Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen

© Goethe-Institut, DEUTSCH 3.0

Nachschlagen, vorschlagen, hinterfragen

Was tritt an die Stelle von Nachschlagewerken – und was bedeutet das für die Weise, wie wir uns die Welt erschließen?

© Hochschule für Philosophie, v.l.n.r.: Prof. Dr. Alexander Filipović, Dr. Herbert Bornebusch, Prof. Dr. Heiko Beier, Dr. David Klett

Wenn David Klett wissen möchte, wie man „vornübergebeugt“ schreibt, wäre er früher vielleicht ans Bücherregal gegangen und hätte im Duden nachgeschaut. Heute kuckt er, was ihm die Funktion „Autovervollständigung“ von Go@ogle vorschlägt, nämlich die Zusammenschreibung der drei Wörter.

Ist das schlimm? Wird der Duden deshalb überflüssig? Nach welchen Kriterien schlägt Google die Schreibung vor, wer hat diese Kriterien entwickelt, wie zuverlässig sind sie und wie können wir das alles beurteilen? Lauter gute Fragen. Interessant ist jedenfalls, dass der erste Google-Treffer bei der Suchanfrage „vornübergebeugt“ auf duden.de verweist. „Zwischen Alphabet und Algorithmus – Das Ende des Nachschlagens“, so lautete der Titel einer Veranstaltung an der Hochschule für Philosophie in München am 15. Mai 2014, die um diese Themen kreiste, und um noch ein paar mehr: die Bedeutung des Alphabets, das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine, die Entwicklung der Sprache und damit die Entwicklung von uns Menschen, den „Einwohnern der Sprache“, wie Herbert Bornebusch, Geschäftsführer von Klett-Langenscheidt, es ausdrückte.

Der Versuchung, den Untergang des Abendlandes zu prophezeien, widerstanden die Teilnehmer, so groß sie auch sein mag angesichts der Nachrichtenlage: Die großen enzyklopädischen Projekte seit der Aufklärung sind längst zu Ende; das Oxford English Dictionary wird nicht weitergeführt; der Traditionsverlag Langenscheidt verkauft seine Lehrwerksparte an den Konkurrenten Klett; und Mitte 2014 will Bertelsmann den Direktvertrieb des „Brockhaus“ einstellen. Ganz ohne Wehmut kamen die Podiumsteilnehmer allerdings nicht aus: So nannte Herbert Bornebusch Lexikaeinträge „Kunstwerke der Informationsdichte“ und Alexander Filipović, Professor für Medienethik an der Hochschule für Philosophie München, schwärmte vom „Eros der Bibliothek“ und davon, welche Überraschungen er beim Stöbern in den Regalen immer wieder erlebe.

© Hochschule für Philosophie„Neue Nutzergewohnheiten und Technologien werden mächtiger, alte Ordnungssysteme aber schwächer“, so fasste Herbert Bornebusch die Entwicklung zusammen und sprach das große Wort vom „Epochenbruch“. „Verlage und Redaktionen haben Jahrzehnte darüber gewacht, wer und was aufgenommen wird und welches Gewicht, welchen Raum sie bekommen, welche Querverweise, Beziehungen aufgezeigt werden, welche sprachhistorischen Hintergründe.“ Sie taten dies auf Grundlage des Alphabets, welches nicht nur eine Reihenfolge vorgebe, sondern auch der Welt eine Ordnung gebe: von Alpha bis Omega. Heute verliere das Alphabet an Präsenz zugunsten von Algorithmen, die unser Wissen nach anderen Kriterien strukturieren und aufbereiten: „Aus dem Nachschlagen wird immer mehr ein Vorschlagen, wo eine Frage auftauchen könnte, ist schon eine Antwort da.“

