Mehrsprachigkeit

„Freundschaft, nicht nur Kommunikation“ – Jürgen Trabant im Interview

Der Romanist Jürgen Trabant spricht über die Bedeutung der Mehrsprachigkeit für die europäische Kultur und über seine merkwürdige neue Aufgabe, sich an einer englischsprachigen Universität in Deutschland für Mehrsprachigkeit einzusetzen.

Herr Professor Trabant, im November 2008 erschien die Erklärung „Für einen Kontinent der Übersetzungen“, die Sie zusammen mit einer Reihe namhafter europäischer Intellektueller unterzeichnet haben. Was war das Ziel dieser Erklärung?

Wir wollten Herrn Orban, dem Europäischen Kommissar für Mehrsprachigkeit, den Rücken stärken bei seinem Bemühen um eine EU-Parlamentsentscheidung zu dem Thema. Es ging darum, die Tatsache zu betonen, dass Europa eine Kultur ist, die auf verschiedenen Sprachen basiert – eine Kultur in verschiedenen Sprachen. Und das heißt, dass wir eine Kultur, ein Kontinent der Übersetzungen sind.

Europas Trumpfkarte

Am 24. März 2009 verabschiedete das Europäische Parlament (EP) auf Betreiben von Leonard Orban die umfangreiche Entschließung Mehrsprachigkeit: Trumpfkarte Europas, aber auch gemeinsame Verpflichtung, in der es „die Einführung eines Europäischen Tages der Übersetzer und Dolmetscher oder die Berücksichtigung und Wertschätzung der betreffenden Tätigkeiten im Rahmen des Europäischen Tags der Sprachen“ anregt.

Leonard Orban, EU-Kommissar für Mehrsprachigkeit. © European Communities, 2009Außerdem spricht das EP sich klar für die aktive Förderung der Mehrsprachigkeit aus. Unter anderem heißt es, das EP begrüße „nachdrücklich den Vorschlag der Kommission, das Konzept ‚Muttersprache + zwei‘ im Bildungsbereich zu fördern“. Der Europäischen Kommission wirft das EP vor, dass sie seiner Forderung von 2003, „ein Mehrjahresprogramm“ und „eine Europäische Agentur zur Sprachenvielfalt und zum Sprachenlernen“ einzuführen, noch immer nicht nachgekommen sei.


Wie beurteilen Sie Leonard Orbans Mehrsprachigkeitspolitik?

Orban ist ja eigentlich ein Technokrat. Aber er vertritt trotzdem – als ungarischer Rumäne und internationaler Mensch, der viele Sprachen spricht – das europäische Mehrsprachigkeitsprogramm mit einiger Glaubwürdigkeit. Ich habe ihn jetzt zweimal getroffen und er hat mich jedes Mal beeindruckt.

Der Schriftsteller Amin Maalouf war Vorsitzender der von der Europäischen Kommission eingerichteten Intellektuellengruppe für den interkulturellen Dialog, © European Communities, 2009 Kürzlich habe ich Herrn Orban auf die Idee des Schriftstellers Amin Maalouf angesprochen, jeder EU-Bürger möge eine andere europäische Sprache als sogenannte Adoptivsprache erlernen. Da sagte er, er stehe voll hinter der Idee. Dann sagte er lachend: „Aber fragen Sie mal die Regierungen, was sie von dem Programm halten, das Herr Maalouf vorgeschlagen hat.“

Es ist ganz klar: Die Regierungen hassen dieses Programm! Sie mauern, weil es natürlich enorm teuer wäre, tatsächlich überall in Europa Schulen und Einrichtungen zu gründen, die Adoptivsprachen fördern. So wie es jetzt ist, ist es billiger: Wir machen alle Englisch – basta.

Sie wenden sich gegen den „Transaktionsdialekt“ Englisch. Ist vermittelte Kommunikation via Übersetzer und Dolmetscher wirklich immer besser als direkter Austausch – und sei es in schlechtem Englisch?

Nein, da unterscheide ich deutlich zwischen zwei verschiedenen Situationen. Wo es um schnelle und praktische Kommunikation geht, sind wir alle froh, dass wir das Englische haben. Doch wenn es darauf ankommt, wie ich etwas sage, dann sind Übersetzer vorzuziehen. Damit meine ich nicht nur die Literatur, die Poesie, sondern zum Beispiel auch die Texte, die in den Geisteswissenschaften verfasst werden. In der Philosophie etwa kommt es darauf an, dass wir es genauso sagen, wie wir es sagen. Es ist nicht möglich, etwas „ruck-zuck“ in irgendeinem allgemeinen Englisch zu kommunizieren, sondern es kommt darauf an, dass wir es dorthin übersetzen, wo es den Menschen so nahe geht, wie es uns geht. Es ist besser, wenn der Franzose meinen Text auf Französisch liest, als wenn er ihn auf Englisch, in einer vermittelten Sprache kommuniziert bekommt.

