Wissenschaft und Bildung

Englischsprachige Studiengänge: ja oder nein?

Hörsaal am RheinMoselCampus | © Hochschule Koblenz via Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 3.0 DE

Englisch wird als Sprache der Lehre an den Hochschulen der Welt immer bedeutender. Ob die internationale Wissenschaft davon profitiert, ist umstritten.

Vor wenigen Monaten sorgte ein Sprachstreit für Schlagzeilen: Dürfen Wissenschaftler an Hochschulen in Frankreich auf Englisch unterrichten? Die Wissenschaftsministerin Geneviève Fioraso wollte das 1994 im so genannten Toubon-Gesetz beschlossene Verbot „an die Realität anpassen“, stieß dabei aber auf massive Proteste von Sprachschützern und Oppositionspolitikern. Letztlich ging nur ein erheblich abgemildertes Gesetz durch. Wenige Wochen zuvor hatte es ähnliche Diskussionen in Italien gegeben.

„Englisch ist in fast allen Ländern der Welt mindestens eine der Sprachen der Lehre und in den angelsächsischen Ländern ist es die einzige. Selbst im sprachstolzen Frankreich gab es trotz des Verbots schon vor über zehn Jahren mehrere hundert englischsprachige Studiengänge und in Deutschland wird Englisch in immer mehr Fächern als eine der Sprachen der Lehre eingeführt“, erklärt Ulrich Ammon, Linguistik-Professor an der Universität Duisburg-Essen. Laut Stefan Hase-Bergen vom Deutschen Akademischen Austauschdienst DAAD ist der Anteil internationaler, also vorwiegend englischsprachiger Programme in den letzten Jahren deutlich gestiegen. In der DAAD-Publikationsreihe International Programmes in Germany sind bereits über 1.200 verzeichnet, und es gibt circa 7.000 in Europa – Tendenz weiter steigend. Diese Entwicklung wird nicht nur in Frankreich und Italien, sondern beispielsweise auch in Spanien, den Niederlanden, Skandinavien, Portugal, Russland, Polen oder Deutschland mit Sorge betrachtet. Doch die Kritiker sind in der Regel weniger durchsetzungsfähig als diejenigen, die das Englische befürworten.

Kein Erfolg ohne Englisch?

Ulrich Ammon, Linguistik-Professor an der Universität Duisburg-Essen | © Universität Duisburg-EssenWer auf internationalem Parkett Beachtung finden will, so das Argument vieler Befürworter, muss Englisch sprechen. Die künftigen Forscher sollen die internationale Wissenschaftssprache besser beherrschen und die Hochschulen möchten attraktiver für ausländische Studierende sein. Tatsächlich, betont Ammon, haben Wissenschaftler ohne hervorragende Englischkenntnisse bereits heute schlechte Karten: „In den Naturwissenschaften lautet die weltweit vorherrschende Meinung: Wer nicht auf Englisch publiziert, ist auch fachlich nicht Spitze.“ Betroffen seien aber durchaus auch andere Wissenschaften: „Inzwischen wird insgesamt auf Englisch mehr wissenschaftliche Literatur publiziert als in allen anderen Sprachen zusammen. Aber viele meiner älteren Kolleginnen und Kollegen können nicht aktiv an internationalen Tagungen teilnehmen, weil ihre Englischkenntnisse dafür nicht ausreichen.“

Die Frage, ob mehr Englisch an deutschen Hochschulen auch mehr ausländische Studierende anzieht, ist derweil umstritten. Zwar lässt sich in den englischsprachigen Studiengängen in Deutschland ein höherer Anteil ausländischer Studenten verzeichnen als in anderen Studiengängen. Doch als Beleg für eine gesteigerte Mobilität ausländischer Studierender kann das nur bedingt gelten. Denn zugleich kommen viele Studenten gerade wegen der deutschen Sprache nach Deutschland.

Ralph Mocikat vom Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache (ADAWIS) vermutet, dass die englischsprachigen Studiengänge über kurz oder lang eher abschreckend auf ausländische Studierende wirken könnten: „Verschiedene Studien zeigen, dass die sogenannten internationalen Studierenden in englischsprachigen Studiengängen oft sehr unzufrieden sind“. Ein Grund dafür sei, dass sie ohne Deutschkenntnisse nicht am gesellschaftlichen Leben in Deutschland teilnehmen könnten.

Wenn Wissenschaftssprachen aussterben

Der Bamberger Germanistik-Professor Helmut Glück | © Universität BambergAber auch aus anderen Gründen sprechen sich Kritiker gegen die Dominanz des Englischen in der Wissenschaft aus: „Bei der vermeintlich internationalen Wissenschaftssprache handelt es sich um die Landessprache der USA, es geht also um die Frage der Dominanz. Und es konterkariert die auswärtige Kulturpolitik, wenn der DAAD aus Steuermitteln englischsprachige Studiengänge entwickelt und propagiert“, sagt der Bamberger Germanistik-Professor Helmut Glück. Er befürchtet, dass zu viel Englisch an den Hochschulen die Innovationsfähigkeit und die Vielfalt der Sprachen insgesamt bedroht: „Es gibt möglicherweise einen Zusammenhang zwischen wissenschaftlicher Erkenntnisfähigkeit und gewählter Sprache. Und wenn das Deutsche in manchen Fächern als Kommunikationssprache verschwunden ist, ist das für den Status der Sprache problematisch.“ Doch auch diese Thesen sind umstritten.

Stefan Hase-Bergen vom DAAD meint, dass man englischsprachige Studiengänge anbieten kann, ohne Deutsch zu vernachlässigen: „Wir freuen uns über jeden ausländischen Studierenden, der mit guten Deutschkenntnissen kommt. In der Praxis würden viele kluge Köpfe ohne englischsprachige Programme aber nicht nach Deutschland kommen. Diese Leute brauchen wir, weil sie als Alumni oder Multiplikatoren den Kontakt zu Deutschland halten.“ Obwohl sie auf Englisch studieren, erwerben diese Studierenden laut Hase-Bergen zudem zumindest grundlegende und oft auch gute Kenntnisse des Deutschen: „Das spricht ebenfalls für diese Studiengänge.“ Auch die Hochschulrektorenkonferenz hat inzwischen umfangreiche Empfehlungen für die Sprachpolitik an deutschen Hochschulen erarbeitet. Demnach sollen sowohl das Englische als internationale Verkehrssprache als auch spezifische Kenntnisse in anderen Wissenschaftssprachen gefördert werden. An der Erstellung der Empfehlungen waren zahlreiche deutsche und internationale Experten beteiligt. Wie die Hochschulen damit umgehen, bleibt allerdings abzuwarten.
Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Königs Wusterhausen bei Berlin.

Fotos: Hörsaal am RheinMoselCampus | © Hochschule Koblenz via Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 3.0 DE, Multimedia-Vorlesungstisch eines Hörsaals | © Grap via Wikimedia Commons, Lizenz CC BY 3.0

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Februar 2014

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