Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen


Sackerl oder Tüte? Österreichisches Deutsch in Wien

Soll man die Blunzen beim Fleischhauer ins Sackerl packen? Oder die Blutwurst beim Metzger in die Tüte? Die Wiener Veranstaltung „DEUTSCH 3.0 – Perspektiven auf und aus Österreich“ lotete die Zukunft des österreichischen Hochdeutschs aus, zeigte die bereichernde Rolle von Austriazismen auf – und zerstreute etwaige Ängste vor dem großen Muttersprachenbruder Deutschland.




Als der in Hannover geborene Mediävist Matthias Meyer 2007 von Berlin nach Wien übersiedelte, um hier seine Professur für Ältere deutsche Literatur anzutreten, musste er eine neue Sprache lernen – zumindest ansatzweise. „Ich habe gelernt, dass ich das Wort ‚Tüte‘ vermeiden muss“, sagte der heutige Dekan der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät in seiner Begrüßungsrede zu „DEUTSCH 3.0 – Perspektiven auf und aus Österreich“. Und dass man als Zugereister österreichischen Dialekt nie imitieren sollte: „Es kann nicht klappen.“

O. Univ.-Prof. Dr. Matthias Meyer; © Stefanie M. MoogUnter Einhaltung dieser Regeln allerdings gelang Meyer offenbar eine ebenso schnelle wie fruchtbare Akkulturation. „Es hat nur drei Tage gedauert, bis ich die Phrase ‚Das geht sich nicht aus‘ übernommen habe“, berichtete der Dekan. Wie sein Leben bis dahin ohne den Ausdruck habe hinhauen können, sei ihm bis heute ein Rätsel.

„GLEICHBERECHTIGTE VARIETÄT DER STANDARDSPRACHE“

Erfrischend anekdotenreich und humorvoll ging es zu im Dachsaal des neobarocken Veranstaltungsgebäudes „VHS Urania“ direkt am Donaukanal, wo schon Albert Einstein, Thomas Mann oder Max Planck für Vorträge gastierten. Aber es wurde vor allem auch ernsthaft über die Bedeutung des österreichischen Deutsch mit seinen acht Millionen Sprechern und über das Verhältnis zur bundesdeutschen Variante referiert – und anschließend unter reger Teilnahme des Publikums diskutiert.

Stimmen zum Status Quo des Österreichischen kamen aber auch von draußen: In einem von Mit-Organisatorin Andrea Kleene produzierten Kurzfilm gaben Passanten beredt darüber Auskunft, wie sie zur deutschen Sprache stehen.

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Dabei kam die gemeinsam von der Universität Wien und dem Mannheimer Institut für Deutsche Sprache (IDS) ausgerichtete Veranstaltung zu denkbar bester Zeit. Nur drei Wochen zuvor hatte das Bundesministerium für Bildung und Frauen (BMBF) in Wien eine Broschüre zum „Österreichischen Deutsch als Unterrichts- und Bildungssprache“ herausgegeben. Mit der Handreichung für Lehrerinnen und Lehrer beabsichtigt das Ministerium, den Stellenwert des Österreichischen als eigenständige und gleichberechtigte Varietät der deutschen Standardsprache an Schulen zu bewahren.
Podiumsdiskussion der Veranstaltung „DEUTSCH 3.0. Perspektiven auf und aus Österreich; Stefanie M. Moog

SPRACHSCHROTT AUS DEUTSCHLAND?

Die dort geäußerte These von einer durch bundesrepublikanische Massenmedien importierten Bedrohung durch „deutschländisches Deutsch“, die laut Vorwort von Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) „spezifisch österreichische Eigenheiten und Ausdrucksweisen langsam, aber sicher in den Hintergrund geraten“ ließe, habe „zu einer großen Debatte geführt“, wie Dekan Matthias Meyer anriss. Vielleicht hatten deshalb mit rund 100 Teilnehmern trotz des schönen Wetters besonders viele Interessierte den Weg in die „Urania“ gefunden – darunter auch österreichisches Deutsch Sprechende aus Finnland und der Mongolei.

Die BMBF-Broschüre war denn auch ein Thema der Podiumsdiskussion, die mit dem Schauspieler und Kabarettisten Lukas Resetarits („Kottan ermittelt“) sowie dem Shootingstar der österreichischen Literatur Vea Kaiser („Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“) äußerst prominent besetzt war. Resetarits und Kaiser flankierten die im Zentrum sitzende Presse und Wissenschaft – und spiegelten mit ihren Äußerungen auch die Extreme einer teils sehr emotional geführten Diskussion. Während die 25-jährige Schriftstellerin eher hoffnungsvoll in die österreichische Sprachzukunft blickte, warnte der 66-jährige Schauspieler unter anderem vor dem übers Fernsehen eingeschleusten „Schrott“ aus Deutschland.