Ist das denn realistisch? In der Wissenschaft passiert doch immer mehr auf Englisch.

Es gilt zu retten, was noch zu retten ist: Es geht darum, ein immerhin noch existierendes Übersetzungswesen zu erhalten und noch existierende starke nationalsprachliche Wissenschaftskulturen in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu bewahren. Hier braucht man die jeweilige Sprache für das Arbeiten und Publizieren.

Bei den Naturwissenschaften sieht es sicherlich anders aus; da ist das wissenschaftliche Tun kein eigentlich sprachliches. Da wird – ich vereinfache jetzt – etwas gemessen, seziert, mit der Hand gemacht und dann mit Zahlen, Statistiken und Abbildungen bezeichnet – das geht ohne Probleme auf Englisch.

Sie selber sind Romanist. In der Romanistik hat doch Englisch keine Chance, oder?

Weit gefehlt, es passieren da absurde Dinge. Die Romanisten waren immer berühmt dafür, dass sie verschiedene romanische Sprachen konnten, und auf deutschen Romanistentagen wurden früher die romanischen Sprachen gesprochen. Eine Sektion über Syntax im Italienischen lief selbstverständlich auf Italienisch. Die Italiener konnten kommen und auf Italienisch vortragen. So etwas läuft inzwischen auf Englisch. Da kommen die Italiener, sprechen in einem völlig unverständlichen Englisch mit uns und wir nicken dann noch kosmopolitisch dazu.

Mitglieder der „Maalouf-Gruppe” (von links nach rechts): Jacques de Decker, Simonetta Agnello Hornby, Amin Maalouf, Leonard Orban, Jutta Limbach, Sandra Pralong © European Communities, 2009

Sollte sich die europäische Mehrsprachigkeitspolitik – gerade angesichts der Wirtschaftskrise – nicht aus ökonomischer Vernunft darauf konzentrieren, das Erlernen von Englisch und zusätzlich von aufstrebenden Weltsprachen wie Chinesisch zu fördern?


Nein. Natürlich soll, wer mit den Chinesen Geschäfte machen will, Chinesisch lernen. Aber noch findet der größte Teil des deutschen Außenhandels in Europa statt. Außerdem ist für mich Europa nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine kulturelle Angelegenheit. Das Ökonomische ist mir sozusagen „wurscht“, weil ich ein Kulturwissenschaftler bin und weil ich Europa liebe. Europa basiert auf einer gemeinsamen jüdisch-griechisch-christlichen Kultur, die seit dem 16. Jahrhundert in den verschiedenen Sprachen gefasst wurde. Das ist mein Europa und das möchte ich bewahren, soweit es geht.

Die „europäische Sprache“ sollte jeweils unsere eigene sein und sie sollte – da bin ich leidenschaftlich einer Meinung mit Maalouf – eine Adoptivsprache sein, die wir wirklich als Sprache und nicht nur als Kommunikationsmittel lernen. Das Ziel ist Freundschaft, nicht nur Kommunikation. Ich kann zwar in Sizilien die Pizza auf Englisch bestellen, aber damit bin ich noch mit keinem Pizzabäcker befreundet. Wenn ich mich aber mit ihm auf Italienisch unterhalte, bin ich näher dran an seinen Herzen.

Herr Prof. Trabant, Sie sind seit 2008 an der englischsprachigen Jacobs University Bremen Professor für Europäische Mehrsprachigkeit. Eine merkwürdige Position, finden Sie nicht?

Studierende auf dem Campus der Jacobs University Bremen. © Jacobs University Bremen

Ich habe der Universität gesagt: „Ihr wisst, ich bin nicht für die Einsprachigkeit an der Universität, ich setze mich für die Mehrsprachigkeit ein.“ Da haben sie gesagt: „Ja, deswegen wollen wir dich ja.“ Ich versuche den Studenten also auf Englisch zu vermitteln, dass es nicht nur diese eine Sprache gibt, sondern, dass auch ihre jeweilige Sprache ein wertvolles Denk- und Kommunikationsinstrument ist. Meine Aufgabe ist es, der sprachlichen Globalisierung entgegenzusteuern.
Christoph Brammertz
führte das Gespräch. Er ist Mitglied der Online-Redaktion des Goethe-Instituts.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion

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Juli 2009

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