Wissenschaft und Bildung

„Deutsch wird seinen Untergang überleben“ – Richard Schrodt im Gespräch

Richard Schrodt | © Thomas Köster

Totgesagte leben länger. Für Deutsch gilt das besonders, sagt Richard Schrodt. Mit Goethe.de sprach der Wiener Linguist über die Lust der Deutschen am Sprachuntergang, die Produktivität von SMS-Kürzeln das wahre Wesen der Sprachkritik – und wann man Liebesbriefe doch besser auf Englisch formulieren sollte.

Herr Schrodt, die entscheidende Frage haben Sie in einem Ihrer Buchtitel schon formuliert: „Warum geht die deutsche Sprache immer wieder unter?“

Das ist natürlich ein ironischer Titel. Die deutsche Sprache geht ja gar nicht unter. Sie verändert sich nur. Und sie verändert sich, weil jede lebendige Sprache sich verändern muss. Dies wird allerdings von manchen Kreisen für Untergang gehalten.

Was sind das für Kreise?

Der Sprachpessimismus ist Teil einer sehr lebendigen deutschsprachigen Weltuntergangskultur. Er kommt aus der konservativen Ecke. Und er kommt seit der Romantik immer wieder.

Oft treten Sprachuntergangs-Szenarien im Umfeld nationalistischer Strömungen auf. Geprägt sind sie von immer gleichen Mustern und Metaphern: dem Denken in historischen Zyklen etwa oder der biologistischen Vorstellung, dass Sprache aufblüht, gedeiht und dann sterben muss. All das ist aus sprachwissenschaftlicher Sicht natürlich blanker Unsinn.

Die Botschaften der „Fetzensprache“

Deklinieren wir den Unsinn trotzdem einmal durch. In der aktuellen Sprachverfallsdiskussion ist von einer Art „Vertwitterung“ des Deutschen durch die digitalen Medien die Rede, von der „Fetzensprache“ der SMS.

In erster Linie ist „Fetzensprache“ ein wundervoller neuer Begriff, der die Sprache bereichert. Sachlich ist er unzutreffend. Das Deutsch der digitalen Medien ist eine von vielen soziologischen Varietäten, die in ihrem Bereich eine wichtige Funktion erfüllen und diesen Bereich auch nicht verlassen.

Die SMS-Sprache muss genauso sein wie sie ist. Denn es geht ja darum, Botschaften mit begrenztem Zeichenvorrat schnell, kurz und emotional pointiert rüberzubringen. Die „Vertwitterung“ ist also nicht nur völlig harmlos, sondern transportiert in den elektronischen Medien sogar einen sprachästhetischen Mehrwert.

Rein in die Literatur, raus aus der Literatur

Und was ist mit dem Sprachverfall der Jugend? Stichwort: Kiezdeutsch?

Kiezdeutsch ist auch eine Sprachform mit geschlossenem Anwendungsbereich, namentlich in der Kommunikation von Jugendlichen teils unterschiedlicher Herkunft ...

... die aber durchaus die Chance hat, in die Schriftsprache oder in die Literatur einzugehen, oder?

Natürlich. Aber das war bei den französischen Wörtern der Alamodezeit im 17. Jahrhundert nicht anders. Die haben unter den bangen Augen der Sprachwächter auch ihren Weg in die Literatur gefunden und, als sie nicht mehr gebraucht wurden, auch wieder aus der Literatur heraus.

Kommafehler ernst nehmen

Eine weitere Tendenz scheint zu sein, dass heute Rechtschreibung und Kommasetzung oft willkürlich erfolgen. Gelten die festgesetzten Regeln nicht mehr?

Da muss ich als Mitglied der Rechtschreibkommission heftig widersprechen! Der Duden hat durchaus noch Vorbildfunktion. Bei der Groß- und Kleinschreibung gibt es gewisse Problemfelder. Aber im Großen und Ganzen funktioniert es. Das einzige, was nach meiner Erfahrung überhaupt nicht gut funktioniert, ist die Zeichensetzung, die im Deutschen sehr grammatisch geregelt ist. Das ist vielleicht etwas, was die Leute nicht mehr wollen. Da könnte man sich überlegen, ob die Kommafehler nicht einem Ausdrucksbedürfnis entsprechen, das man ernst nehmen sollte. Man soll ja der Sprachwirklichkeit nicht immer entgegenarbeiten.

Prestigesprache Englisch

Noch ein Versuch: Wie sieht es mit der Unterwanderung durch die englische Sprache aus?