SAG MIR, WAS DU LIKEST

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Ludwig Eichinger; © Stefanie M. MoogAber: Muss man sich um das österreichische Deutsch wirklich Sorgen machen? Oder gar um das Deutsche als Summe seiner in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg und anderswo gesprochenen Standardvarietäten generell? Letzteres versuchte Ludwig M. Eichinger zu klären. In seinem mit Zahlen und Statistiken gespickten Vortrag hob der Direktor des IDS die anhaltende Bedeutung der deutschen Sprache im europäischen Kontext hervor und beleuchtete ihre teils konstante, teils aber auch schwindende Rolle in Wirtschaft, Wissenschaft und den digitalen Medien.

Am Beispiel von „liken“ illustrierte Eichinger die Fähigkeit des Deutschen, Anglizismen grammatikalisch zu integrieren – also einzubürgern. Anhand des unterschiedlichen Gebrauchs von „Event“ und „Veranstaltung“ machte er deutlich, wie wenig englische Trendwörter deutschen Ausdrücken in die Quere kommen. Vielmehr füllen sie, ‚stylish‘ aufgeladen, semantische Nischen („Event ist eine Veranstaltung mit Eventcharakter“).

Eichingers Botschaft steckte bereits im Vortragstitel: In einem zunehmend mehrsprachig werdenden Umfeld sei das Deutsche „dynamisch – flexibel – stabil“ genug, um für die Herausforderungen einer globalen Welt gerüstet zu sein.

„INNERE MEHRSPRACHIGKEIT“ ALS IDEAL

Univ.-Prof. Dr. Alexandra N. Lenz, Doz. Mag. Dr. Habil. Manfred Glauninger, Dr. Sara Hägi (von links nach rechts) © Stefanie M. MoogUm Integration und sprachliches Nebeneinander ging es auch im Beitrag des Wiener Linguisten Manfred Glauninger, der sich das Thema der „Deutschen Sprache in Österreich und anderswo“ mit der Schweizer Germanistin Sara Hägi von der Universität Paderborn und der Hauptorganisatorin der Wiener DEUTSCH-3.0-Veranstaltung, der Sprachwissenschaftlerin Alexandra N. Lenz, teilte. Dabei hob Glauninger vor allem die Fähigkeit seiner Landsleute hervor, souverän zwischen österreichischem und bundesdeutschem Deutsch hin und her zu wechseln – und diese „innere Mehrsprachigkeit“ mit stilistischem und rhetorischem Mehrwert einzusetzen, etwa zur Erzeugung von Ironie.

Vor diesem Hintergrund erschien selbst die kritisierte Übermacht bundesdeutscher Massenmedien nicht mehr als Gefahr, sondern als „kommunikative Chance“ für mehr Information und Unterhaltung.

WIE SOLL ICH SPRECHEN?

Die linguistische Basis von Glauningers Ausführungen war die Idee vom Deutschen als einer „plurizentrischen“ Sprache: einer Sprache mit mehreren gleichberechtigten Standardvarietäten also, deren Wortvarianten nationale Grenzen oftmals überschreiten. Wie Sara Hägi betonte, wird dieser Umstand im Alltag allerdings gern vergessen. „Wir sind uns nicht bewusst, dass wir Varietäten verwenden, und nehmen unsere Varietät als Standard wahr“, stellte Hägi auch mit einem Ausblick auf das Schweizer Hochdeutsch heraus. Dabei gebe es keinen Text oder Sprechakt ohne Varianten: „Sie sind völlig normal und man kann sie stilistisch hervorragend einsetzen.“

Ihr (auf Englisch formulierter) Rat zum idealen Sprachgebrauch war denn auch ein sehr pragmatischer: „Love it, change it, or leave it.“ Also: lieb gewonnene Varianten im Sinne „innerer Mehrsprachigkeit“ benutzen, unliebsame durch andere ersetzen. Und falls es statt Varianten einmal doch nur eine alternativlose Bezeichnung geben sollte: sich einfach dem Unvermeidlichen fügen.
Veranstaltung „DEUTSCH 3.0. Perspektiven auf und aus Österreich“ ; © Stefanie M. Moog

Alles easy bei der Sprachentwicklung?

