Wissenschaft und Bildung

Deutsch als Wissenschaftssprache – deutsche Sprache, quo vadis?

Das Deutsche im Bereich der Wissenschaft wird immer mehr vom Englischen verdrängt.  Foto: Tomas Skopal © iStockphotoDas Deutsche im Bereich der Wissenschaft wird immer mehr vom Englischen verdrängt.  Foto: Tomas Skopal © iStockphotoSeit Jahren wird das scheinbar fortschreitende Verschwinden der deutschen Sprache aus dem Bereich der Wissenschaft diskutiert, vor einiger Zeit gab es dazu sogar eine Anhörung im deutschen Bundestag. Aber was genau ist so schlimm daran? Und was gut?

Das Deutsche im Bereich der Wissenschaft werde, so das allgemeine Bild, immer mehr vom Englischen verdrängt: Forschungsbeiträge in Fachzeitschriften, Vorträge auf Tagungen und Kongressen und sogar Seminare und Vorlesungen an deutschen Hochschulen werden häufig in englischer Sprache abgefasst. Das sei besonders in den Naturwissenschaften, technisch ausgerichteten Forschungsbereichen und in der Medizin so, aber auch immer häufiger in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Der Vorteil liegt klar auf der Hand: weltweit können sich die Forscher und Wissenschaftler in einer gemeinsamen Sprache über ihre Ergebnisse und Meinungen austauschen.

Unser Denken ist durch unsere Sprache bestimmt. Foto: Kai Chiang © iStockphotoAber so einfach, wie es klingt, ist es leider nicht. Das Sprachniveau, über das die nicht englischsprachigen Wissenschaftler verfügen, lässt oft zu wünschen übrig. Dadurch ergeben sich, auch wenn von allen Beteiligten Englisch gesprochen wird, Sprachbarrieren. An vielen deutschen Universitäten, in immerhin fast 600 Studiengängen, wird teilweise ausschließlich in Englisch unterrichtet. Aber auch hier ist problematisch, dass viele der Dozierenden sich nicht sicher genug in der englischen Sprache bewegen können, um ihren Studierenden das fachliche Wissen angemessen zu vermitteln. Der Verzicht auf die deutsche Sprache als Wissenschaftssprache in der Lehre kann also einen Qualitätsverlust mit sich bringen.

Die Verschiedenheit der Sprachen ist nicht eine Verschiedenheit an Schällen und Zeichen

Unser Denken ist durch unsere Sprache bestimmt und schon Wilhelm von Humboldt wusste, dass die Verschiedenheit der Sprachen eine Verschiedenheit der Weltansichten ist, und sich Sprachen nicht bloß anhand ihrer Alphabete und Aussprachen voneinander unterscheiden. Nur in Ausnahmefällen ist ein deutscher Muttersprachler in der Lage, einen Gegenstand so detailliert und reflektiert im Englischen zu beschreiben, wie im Deutschen. Eine solche Fähigkeit ist aber in der Wissenschaft, wo es häufig um die Beschreibung und Benennung komplexer Zusammenhänge geht, von höchster Wichtigkeit. Nicht nur die Beschreibung, sondern auch die Entwicklung von Ideen ist an die eigene Muttersprache gebunden, da in ihr spezifische Strukturen unseres Denkens, Wahrnehmens und unserer Erkenntnis verankert sind.

Wissenschaft und Forschung sind wichtige Bestandteile der Gesellschaft.  Foto: clu © iStockphotoAuch ausländische Studierende und Gastwissenschaftler täten sich leichter, an einer deutschen Uni Anschluss zu finden, wenn eine gemeinsame Sprache, bevorzugt Englisch, gesprochen werde. Universitäten meinen als Studienstandort attraktiver zu sein, wenn ihre Gäste keine Sprachbarriere zu überwinden hätten. Aber ein großer Reiz eines internationalen Austausches ist es doch, die fremde Kultur kennenzulernen. Und diese wiederum wird durch die Sprache übertragen und vermittelt, ebenso wie Lebenseinstellungen, Mentalitäten und Denkweisen.

Deutsch als flexibles Kommunikationsmittel zur Wissensvermittlung und -gewinnung

Wissenschaft und Forschung sind wichtige Bestandteile der Gesellschaft, was zum Beispiel daran ersichtlich wird, dass viele Forschungsbereiche auch immer das allgemeine Interesse der Bevölkerung auf sich ziehen. Zu denken sei zum Beispiel an den Bereich der Atomkraftnutzung, der Gentechnik oder der Stammzellenforschung. Denn das, was die Wissenschaft interessiert, ist auch immer lebensweltlich in die Gesamtgesellschaft eingebunden.

Kein Konkurrenzkampf zwischen der deutschen und der englischen Sprache.  Foto: Christopher Futcher © iStockphotoWenn nun auf das Deutsche als Wissenschaftssprache verzichtet würde, ergäbe sich eine Kluft zwischen den Wissenschaftlern auf der einen und dem Rest der Gesellschaft auf der anderen Seite. Vielen Menschen bliebe eine Mitsprache an wissenschaftlichen Erkenntnissen verschlossen. Die deutsche Sprache würde zudem stagnieren, stehen bleiben, wenn sie nicht mehr vor der Herausforderung stünde, auch neue Erkenntnisse der Forschung sprachlich zu benennen. Alltagssprache und Wissenschaftssprache sind im Deutschen eng miteinander verknüpft. Ein Herauslösen der Wissenssprache würde auch die Alltagssprache einengen.

Die Muttersprache reinigen und bereichern, ist das Geschäft der besten Köpfe

Was schon Goethe forderte, haben sich die Alexander-von-Humboldt-Stiftung, der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) sowie das Goethe-Institut zur Aufgabe gemacht: Sie sprechen sich gemeinsam für Mehrsprachigkeit in der Wissenschaft aus und wollen diese durch langfristige Maßnahmen fördern. Dabei wollen sie keinen Konkurrenzkampf zwischen der deutschen und der englischen Sprache gewinnen: Sie fordern eine internationale Wissensgemeinde, die des Englischen als einheitliche Sprache im internationalen Austausch mächtig ist, aber ebenso eine eigene starke Forschung vertritt und zwar in ihrer jeweiligen Muttersprache.

Constanze Fiebach
ist Literaturwissenschaftlerin an der Universität Düsseldorf und freie Journalistin. Sie lebt in Essen.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Dezember 2010

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

SPRACH-SPRECH-FRAGEN-BOX

Welche Fragen und Ideen zur Zukunft der deutschen Sprache haben Sie?

Zeichnen Sie Ihre ganz persönliche Videobotschaft auf. In unserer Sprach-Sprech-Fragen-Box in einer von sechs Städten.
MEHR ...

MEDIENPARTNER

PARTNER