Nachschlagen ist eine Erfindung der Neuzeit

Wovon genau wir da gerade Abschied nehmen, das beschrieb David Klett von der „Klett Lernen und Information GmbH“ mit einigen historischen Hinweisen: Die Kulturtechnik des Nachschlagens, so selbstverständlich sie uns heute erscheinen mag, erfuhr ihre Blüte erst in der Neuzeit. In antiken Schriftrollen konnte man nicht blättern. Stattdessen rollte man die unpaginierten, meist querformatigen Vorläufer des Buches mithilfe zweier Stöckchen nach und nach aus. Man brauchte aufwendige Ordnungssysteme wie Register und Verszeichen. An sakralen Texten des Mittelalters, so Klett, fänden sich kaum Gebrauchsspuren. Ein Hinweis darauf, dass die Texte im Ganzen gelesen, gesungen oder auch gesummt wurden. „Nachschlagen“ wäre einem mittelalterlichen Mönch vielleicht sogar frevelhaft erschienen, nämlich als das Zerstückeln eines heiligen Textes. „Das gehört in die Neuzeit“, sagte David Klett – ein Hinweis darauf, dass die Fragmentierung des Wissens, dem das Netz angeblich Vorschub leistet, auch schon ein Merkmal des Nachschlagens ist. Sowohl das ältere Nachschlagen als auch die neueren Formen der Wissensrecherche im Netz erscheinen damit auch als notwendige Reaktion auf das Wachstum und die damit schwieriger werdende Handhabung unseres Wissens.

Das Alphabet war bisher das für die Strukturierung unseres Wissens maßgebliche Ordnungssystem – und es hat erstaunliche Eigenschaften, auf die David Klett aufmerksam machte: Es ist ziemlich willkürlich (warum folgt auf „P“ eigentlich „Q“?). Es ist antimetaphysisch: Profanes steht neben Sakralem, Bäuerliches neben Herrschaftlichem, „auf ‚König’ folgt ‚Köter’, auf ‚Fürst’ folgt ‚Furz’“. Der Umgang des Alphabets mit Hierarchien wirkt nivellierend und bisweilen subversiv – ebenso wie manche Aspekte der Wissensorganisation im Netz, die Klett mit dem Wort „Heterarchie“ beschrieb. 

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Maschinen haben vielleicht kein Bewusstsein, aber sie sind intelligent

So wirkt die verlockende Dichotomie zwischen Alphabet und Algorithmus, zwischen gedrucktem Nachschlagewerk und digitalem Informationsangebot etwas vorschnell: Klett wies darauf hin, dass sowohl das Alphabet als auch seine Konkurrenz, der Algorithmus, eines gemeinsam haben: dass sie menschengemacht sind. An allen diesen Formen der Wissensbeschaffung sind Gatekeeper maßgeblich beteiligt, ob sie nun Lexikographen sind oder Programmierer. Allerdings ist das Tun der neuen Gatekeeper schwerer nachzuvollziehen. Was ist, wie entsteht und was bewirkt ein Algorithmus? Niemand weiß, was genau passiert, wenn man einen Begriff in die Blackbox namens Google eingibt.

Die neuen Medien verändern auch unsere Vorstellung von „Wissen“: Büchern wohne noch eine „Selbstbehauptung der Vollständigkeit“ (Klett) inne, denn was zwischen zwei Buchdeckeln stehe, habe einen Anfang und ein Ende, während „Wissen“ im Netz flüssiger, in Entwicklung begriffen erscheine.

© Hochschule für PhilosophieAuf weitere Unterschiede wies anschließend Heiko Beier hin, Professor für Internationale Medienkommunikation in München und Geschäftsführer von „Moresophy“. Erstens: Im Netz wird breiter, assoziativer gesucht. Und zweitens: Das Netz lernt seine User kennen. Amazon weiß bei einer Anfrage nicht nur, was andere Kunden mit ähnlichen Interessen gekauft haben, sondern auch, wofür sich der Kunde vor und nach einer bestimmten Recherche interessiert hat, wann sie stattfindet und wo er sich ungefähr befindet (Im August, im Ausland? Dann sucht er vielleicht Urlaubslektüre.). Und drittens: Die Maschine kann ungeheure Mengen an Information verarbeiten. Sie kann ein Buch einlesen, dazu noch die Pressestimmen, Kommentare, Verkaufszahlen und Konkurrenzprodukte. Heiko Beier fragte: Entwickeln Maschinen ein Bewusstsein? Er selbst hält die Frage für kognitionswissenschaftlich nicht zu beantworten. Aber er sagt: „Sie werden eine Form der Intelligenz haben.“

