Wissenschaft und Bildung

Fremdsprachen in deutschen Schulen und Kindergärten

Nicht nur eine, sondern zwei Fremdsprachen soll jeder Schüler in Europa lernen.  Foto: Julia Nichols © iStockphotoNicht nur eine, sondern zwei Fremdsprachen soll jeder Schüler in Europa lernen.  Foto: Julia Nichols © iStockphotoFremdsprachen öffnen Türen: zu anderen Kulturen, zu interessanten Berufen und zu den Herzen von Menschen, die eine andere Sprache sprechen. Die meisten lernen die erste Fremdsprache in der Schule – viel zu spät, finden Experten.

Nicht nur eine, sondern zwei Fremdsprachen soll jeder Schüler in Europa lernen. Dafür sprach sich Anfang 2009 das Europäische Parlament aus und stellte fest, dass Mehrsprachigkeit ein großes Potenzial Europas ist, das die europäischen Regierungen mehr fördern sollten.

Fremdsprachenunterricht in Europa und Deutschland

In fast allen europäischen Staaten lernen Schüler mit acht oder neun Jahren die erste Fremdsprache, in Norwegen, Malta und Luxemburg sogar mit sechs Jahren und im deutschsprachigen Belgien und in Spanien schon mit drei. In Großbritannien kommen Kinder dagegen erst mit elf Jahren mit einer anderen Sprache in Kontakt.

„Am allerbesten wäre es, schon im Kindergarten mit Englisch zu beginnen.“  Foto: Cherissa Roebuck © iStockphotoIn welchem Alter Schüler in Deutschland mit einer Fremdsprache beginnen, hängt vom Bundesland ab, in dem sie wohnen. In der Regel ist das mit acht Jahren in der dritten Klasse. Damit liegt Deutschland im europäischen Durchschnitt. Manche Bundesländer wie Hessen bieten schon ab der ersten Klasse an, eine andere Sprache in freiwilligen Stunden kennenzulernen. Vorreiter in Sachen Fremdsprachenunterricht ist Nordrhein-Westfalen. Dort lernen die Kinder ab der ersten Klasse Englisch. Bundesweit kommt die zweite Fremdsprache in Klasse 7 hinzu, meist Spanisch oder Französisch.

Sprache lernen im Kindergarten

„Am allerbesten wäre es, schon im Kindergarten mit Englisch zu beginnen“, sagt Prof. Dr. Andreas Rohde vom Englischen Seminar der Universität zu Köln. Er beschäftigt sich mit zweisprachigen Kindergärten und mit der Didaktik des Englischunterrichts in Grundschulen. Im Gegensatz zum Schulunterricht erleben die Kinder im Kindergarten die neue Sprache in alltäglichen Situationen: wenn sie frühstücken, spielen oder basteln. Sie lernen sie ohne Scheu, unbewusst und ungesteuert – wie ihre Muttersprache vorher. In Deutschland ist das selten. Rund 700 zweisprachige Kindergärten gibt es. Die meisten bieten Englisch oder Französisch an. Eine Gruppe Kinder wird in der Regel von zwei Erzieherinnen betreut: eine spricht Deutsch, die andere die Fremdsprache. „Wenn die Kinder in die Grundschule kommen, verstehen sie schon viel“, sagt Rohde, der momentan deutsch-englische Kindergärten untersucht.

Englisch dominiert

„Kinder lernen am besten außerhalb der Lernsituation.“  Foto: Melanie Kintz © iStockphotoAuch Prof. Dr. Hans-Jürgen Krumm, Leiter des Lehrstuhls Deutsch als Fremdsprache an der Universität Wien, findet, dass Kinder die erste Fremdsprache schon im Kindergarten lernen sollten. Allerdings nicht Englisch. „Kinder lernen am besten außerhalb der Lernsituation“, sagt er. „Wenn dort niemand Englisch spricht, ist das eine schlechte Erfahrung für sie.“ Besser wäre es, so Krumm, spielerisch ein oder zwei Sprachen einzuführen, die das Kind mit Gleichaltrigen benutzen kann: zum Beispiel eine Migrantensprache oder die Sprache des Nachbarlandes. „Im Kindergarten sollen die Kinder Erfahrungen mit Vielsprachigkeit machen und Lust auf Sprache bekommen“, sagt Krumm, der sich viel mit Fremdsprachendidaktik beschäftigt. „Mit Englisch kann man im Pop- und Internet-Alter mit acht oder zehn Jahren beginnen, wenn die Schüler es auch brauchen.“ Dass Englisch in ganz Europa immer mehr den Fremdsprachenunterricht dominiert, findet Krumm hinderlich für die angestrebte Vielsprachigkeit. „Auch frühere Musterländer für Mehrsprachigkeit wie Norwegen, Finnland und die osteuropäischen Länder setzen jetzt mehr auf Englisch“, sagt er.

Schlechte Englischkenntnisse

Deutsche Schüler beherrschen trotz des intensiven Englischunterrichts die Sprache vergleichsweise schlecht. Einen Grund dafür sieht Krumm in der zu theoretischen Ausbildung der Sprachlehrer. „Es gibt zwar schöne Ideen für einen lebendigen Unterricht, aber keine gängige Praxis“, sagt er und bemängelt auch, dass den Schülern der Kontakt zur Fremdsprache fehle. „In ihrem täglichen Leben brauchen sie sie einfach nicht.“ Anders ist das in Holland oder den skandinavischen Ländern, deren Einwohner sehr gut Englisch sprechen. Dort laufen Filme und Fernsehsendungen im Original mit Untertiteln, ohne die in Deutschland typische Synchronisation. „Das ist ein wichtiger Faktor für Mehrsprachigkeit“, sagt Krumm. „Fernsehen ist dort ein Sprachbad.“

Kinder lernen Sprachen ohne Scheu.  Foto: fatihhoca © iStockphotoSprachen nicht im Unterricht, sondern in alltäglichen Situationen zu lernen, findet Andreas Rohde am effizientesten. Zweisprachige Kindergärten bieten die Möglichkeit dazu, genauso wie fremdsprachige Sachfächer in der Schule. „An einigen deutschen Schulen werden ein oder zwei Fächer wie Sport oder Kunst auf Englisch unterrichtet“, sagt er. Das ersetze den Sprachunterricht. „Diese Formen gewinnen zwar an Bedeutung, aber nicht flächendeckend.“ In den meisten Fällen beruhen sie auf Elterninitiativen.

Katja Hanke
ist Sprachwissenschaftlerin und freie Journalistin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2010

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