Mehrsprachigkeit

Kinder, die verstehen helfen

Kinderübersetzer: Die meisten freuen sich, wenn sie helfen können und dafür Anerkennung bekommen  Foto: Charles Benavidez © iStockphotoKinderübersetzer: Die meisten freuen sich, wenn sie helfen können und dafür Anerkennung bekommen  Foto: Charles Benavidez © iStockphotoSie erklären ihrem Vater den Brief vom Jobcenter und sagen ihrer Oma, welche Tabletten sie braucht – wenn Migranten mit mangelnden Deutschkenntnissen auf Hilfe angewiesen sind, springen oft Kinder aus der Familie als Übersetzer ein.

„Im Umgang mit MigrantInnen werden Gesetze und Vorschriften bedenkenlos verletzt, nur um Geld zu sparen“, kritisiert Reinhard Pohl im Bericht über ein Projekt zum Thema Kinderübersetzer, das von Oktober 2004 bis Juni 2005 in Kiel stattfand. Keine der angefragten Institutionen habe sich dazu äußern wollen. Das liege keinesfalls daran, dass diese nichts dazu sagen könnten, meint Pohl. Problematisch sei vielmehr das schlechte Gewissen, „einerseits Kinderarbeit Vorschub zu leisten“ und andererseits gesetzeswidrig mit der ärztlichen Schweigepflicht oder dem Datenschutz umzugehen. Schließlich scheine auch das „schlechte Gewissen gegenüber dem Jugendschutz [...] eine Rolle zu spielen“. Darüber wolle keiner gerne reden.

Wie verlässlich sind Übersetzungen von Kindern?

Die Übersetzungsaufgaben gelingen teilweise erstaunlich gut  Foto: Loretta Hostettler © iStockphoto„Für solche Schulkinder liegen die Inhalte und Formen der Arzt-Patienten-Kommunikation zwangsläufig oft außerhalb des eigenen Erfahrungs- und sprachlichen Ausdruckshorizonts“, meint der Dolmetschwissenschaftler Prof. Dr. Franz Pöchhacker, der Mitarbeiter an Wiener Krankenhäusern zum Thema befragt hat. Die fehlende Übersetzungskompetenz der Kinder und Jugendlichen kann, so das Ergebnis der Befragung und der Analyse eines gedolmetschten Therapiegesprächs, zu Verständigungsproblemen führen.

Andere Studien belegen dagegen, dass zweisprachigen Kindern bereits im Grundschulalter bestimmte Übersetzungsaufgaben teilweise erstaunlich gut gelingen. Vermutlich entwickeln Kinder, die regelmäßig dolmetschen, eigene Strategien, um diese komplexe Aufgabe zu bewältigen. Die zehnjährige Elisha beispielsweise, die sehr häufig für ihre arabischsprachige Mutter übersetzt, umschreibt Wörter, die sie nicht kennt und hangelt sich bei der Übersetzung längerer Äußerungen an Schlüsselwörtern entlang. Ihre Mutter unterstützt sie, indem sie kurze, einfache Äußerungen verwendet und der Tochter die Sätze wörtlich so vorgibt, wie sie sie dolmetschen soll.

„Wie steht der Vater oder die Mutter dann da?“

Wenn Kinder zum Sprachrohr ihrer Eltern werden ... Foto: Loretta Hostettler © iStockphotoDoch nicht nur fehlende sprachliche Kompetenzen sind Gründe für Fehlübersetzungen. Denn wie fühlt sich ein zehnjähriges Mädchen, wenn es seine Mutter zum Frauenarzt begleitet und Fragen zu Menstruation und Sexualfragen übersetzen muss? Oder wenn es die Diagnose einer schweren Krankheit an einen Verwandten übermitteln soll? Und wie reagiert ein Schüler, wenn er beim Elternsprechtag Gespräche zwischen Eltern und Lehrern dolmetschen soll, in denen es um seine eigenen Probleme geht? Verständlich, wenn Kinder und Jugendliche gerade in solch schwierigeren Dolmetschsituationen aufgrund von Angst, Scham oder Eigeninteressen falsch oder unvollständig übersetzen. Doch wenn ein Brief vom Jobcenter oder eine ärztliche Anweisung nicht oder falsch verstanden werden, kann das verherende Folgen haben.

Welche Auswirkungen es auf die familiären Beziehungen hat, wenn Kinder für die eigenen Eltern dolmetschen, ist unter Experten umstritten: Einerseits zeigt eine Studie mit dolmetschenden Jugendlichen in den USA, dass die Dolmetschtätigkeit Kommunikationsmöglichkeiten zwischen den Kindern und Eltern schafft, die das Vertrauen und den Respekt untereinander stärken und sich so positiv auf die Beziehung auswirken. Andererseits befürchten viele, dass es zu Konflikten führt, wenn Kinder und Jugendliche zum Sprachrohr ihrer Eltern werden und sich die Machtverhältnisse innerhalb der Familie umkehren. „Wie steht der Vater oder die Mutter dann da? Wenn das eigene kleine Kind für einen übersetzen soll? Was denkt das Kind darüber?“, gibt etwa Younes Kheir zu bedenken, der als Kind selbst Dolmetschtätigkeiten für seine Familie leistete und heute als interkultureller Moderator an einer Grundschule tätig ist.

Übersetzen macht Spaß

Einigen macht das Übersetzen sogar Spaß  Foto: Charles Benavidez © iStockphotoTatsächlich, das zeigte eine Befragung von 22 Kinderdolmetschern in Berlin-Neukölln, gibt es Kinder, die in schwierigen Situationen übersetzen und dies als Belastung empfinden oder sich von der Dolmetschtätigkeit überfordert fühlen. Die große Mehrheit der befragten Zehn- bis Zwanzigjährigen hingegen nimmt die Tätigkeit bei Weitem nicht so negativ wahr. Die meisten freuen sich, wenn sie helfen können und dafür Anerkennung bekommen. Und einigen macht das Übersetzen sogar Spaß. Deshalb sind fast alle gerne bereit, als ehrenamtliche Dolmetscher auszuhelfen – vorausgesetzt, die Gespräche sind thematisch nicht zu brisant und sprachlich nicht zu anspruchsvoll und die Gesprächspartner zeigen Anerkennung für die Dolmetschleistung. Zudem soll genug Zeit für Hobbys und zum Faulenzen bleiben.

Janna Degener
hat Linguistik, Ethnologie und Neuere deutsche Literatur studiert und arbeitet als freie Journalistin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2009

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