© Hochschule für PhilosophieInteressant wäre, was „Siri“, das Spracherkennungsprogramm der Firma Apple, zu dieser Behauptung sagt: Hat es ein Bewusstsein oder gaukelt es dieses nur vor? Das fragte sich auch Alexander Filipović, als er kürzlich sein Smartphone in die Hand nahm und es fragte: „Wann ist meine Tochter geboren?“ Diese stand daneben, als Siri die richtige Antwort gab. Bei der Frage nach Filipovićs Sohn aber musste Siri passen: „Wer ist dein Sohn?“ Dieser war noch nicht als „Kontakt“ angelegt, weil er noch so klein ist. „Du bist blöd“, sagte Filipović. „Jetzt reicht’s aber“, antwortete Siri. „Sie hätten mal meine Kinder sehen sollen“, erzählt ihr Papa: „Die waren total geflasht!“

Ein Stück Freiheit droht verloren zu gehen

Was ist daran bemerkenswert? Dass sich Siri im Streit mit seinem User ziemlich eigenständig zu verhalten schien und dabei auch noch das letzte Wort behielt? Dass es (er? sie?) damit aber nicht über seine Ahnungslosigkeit hinwegtäuschen konnte, weil es nun mal nur ausspucken kann, was ihm ihr Besitzer zuvor beigebracht hat? Dass Siri allenfalls ein Kleinkind beeindrucken kann?

Alexander Filipović zählt nicht zu den Apokalyptikern, was die Zukunft der digitalen Wissensaufbereitung angeht. Aber er warnte vor dem Verlust eines kritischen Bewusstseins für die Gefahren, die damit einhergehen: Für die „Enge der weiten Medienwelt“, auf die Miriam Meckel hinwies, wenn sie sagt: „Aus unserer Vergangenheit und unserem früheren Verhalten wird unser mögliches zukünftiges Verhalten errechnet. Das bedeutet, wir bewegen uns in einen Tunnel unserer selbst hinein, der immer enger, immer selbstreferentieller wird, weil keine neuen Impulse mehr hinzukommen.“ Laut Filipović geht dadurch ein Stück Freiheit verloren. Er zitierte ein Wort des Medientheoretikers Norbert Bolz, wonach die Gesellschaft „in Programmierer und Programmierte“ zerfalle. Er forderte, diesem Auseinanderfallen der Gesellschaft politisch entgegen zu wirken. „Wir müssen die kommunikativen Teilhabemöglichkeiten erweitern“, und zwar auf eine Art, die junge Menschen erreiche. „Wir brauchen Kompetenzen, um in einer völlig sprachlichen Welt zurechtzukommen.“
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Aus den Wortmeldungen sowohl auf dem Podium als auch im Publikum ging ein starkes Bedürfnis hervor, diese Entwicklungen nicht nur zu verstehen, sondern auch zu bewerten: Ist das alles gut oder schlecht? Gefährlich oder bereichernd? Bildet oder verdummt es uns? Sollen wir kulturpessimistisch sein oder fortschrittsoptimistisch? Referenten und Besucher wussten: Gute Antworten auf diese Fragen folgen keinem digitalen Schema. Wir müssen die Zwischenräume ausloten. Die gute Nachricht: Dabei kann uns unser Sprachvermögen helfen. Die in ihm gespeicherte Erfahrung ermöglicht uns auch Abstand und Bewertung. Unsere Literalität entwickelt sich in der Begegnung mit digitalen Technologien weiter.

Eine Nachlese zur Veranstaltung finden Sie auch im folgenden Blog:
http://www.info-architekt.de/deutsch-3-0-wenn-nachschlagen-zu-vorschlagen-wird/

Projektschreiber: Andreas Unger

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