Wirtschaft und Sprache

Europas Wirtschaft: ohne Mehrsprachigkeit keine Chance im globalen Wettbewerb

Die Europäische Union ist eine große Schweiz. Straße in Zürich. Copyright: ColourboxDie Europäische Union ist so etwas wie eine große Schweiz: ein gemeinsamer Wirtschaftsraum, geprägt von Mehrsprachigkeit. Schweizer Forschern zufolge gehen neun Prozent des Schweizer Bruttoinlandsprodukts auf die Mehrsprachigkeit zurück. Auch wenn für Europa noch niemand versucht hat, den wirtschaftlichen Nutzen von Mehrsprachigkeit exakt zu beziffern, kann man davon ausgehen, dass auch die EU von ihrer Sprachenvielfalt ökonomisch profitiert. Doch Mehrsprachigkeit ist kein Selbstläufer, sondern bedarf der gezielten Förderung.

Diese Ansicht vertritt das „Wirtschaftsforum für Mehrsprachigkeit“, ein hochkarätig besetztes Gremium aus Vertretern und Vertreterinnen der europäischen Wirtschaft. Im Auftrag von Mehrsprachigkeitskommissar Leonard Orban befasste sich das Forum mit der Frage, wie sich Sprachkenntnisse auf Wirtschaft und Arbeitsplätze in der EU auswirken können. Die Gruppe unter dem Vorsitz von Etienne Davignon, dem früheren Vizepräsidenten der Europäischen Kommission, arbeitete sich durch Fallstudien und Forschungsberichte – darunter die ELAN-Studie aus dem Jahr 2006, die unter anderem nachwies, dass vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen in Europa wegen sprachlicher und kultureller Defizite Geschäftschancen entgehen.

Die Beschäftigten ermutigen

Leonard Orban, EU-Kommissar für Mehrsprachigkeit und Schirmherr von „Sprachen ohne Grenzen“. Copyright: European Communities, 2009Die wichtigste Schlussfolgerung des Wirtschaftsforums: Wenn Europa nicht lerne, das ökonomischen Potenzial der Mehrsprachigkeit besser als bisher auszuschöpfen, werde es im globalisierten Wettbewerb gegenüber Schwellenländern ins Hintertreffen geraten. Denn die aufstrebenden Volkswirtschaften vor allem in Asien und Lateinamerika bauten rasch ihre Sprachkenntnisse aus.


Viele Unternehmen müssen, so das Gremium, zunächst einmal feststellen, über welche Sprachkenntnisse ihre Belegschaft überhaupt verfügt, um diese auf allen Unternehmensebenen strategisch nutzen zu können. Den Unternehmen wird empfohlen, ihre Einstellungsverfahren, ihre Schulungsstrategien und ihre Mobilitätsgrundsätze zu überprüfen und so zu verändern, dass die Beschäftigten ermutigt werden, ihre Sprachkenntnisse anzuwenden und weiterzuentwickeln. Dazu gehört auch, den ökonomischen Nutzen von Herkunftssprachkenntnissen von Migranten und Migrantinnen zu erkennen und zu erschließen.

Die Hälfte der Unternehmen haben mehrsprachige Websites. Copyright: Goethe-Institut

Außerdem sollte auch bei der Internetkommunikation und der Werbung konsequent auf Mehrsprachigkeit gesetzt werden. Laut ELAN-Studie ist immerhin etwa die Hälfte der kleinen und mittelständischen Firmen bereits mit mehrsprachigen Websites im Internet präsent.

Sprachkenntnisse teilweise sogar rückläufig

Nicht nur die Unternehmen selbst, sondern auch die Politik – auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene – sehen die Experten in der Pflicht. So hätten sich die Regierungen auf ihrem Gipfel in Barcelona 2002 zwar auf das Ziel geeinigt, jede Bürgerin und jeder Bürger der EU solle zusätzlich zur Muttersprache zwei weitere Sprachen erlernen. Von diesem Ziel sei man jedoch noch weit entfernt, in einigen Ländern – beispielsweise in Österreich – sei der Trend sogar gegenläufig. Deshalb müsse das Fremdsprachenlernen auf allen Ebenen des Bildungssystems gefördert und die Bandbreite der gelehrten Sprachen vergrößert werden. Nach Ansicht der Experten kommt es aber nicht allein auf den formalen Spracherwerb etwa in Schulen und Hochschulen an, auch der Förderung des informellen Erwerbs von Sprachkenntnissen beispielsweise durch Austausch- und Mobilitätsprogramme messen sie große Bedeutung bei.

Die Flagge der Europäischen Union. Copyright: ColourboxEine große Hilfe für die Wirtschaft wäre außerdem der Aufbau eines sogenannten „One-Stop-Shops“ im Internet, der den Unternehmen gebündelte Informationen zu Förderprogrammen und beispielhaften Projekten im Bereich Mehrsprachigkeit bietet. Wer einmal versucht hat im Serverjungle der diversen europäischen Institutionen eine bestimmte Information zu finden, der ahnt, welch anspruchsvolle Aufgabe allein die Umsetzung dieser Forderung des Wirtschaftsforums darstellen dürfte.
Christoph Brammertz
Online-Redaktion des Goethe-Instituts

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2009

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

SPRACH-SPRECH-FRAGEN-BOX

Welche Fragen und Ideen zur Zukunft der deutschen Sprache haben Sie?

Zeichnen Sie Ihre ganz persönliche Videobotschaft auf. In unserer Sprach-Sprech-Fragen-Box in einer von sechs Städten.
MEHR ...

MEDIENPARTNER

PARTNER