Wissenschaft und Bildung

„Auf Deutsch konstruieren Ingenieure anders.“ Britta Hufeisen im Gespräch

Für angehende Ingenieure aus dem Ausland ist Deutschland äußerst attraktiv. Aber sind im Rahmen internationalisierter Studiengänge Deutschkenntnisse überhaupt noch nötig? Diese Frage versucht das DEUTSCH 3.0-Projekt „INGdeutschTU9“ des Universitätenverbunds TU9 zu klären, das im Mai 2014 mit einem Internet-Wiki begann und am 13. November 2014 mit einer Abschlussveranstaltung zu Ende geht. Ein Gespräch mit Projektleiterin Britta Hufeisen über Sinn und Zweck des im Mai 2014 gestarteten Vorhabens, Englisch als Stolperstein – und Zahnräder, die auf Deutsch und Französisch anders ineinandergreifen.

DeutschING – Brauchen Ingenieure Deutsch?
Abschlussveranstaltung des Projekts am 13. November 2014 in Darmstadt


DEUTSCH 3.0: Frau Prof. Hufeisen, die Universalsprache angehender Ingenieure ist die Technik, die Arbeitssprache ihrer Studiengänge auch hierzulande meistens Englisch. Wozu da Deutsch?

Britta Hufeisen: Ganz konkret: Weil die Abbrecherquoten bei Studierenden ohne Deutschkenntnisse hierzulande haarsträubend höher sind als bei Studierenden, die Deutsch können. Und ganz generell: Weil Studierende Kenntnisse der jeweiligen Landessprache einfach benötigen. Da geht es nicht nur um alltagssprachliche, sondern auch um bildungssprachliche Kompetenzen. Um Diskussionen folgen zu können zum Beispiel. Oder um kulturspezifische Aspekte zu durchblicken.

VORPROGRAMMIERTE MISSVERSTÄNDNISSE

DEUTSCH 3.0: Kulturspezifische Aspekte? Auch in den Ingenieurwissenschaften?

Britta Hufeisen: Natürlich! Es gibt auch kulturgeschichtliche Aspekte des Bauens, Erfindens und Entwickelns. Auf Deutsch konstruieren Ingenieure anders als, sagen wir, auf Französisch. Das hat mir ein Maschinenbaukollege am simplen Beispiel eines Zahnrads erläutert. In Deutschland werden wir mit der hierarchischen Vorstellung groß, dass ein Zahnrad ein anderes Zahnrad in Bewegung setzt. Ein Franzose denkt Zahnräder offenbar eher als kooperative Gebilde gleichberechtigter Elemente. Das ist ein ganz anderer Gedankenansatz, den auch eine Lingua Franca nicht wettmacht. Denn selbst wenn wir Englisch reden, tragen wir unsere kulturelle Sozialisation ja mit in die fremde Sprache. Da sind Missverständnisse vorprogrammiert. Ganz abgesehen davon, dass nicht jeder Studierende aus dem Ausland gut genug Englisch spricht, um das deutsche Englisch unserer Lehrveranstaltungen hinreichend zu verstehen.

DEUTSCH 3.0: Sehen Ingenieurwissenschaftler das genauso?

Britta Hufeisen: Zunächst einmal sehe ich als Geisteswissenschaftlerin das so. Ob angehende oder gestandene Ingenieure das genauso oder ähnlich sehen, soll „INGdeutschTU9“ erst noch erweisen. Hierfür müssen wir die Frage nach der Notwendigkeit von Deutschkenntnissen für ausländische Studierende in einem ingenieurwissenschaftlichen Umfeld debattieren. Das will das Projekt.

MIT WIKI ZUM ERFOLG

DEUTSCH 3.0: Wo finden diese Debatten statt?

Britta Hufeisen: Für ausländische Studierende der Ingenieurwissenschaften hat meine Kollegin Almut Schön von der TU Berlin eine Wiki-Plattform eingerichtet, wo Betroffene Meinungen zum Thema hochladen können. Das Angebot wird schon gut genutzt. Übrigens haben fast alle Studierenden bisher dargelegt, dass ihnen Deutsch in Bezug auf ihr Berufs- und Alltagsleben äußerst wichtig ist.

Etablierten Ingenieuren stellen wir die Frage nach Sinn oder Unsinn des Deutschen für ihren Fachbereich dann auf unserer Abschlusstagung ...

DEUTSCH 3.0: ... die am 13. November 2014 in Darmstadt stattfindet ...

Britta Hufeisen: ... und auf der es Inputreferate von Ingenieurwissenschaftlern geben wird, die sich radikal für Deutsch oder Englisch aussprechen beziehungsweise für eine gemäßigte Nutzung beider Sprachen. Diese einschlägigen Erfahrungsberichte wollen wir anschließend diskutieren, um zu eruieren, wann welches Sprachenmodell sinnvoll sein könnte.

DEUTSCH 3.0: Und dann?

Britta Hufeisen: Ebenso wie die Wiki-Eintrage der Studierenden könnte das, was sich da aus den Arbeitsgruppen auf der Abschusstagung ergibt, das Sprungbrett für weiteres wissenschaftliches Arbeiten sein, beispielsweise für auswertende Masterarbeiten oder eine Dissertation.

EIN ABTASTEN DES FELDES

DEUTSCH 3.0: Was erhoffen Sie sich an Erkenntnissen?

Britta Hufeisen: Ich erhoffe mir nicht nur zahlenmäßige Zuordnungen, sondern auch eine ausgeprägte Fächerspezifik. Ich vermute einmal, dass die Informatiker darauf bestehen werden, mit Englisch zurechtzukommen. Und dass die Maschinenbauer und Bauingenieure sagen, dass sie ihre Zementmischer doch lieber deutschspezifisch konstruieren.

Aber vielleicht sieht das Ergebnis ja auch ganz anders aus. Forschungsmethodisch sind wir ja noch in der Hypothesengenerierungsphase. Es ist ein Abtasten des Felds, aus dem sich hoffentlich bald weitere Forschungen ergeben.

Britta Hufeisen ist Professorin am Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft der TU Darmstadt und Leiterin des dortigen Sprachenzentrums. Neben Textkompetenz und Integriertem Lernen ist Mehrsprachigkeit ihr Spezialgebiet. Sie hat das DEUTSCH 3.0-Projekt „INGdeutschTU9“ im Auftrag der TU9, des Zusammenschlusses von neun führenden Technischen Universitäten in Deutschland, angestoßen.


Die Fragen stellte Thomas Köster. Er arbeitet als Kultur- und Wissenschaftsjournalist in Köln und ist Projektschreiber von DEUTSCH 3.0.

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