Wissenschaft und Bildung

Von der Weltsprache zur „Nischensprache“: Deutsch als Wissenschaftssprache

Prof. Dr. phil. Ulrich Ammon. Copyright: Universität Duisburg-EssenIm 19. Jahrhunderts war Deutsch eine der bedeutendsten Wissenschaftssprachen, und Wissenschaftler lernten weltweit Deutsch. Heute hingegen ist Deutsch vor allem in den Naturwissenschaften aus der internationalen Kommunikation verschwunden. Selbst in der wissenschaftlichen Lehre an deutschen Hochschulen ist das Monopol der deutschen Sprache gebrochen. Von Ulrich Ammon

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts stieg Deutsch – unter anderem infolge des Ausbaus der deutschen Universitäten – auf zu einer der weltweit bedeutendsten Wissenschaftssprachen und rangierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem als Sprache der Naturwissenschaften noch vor Englisch und Französisch. Um die neuesten wissenschaftlichen Entwicklungen verfolgen zu können, lernten Wissenschaftler weltweit Deutsch, was wesentlich dazu beitrug, dass Deutsch eine der verbreitetsten Fremdsprachen wurde. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs, der „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts, setzte jedoch eine gegenläufige Entwicklung ein. Deutschland und Österreich waren durch den Krieg wirtschaftlich ruiniert und konnten nicht mehr in gleichem Maße wie zuvor in Forschung und Wissenschaft investieren. Frankreich war in einer ähnlichen Lage.

Die USA dagegen gingen als Weltmacht aus dem Krieg hervor und hatten die notwendigen Ressourcen für den wissenschaftlichen Aufbau. Englisch wurde zur meist verwendeten Wissenschaftssprache. Die Entwicklung von Deutsch wurde weiter beeinträchtigt durch einen Boykott gegen Deutsch bei internationalen Konferenzen und Publikationen seitens der Siegermächte in den Jahren nach dem Krieg (als Strafe für die kriegsunterstützende Haltung deutscher Wissenschaftler). Es folgten die massenhafte Ermordung und Vertreibung deutscher, vor allem jüdisch-deutscher Wissenschaftler im Nationalsozialismus, der abermalige wirtschaftliche Ruin durch den Zweiten Weltkrieg und danach ein lang andauernder Braindrain aus Deutschland, vor allem in Richtung USA.

Ob es wirklich noch „Nischenfächer“ gibt, ist fraglich

Grabung am Römischen Theater in Mainz. Ist Klassische Archäologie noch ein deutschsprachiges „Nischenfach“? Copyright: ML Preiss BonnHeute ist Deutsch vor allem in den Naturwissenschaften aus der internationalen Kommunikation verschwunden. Auch in den Sozialwissenschaften spielt es international kaum noch eine Rolle. Dies gilt gleichermaßen für Publikationen und deren Rezeption wie für Konferenzen. Kenntnisse des Englischen, vor allem der Terminologie, sind daher für deutsche Wissenschaftler unverzichtbar. In manchen Fächern ist vielleicht sogar der parallele Ausbau deutschsprachiger Terminologie unpraktisch, weil der Umgang mit zwei Mengen von Termini zu aufwändig wird. Deutschsprachige Texte mit englischen Termini sind schon heute gängig und vielleicht auf Dauer unvermeidlich.

Nur die ernsthaft an der Fachgeschichte interessierten ausländischen Wissenschaftler benötigen noch Lesekenntnisse in Deutsch, wenn sie die zum Teil Bahn brechenden klassischen Werke im Original studieren wollen (Albert Einstein, Max Weber, Sigmund Freud und viele andere). In den Geisteswissenschaften werden noch „Nischenfächer“ (ein von Harald Weinrich geprägter Terminus) vermutet, in denen Deutsch weiterhin zur internationalen Kommunikation dient, z.B. die klassische Archäologie, die Musikwissenschaft oder verschiedene Philologien, aber die Beweise dafür sind wenig tragfähig. Ein Sonderfall ist natürlich die Germanistik.

