Wissenschaft und Bildung

Renaissance der Mehrsprachigkeit? – Deutsch als Wissenschaftssprache

Lesende Wissenschaftler; © DFGLogo des „Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache“; © „Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache“Vor dem Hintergrund der Globalisierung verliert Deutsch als Wissenschaftssprache an Boden. Insbesondere bei Natur- und Ingenieurwissenschaften hat sie an Ansehen eingebüßt. Damit die deutsche Sprache international nicht bedeutungslos wird, hat sich eine Bewegung gegen die Monopolstellung des Englischen gebildet. Darunter ist auch das Goethe-Institut. Was will die sprachpolitische Offensive?

Deutsch als Wissenschaftssprache ist in die Defensive geraten. Das erlebt Kai O. Arras täglich. Mit seinen Kollegen tauscht sich der 39-jährige „Junior Research Leader“ für Robotik an der Universität Freiburg auf Englisch aus. Fachaufsätze gibt es nur im englischen Idiom. Von einem ästhetischen Erlebnis ist die Lektüre vielfach weit entfernt: „Bei einem Paper aus Japan mache ich mich auf das Schlimmste gefasst“, meint der Ingenieur. Höchstens 20 Prozent der wissenschaftlichen Aufsätze, die er regelmäßig liest, sind seiner Meinung nach in gutem Englisch geschrieben. Übersetzungen? Fehlanzeige.

Diktatur der Ranglisten

Lesende Wissenschaftler; © DFGEines Tages wurde es Ralph Mocikat deshalb zu bunt. Das war, als der Mediziner und Immunologe Zeuge wurde, wie selbst auf Kongressen mit deutschem Publikum Vorträge nur noch auf Englisch abgehalten wurden. Diese Selbstaufgabe der eigenen Wissenschaftskultur veranlasste den Professor, 2007 den „Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache“ (ADAWIS) zu gründen. Er setzt sich für sprachliche Vielfalt ein und für die Erhaltung der Wissenschaftstauglichkeit der deutschen Sprache. Der Arbeitskreis konzentriert sich auf Naturwissenschaften, Informatik und Medizin, weil das Fachbereiche sind, in denen laut ADAWIS die Anglisierung besonders weit fortgeschritten ist.

Warum geben deutsche Forscher heute ihre Muttersprache so bereitwillig auf? Immerhin war das Deutsche früher in Geistes- und Naturwissenschaften auch Weltsprache. „Aus Sorge, dass ihre Beiträge von der anglophonen Welt nicht genügend zitiert werden könnten“, beantwortet Mocikat diese Frage – ein Umstand, der zwangsläufig zu einem immer weiter fortschreitenden Rückgang deutschsprachiger Beiträge in den wichtigen Zitatendatenbanken führt.

Hier tanzen Wissenschaftler um ein goldenes Kalb: den sogenannten Impaktfaktor. Nur wer häufig in ausgewählten, international angesehenen Zeitschriften zitiert wird, kommt in den Genuss einer hohen Bewertung. Laut Mocikat schließt man dabei vom Rangplatz der wissenschaftlichen Zeitschrift auf die Qualität der Arbeiten, die ein Autor darin publiziert. Nicht immer zu Recht. Der Impaktfaktor wird von dem amerikanischen Privatunternehmen Thomson Reuters ermittelt und in den Journal Citation Reports (JCR) veröffentlicht. Mocikat fordert daher auf lange Sicht als Gegengewicht eine europäische mehrsprachige Zitatendatenbank.

Die polyglotte Wissenschaft

Eingang der DFG; © DFG/Lichtenscheidt

Mittlerweile hat sich eine Gegenbewegung formiert, die von bedeutenden Wissenschaftsorganisationen getragen wird. Der Offensive geht es nicht darum, das Englische als Weltsprache aus den Wissenschaften zu verbannen. Vielmehr hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ihren Weg in dem „pragmatischen Prinzip der Mehrsprachigkeit“ gefunden. Das von der DFG-Vizepräsidentin Luise Schorn-Schütte formulierte Prinzip wirkt sich bei der Antragstellung und Begutachtung von Förderanträgen, beispielsweise bei Bewerbungen zur Exzellenzinitiative, aus.

Danach sollen Antragstellung und Begutachtung von Förderanträgen in der Sprache vorgenommen werden, die in der jeweiligen Wissenschaft gängig sind. Während Naturwissenschaftler und Ingenieure ihre Förderanträge und Gutachten beispielsweise auf Englisch formulieren können, tun dies die Geistes- und Sozialwissenschaftler weiterhin auf Deutsch – es sei denn, Anträge und Gutachten stammen aus der Feder von Geistes- und Sozialwissenschaftlern, die in der angelsächsischen Kultur beheimatet sind.

Renaissance der Mehrsprachigkeit?

Website des „Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache“; © „Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache“2009 haben sich auch die Präsidenten der Alexander von Humboldt Stiftung, des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes (DAAD), des Goethe-Instituts und der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) in einer gemeinsamen Erklärung für Mehrsprachigkeit in der Wissenschaft eingesetzt. „Die Internationalisierung der Wissenschaft bedeutet, dass sich eine mehrsprachige Wissensgemeinschaft herausbildet, die zum einen des Englischen als Lingua franca mächtig ist, um an der weltweiten Fachkommunikation teilzuhaben. Zum anderen gibt sie die eigene Sprache nicht auf“, erklären die Präsidenten. Darum fordern sie mehr Dolmetscher auf Tagungen, Mittel für wissenschaftliche Übersetzungen und Deutschkurse für Gastwissenschaftler.

Anfang 2010 hat sich der DAAD erneut mit einem Memorandum zur Förderung des Deutschen als Wissenschaftssprache an die Öffentlichkeit gewandt. Diesmal stellt die Wissenschaftsorganisation sprachpolitische Leitlinien zur Debatte. So sollen herausragende Bedingungen für Lehre, Forschung und Publikation langfristig ein Interesse an Deutschland wecken, das sich auf die Sprache ausdehnt: „Exzellente Wissenschaft ist Werbung für die deutsche Sprache.“ Maßnahmen könnten die Stärkung der Germanistik im In- und Ausland sowie der Export deutscher Studiengänge an ausländische Universitäten sein.

Der DAAD verpflichtet sich sogar selbst, mehr Deutsch in seiner Öffentlichkeitsarbeit zu verwenden. Der sprachpolitische Vorstoß zeitigt Wirkung. Die Öffentlichkeit ist auf die Internationalisierung und die Folgen für deutsche Sprache und Kultur aufmerksam geworden. Einige denken um: „Deutsch ist als Wissenschaftssprache in der Robotik zwar nicht mehr vorstellbar“, sagt Ingenieur Arras. Trotzdem findet er es richtig, dass andere Disziplinen auf Mehrsprachigkeit pochen.

Arnd Zickgraf
arbeitet als Wissenschaftsjournalist und Publizist in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2010

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