Lehrer sehen das oftmals etwas anders. Das zeigte eine in Deutschland, Österreich und der Schweiz durchgeführte Befragung von rund 300 Lehrkräften der Sekundarstufe II, deren Ergebnisse Alexandra N. Lenz zum Abschluss des Vortragsteils der Wiener DEUTSCH-3.0-Veranstaltung vorstellte. Zwar standen die befragten Pädagoginnen und Pädagogen dem generellen Sprachwandel mehrheitlich neutral bis positiv gegenüber. Die aktuelle, durch Medien und Anglizismen geprägte Entwicklung aber sahen fast 80 Prozent eher neutral bis negativ.

Besonders überraschend: Ausgerechnet im größten Mutterland der deutschen Sprache ist die Sprachskepsis unter Lehrerinnen und Lehrern am größten. Mit 56,5 Prozent macht die Studie in Deutschland die meisten „wachsamen Pessimisten“ aus. Der Typus des „wachsamen Optimisten“ findet sich mit 84,3 Prozent am häufigsten in der Schweiz. Allein in Österreichs Lehrkörper halten sich Optimisten und Pessimisten die Waage.

DER FRISCHE SOUND DES DIALEKTS

Lukas Resetarits; © Stefanie M. MoogIn ihrem Vortag verwies Lenz zudem auf eine IDS-Studie, der zufolge sich fast jeder dritte Muttersprachler über die Entwicklung des Deutschen Sorgen macht. Und auch in der „Urania“ konnten die Vortragenden einem Teil des Publikums die Angst vor einem Ausverkauf ihrer Muttersprachenvariante nicht gänzlich nehmen. Das machte die von Stefan Gehrer (ORF) souverän moderierte Podiumsdiskussion im Anschluss deutlich. Hier war von einer „feindlichen Übernahme des Österreichischen durch das Amtsdeutsche“ die Rede. Und auf der Bühne nannte der mit „Kroatisch, Wienerisch und Deutsch dreisprachig“ aufgewachsene Lukas Resetarits als Grund hierfür, dass den Österreichern ein „inneres Wertigkeitsgefühl zu ihrer Sprache“ fehle.

Univ.-Prof. Dr. Konstanze Fliedl; © Stefanie M. Moog Dass die Wertigkeit von österreichischem Deutsch auch in Deutschlands Kulturlandschaft historisch bisweilen fehlt, verdeutlichte die Wiener Germanistin Konstanze Fliedl am schwierigen Verhältnis von Autoren wie Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler zu ihren deutschen Verlagen: „Aus dem ‚Leutnant Gustl’ hat der Lektor von S. Fischer alle ‚Jänner‘ und ‚Feber‘ herausgestrichen“. Für die Gegenwart wollte Vea Kaiser dies allerdings nicht gelten lassen. Im Gegenteil: Das Lektorat ihres Kölner Verlags sei „sehr froh gewesen, dass mein Roman ‚Blasmusikpop‘ einmal anders klingt.“

Kaiser war es auch, die den lebhaften Gebrauch des österreichischen Deutschs gerade in der jüngeren Generation der Digital Natives unterstrich: „Meine Generation ist mit SMS in Mundart groß geworden.“

HERZ UND MEHRWERT

Vea Kaiser; © Stefanie M. MoogSo ging sich schließlich dann doch wieder alles aus in Wien. Denn dass das österreichische Deutsch mit seinem ganz eigenen Sprachhumor erhalten werden müsse, daran bestand auf dem Plenum und im Publikum kein Zweifel. „Weil Sprache so nah am Herzen ist“, wie Vea Kaiser sagte. Oder, mit den eher kühl-pragmatischen Worten der Wissenschaft: „Wegen des soziosymbolischen Mehrwerts der Varietäten“ (Glauninger).

Am Ende erklärte sogar der eher skeptische Lukas Retsitaris ausgerechnet eine historische Türbeschriftung in hölzernem Amtsdeutsch spontan zu seiner Lieblingswendung. Im Zeitalter endloser Warteschleifen in Service-Hotlines wünschte er sich die gute alte, ehrliche Aufforderung auf die Türen österreichischer Beamtenstuben zurück: „Nicht anklopfen! Sie werden aufgerufen.“




Thomas Köster, Projektschreiber DEUTSCH 3.0
Fotos der Veranstaltung: Dr. Stefanie M. Moog (Wien/Mainz)

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