Wer Bahn brechende klassische Werke im Original studieren will, braucht Lesekenntnisse in Deutsch. Von links nach rechts: Max Weber (1894), Sigmund Freud (um 1900), Albert Einstein (Foto: Ferdinand Schmutzer, 1921). Copyright: Public Domain

Auch kein Monopol mehr in der Lehre an den deutschsprachigen Hochschulen

Für deutsche Wissenschaftler bleibt die deutsche Sprache allerdings unverzichtbar, denn sie müssen mit der eigenen Gesellschaft kommunizieren. Jedoch ist auch in der wissenschaftlichen Lehre das Monopol der deutschen Sprache gebrochen. Seit dem Wintersemester 1997/98 entstehen so genannte Internationale Studiengänge in englischer Sprache an den deutschen Hochschulen, vor allem in den Naturwissenschaften und technischen Fächern, aber auch in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Diese Entwicklung war angesichts der überwiegend englischsprachigen Fachliteratur nahe liegend und sollte ausländischen Studierenden und Wissenschaftlern mit unzureichenden Deutschkenntnissen den Zugang zu den deutschen Hochschulen erleichtern.

Das Gros der Studiengänge an deutschen Hochschulen ist freilich weiterhin deutschsprachig. Außerdem haben Warnungen, besonders aus der Germanistischen Linguistik und dem Fach Deutsch als Fremdsprache, bewirkt, dass die deutsche Sprache aus den Internationalen Studiengängen nicht ganz verbannt wurde. Sie wird in aller Regel nach dem englischsprachigen Beginn im weiteren Verlauf des Studiums eingeführt, so dass meist auch deutschsprachige Lehrveranstaltungen besucht werden müssen. Andernfalls, glaubt man aus guten Gründen, könnten diese Studiengänge das Deutschlernen im Ausland untergraben. Die Diskussion um diese Studiengänge hat zur Verbreitung des Bewusstseins beigetragen, dass das Lernen von Deutsch als Fremdsprache für Deutschland wichtig ist, weil daraus Freunde erwachsen, die für die Außenkontakte Deutschlands von unschätzbarem Wert sind.

Ähnlich wie dem Deutschen ergeht es auch allen anderen Sprachen außer Englisch

Studierende im Hörsaal. Copyright: ColourboxAnderen einst wichtigen internationalen Wissenschaftssprachen ergeht es nicht anders als der deutschen. Schon in den 1980er Jahren erklang in Frankreich die Klage über „le français scientific en chute libre“ (Französisch als Wissenschaftssprache im freien Fall), als die drei Annales, die Zeitschriften des renommierten Pariser Institut Pasteur, ganz auf Englisch als Publikationssprache umgestellt wurden. Im Jahr 2008 verfügte Frankreich über mehr als 600 englischsprachige Studiengänge an seinen Hochschulen, eine ähnliche Zahl wie Deutschland. Vielleicht aber ist Frankreich konsequenter bemüht als Deutschland, die ausländischen Studierenden der eigenen Sprache zuzuführen, nachdem man sie auf Englisch ins Land geholt hat. Für die Vermutung, dass Sprachen wie Chinesisch oder Japanisch dem Englischen bald den Rang ablaufen könnten, gibt es keine überzeugenden Belege.

Literatur

Ammon, Ulrich (1998) Ist Deutsch noch internationale Wissenschaftssprache? Englisch auch für die Lehre an den deutschsprachigen Hochschulen. Berlin/New York: de Gruyter.

Ammon, Ulrich (2008) Deutsch als Wissenschaftssprache. Wie lange noch? In Gnutzmann, Claus (Hg.) English in Academia. Catalyst or Barrier? Tübingen: Narr, 25-43.

Ammon, Ulrich/ McConnell, Grant (2002) English as an Academic Language in Europe. A Survey of its Use in Teaching. Frankfurt a. M.: Lang.

Debus, Friedhelm/ Kollmann, Franz Gustav, Pörksen, Uwe (2000) (Hgg.) Deutsch als Wissenschaftssprache im 20. Jahrhundert. Vorträge des Internationalen Symposions vom 18./ 19. Januar 2000. Stuttgart: Steiner.

Motz, Markus (Hg.) (2005) Englisch oder Deutsch in Internationalen Studiengängen? Frankfurt a. M.: Lang.

Reinbothe, Roswitha (2006) Deutsch als internationale Wissenschaftssprache und der Boykott nach dem Ersten Weltkrieg. Frankfurt a.M. usw.: Lang.

Ulrich Ammon
ist (frisch) emeritierter Professor für Germanistische Linguistik mit dem Schwerpunkt Soziolinguistik an der Universität Duisburg-Essen.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion

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November 2008

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