Tatsächlich ist das Englische in Deutschland zu einer Prestigesprache geworden. Das zeigt schon die Popmusik. Aber auch Prestigesprache ist wichtig. Denn es geht bei Kommunikation ja nicht nur um die Inhalte, sondern auch um deren Einkleidung, um sozio-stilistische Funktionalitäten.

Für die heutige Sprache ist eine gewisse Art von Aufmerksamkeitsmanagement wichtig. Man will nicht mehr nur kommunizieren, sondern man will auch kommunizieren, warum man etwas kommuniziert: ein stylisches Lebensgefühl vermitteln zum Beispiel, etwa in der Werbung. Das führt dazu, dass man expressive und emotionelle Stilebenen bedient, die man früher nicht bedienen musste. Und da bieten sich englische Ausdrücke an, die kürzer und einprägsamer sind und sprachsymbolisch funktionieren. Auch damit sollte man seinen inneren Frieden schließen.

Und dann ist das Englische internationale Wissenschaftssprache geworden...

... wie früher das Latein. Dagegen kann man nicht viel sagen. Denn die globalen Ressourcen der Wissenschaft können nur genutzt werden, wenn diese eine gemeinsame Sprache spricht.

Aber entfernt sich die Wissenschaft nicht von der Gesellschaft, wenn immer weniger in der jeweiligen Muttersprache publiziert wird?

Das ist in der Tat ein Problem. Andererseits ist die wissenschaftliche Landschaft inzwischen ohnehin derart komplex, dass die Vermittlung ihrer Erkenntnisse in die Öffentlichkeit längst von den englischsprachigen Wissenschaftlern auf die muttersprachlichen Wissenschaftsjournalisten übergegangen ist. Streng wissenschaftliche Publikationen über Quantenphysik liest außerhalb der Quantenphysik kein Mensch.

Und dann ist natürlich in vielen Geisteswissenschaften Deutsch immer noch Wissenschaftssprache Nummer eins. Und das ist gut so. Denn das Denken in muttersprachlichen Begrifflichkeiten ist gerade für die Philosophie und die theoretische Arbeit eine ganz wichtige Sache. Begriffsbildung ist nichts, das man aus der Hand der Muttersprache geben sollte. Und das wird ja auch nicht getan.

Sprachlose Sprachkritik

Was bleibt von der konservativen Sprachkritik, wenn ihre Kritik derart an der deutschen Sprache abperlt?

Dann bleibt nur noch die Kritik allein. Und der geht es oft ja gar nicht um die Sprache, sondern um gesellschaftliche Differenzierung. Das kann man bei Diskussionen zum vermeintlichen Sprachverfall des Deutschen sehr gut beobachten, etwa in den einschlägigen Foren im Internet. Dort dient Sprachkritik vor allem dazu, soziale Schichten zu unterscheiden, zu benennen, zu charakterisieren – und sich gegebenenfalls von ihnen abzugrenzen. Dahinter steckt ein elitäres Sprachdenken. Und die Auffassung, dass die Sprache als eine Art Kleid den Nutzer schmücken kann – oder den Sprecher verrät.

Also wird die deutsche Sprache auch ihren momentanen Untergang überleben?

Auf jeden Fall! Man muss ja unterscheiden zwischen Kommunikationsformen der Distanz und solchen der Nähe. Und im familiären Umfeld und im Alltagsleben wird sich das Deutsche zweifellos behaupten. Selbst wenn man eine internationale Verständigungssprache wie das Englische benötigt, etwa im Tourismus oder in der Wissenschaft.

Der Bereich der kommunikativen Nähe bleibt hiervon völlig unberührt. Da will man die Sprache dessen sprechen, der sie verstehen soll. Niemand würde einem deutschen Muttersprachler dazu raten, einen Liebesbrief auf Englisch zu schreiben – es sei denn, er will eine Anglistikstudentin beeindrucken.

Richard Schrodt: Warum geht die deutsche Sprache immer wieder unter? Die Problematik der Werterhaltung im Deutschen. Wien: Passagen-Verlag 1995.
Thomas Köster
stellte die Fragen. Er ist einer der beiden Leiter des Südpol-Redaktionsbüros Köster & Vierecke. Zudem arbeitet er als Kultur- und Wissenschaftsjournalist („Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Süddeutsche Zeitung“, „NZZ am Sonntag“, Westdeutscher Rundfunk).

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
November 2014

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