches Sprichwort. Die Schüler in Wiesbaden, Bad Kreuznach und anderswo sollen ein „deutsches Leben“ dazugewinnen, natürlich ohne dabei das „alte Leben“ – ihre Muttersprache – zu vergessen.
Henrike Holzwarth
lebt in Tübingen und arbeitet als freie Journalistin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2009

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