Mehrsprachigkeit

Buchstabensuppe im Kindergarten – mehrsprachige Kinderbücher

Kinder sollten so früh wie möglich mit mehreren Sprachen in Kontakt kommen.  Foto: Selin Yurdakul © iStockphotoKinder sollten so früh wie möglich mit mehreren Sprachen in Kontakt kommen.  Foto: Selin Yurdakul © iStockphotoEin kleiner Wolf versteckt sich in einem Kindergarten und kommt in der Nacht hervor, um das Spielzeug zu entdecken: Er wirft Bauklötze um, malt und sieht sich Bilderbücher an. Und kocht auf dem Puppenherd eine Buchstabensuppe für die Puppen und Stofftiere.

Diese Kindergeschichte von Silvia Hüsler heißt Besuch vom kleinen Wolf. Oder auch La visite du petit loup. La visita del piccolo lupo. Vizitё nga ujku i vogёl. Kücük kurdun ziyareti. In acht Sprachen – von A wie Albanisch über F wie Französisch bis T wie Tamilisch – kann man die Geschichte lesen und braucht dafür nur ein einziges Buch in die Hand zu nehmen. Und in zwanzig weiteren Sprachen steht sie auf der Verlagswebseite zum Download bereit.

Bildungs- statt Alltagsprache

„In Büchern wird eine Bildungssprache verwendet, die sich von der Alltagssprache unterscheidet.“  Foto: Entienou © iStockphotoFachleute aus Pädagogik, Sprachwissenschaft und Politik sind sich heute weitgehend einig: Kinder sollten so früh wie möglich mit mehreren Sprachen in Kontakt kommen. Während alle Kinder vom frühen Fremdsprachenlernen profitieren, spielt gerade für Kinder aus Zuwandererfamilien die Förderung in den Muttersprachen eine wichtige Rolle. Eine besondere Funktion übernehmen dabei Bücher und Geschichten, in denen diese Sprachen vorkommen. „In Büchern wird eine Bildungssprache verwendet, die sich von der Alltagssprache unterscheidet“, meint etwa die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Ursula Neumann. „Die Kinder finden Wörter, die sie noch nicht kannten oder bekannte Wörter in unbekannten Zusammenhängen. Auch auf der grammatischen oder lautlichen Ebene können sie ihre sprachlichen Fähigkeiten erweitern.“

Sprachen lernen, Selbstbilder stärken

Beim Vorlesen ergeben sich zudem leicht Gesprächsmöglichkeiten zwischen den Erwachsenen und den Kindern, in denen die Kinder gelernte Wörter gleich anwenden können. Und auch das selbstständige Lesen fördert die Sprachkompetenz. Für die Persönlichkeitsentwicklung ist es laut Neumann wichtig, dass die Muttersprachen der Kinder durch Bücher in der Kita, in der Schule, aber auch in Bibliotheken vertreten sind: „Wenn Kinder in zwei Sprachen leben, ist das ein Teil ihrer Persönlichkeit.“ Bei interkulturellen Veranstaltungen oder Lesungen finden original- und mehrsprachige Bücher Verwendung; häufig werden dabei Zugewanderte – etwa Eltern oder Großeltern – als Vorleser oder Erzähler eingebunden.

Bei interkulturellen Veranstaltungen oder Lesungen finden original- und mehrsprachige Bücher Verwendung.  Foto: kali9 © iStockphotoAuch deutschsprachige Kinder können von Büchern profitieren, die vollständig oder teilweise in einer anderen Sprache verfasst sind: „Alle sollten die Gelegenheit haben, beispielsweise ein arabisches Buch in die Hand zu nehmen und zu sehen: Das muss man ja ‚von hinten‘ aufklappen, das liest man ja andersrum! Und die Schrift sieht ganz anders aus!“, findet Hildegard Pohl. Die Buchhändlerin reagierte mit der Gründung einer internationalen Kinderbuchhandlung schon vor mehr als zehn Jahren auf diesen Bedarf an original- und mehrsprachigen Kinderbüchern.

Neuer Markt erschlossen

„Ende der Siebziger- und Anfang der Achtzigerjahre gab es zwar immer mehr ausländische Kinder in den Kindergärten, die kein Deutsch konnten“, erinnert sich Silvia Hüsler, die damals in der Erzieher-Ausbildung tätig war. „Themen rund um das interkulturelle Zusammenleben wurden in den Kinderbüchern – wenn überhaupt – aber nur auf sehr fragwürdige Weise aufgegriffen: Da war der arme türkische Junge, dessen Mutter kein Deutsch konnte und der die anderen nur dadurch gewann, dass er ein Mädchen aus einem See rettete.“ Hüsler beschloss als eine der ersten deutschsprachigen Autorinnen selbst Bücher zu schreiben, in denen die Familiensprachen von Kindern mit Migrationshintergrund vorkommen und ein interkulturelles Zusammenleben nicht als Problem, sondern als Bereicherung dargestellt wird.

„Besuch vom kleinen Wolf“ von Silvia Hüsler  Foto: © Brigg Pädagogik Verlag GmbHMittlerweile gibt es zahlreiche Autoren und Verlage, die sich auf diese Weise mit dem Thema befassen und mehrsprachige Kinderbücher auf den Markt bringen. „Der Vertrieb dieser Bücher hat sich in den vergangenen Jahren stark verbessert“, meint Buchhändlerin Pohl, die inzwischen Lesestoff in rund 50 Sprachen anbietet. „Auch kleinere Verlage sind an die Barsortimente angeschlossen, sodass die Bücher den Weg in die Regale der Buchhandlungen finden und auch die großen Verlage bieten teilweise originalsprachige, bilinguale und mehrsprachige Titel an.“ Einige produzieren wie Hüsler gezielt Bücher, in denen verschiedene Sprachen vorkommen, während andere erfolgreiche Titel aus dem Ausland übersetzen. Laut Pohl ist der Markt an deutsch-englischen und deutsch-türkischen Büchern inzwischen gesättigt. Das Angebot in den osteuropäischen Sprachen, Griechisch, Kurdisch, Albanisch, Persisch, Arabisch, aber auch in den Schulsprachen Spanisch, Französisch und Italienisch kann die Nachfrage dagegen allerdings bisher noch nicht decken.

Mit der Initiative Lesespaß widmen sich Goethe-Institut, Stiftung Lesen und Bertelsmann AG seit September 2010 der Sprach- und Mehrsprachigkeitsförderung: Zwei Jahre lang finden in Gütersloh Fortbildungen für Erzieher und Grundschullehrkräfte, aber auch Theaterprojekte und andere Aktionen statt, um die Lesekompetenzen von Kindern und Jugendlichen aus sogenannten lesefernen Familien zu verbessern. Auch anderen Städten und Ländern sollen die Erfahrungen der Initiative zu Gute kommen.

Literatur:

Arbeitskreis für Jugendliteratur:
Kinder brauchen mehrsprachige Bücher (JuLit Informationen Heft 2/07)

Arbeitskreis für Jugendliteratur:
Mehrsprachigkeit. Glücksfall oder Stolperstein für den Bildungserfolg? (JuLit Informationen Heft 2/11)

Fremde Welten in Kinder- und Jugendbüchern – die Empfehlungen des Kinderbuchfonds Baobab (2010/2011)

Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Oktober 2011

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