Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen


Deutsch lehren, forschen und vermitteln? Wissenschaft und Öffentlichkeit bei einer Veranstaltung in Berlin


Die Wissenschaft spricht heute fast unisono Englisch. Was aber bedeutet dies für die Gesellschaft, der ihre Erkenntnisse doch eigentlich dienen sollen? Und wie lässt sich verhindern, dass Deutsch beim Verständnis und bei der Vermittlung wissenschaftlicher Sachverhalte den Anschluss verliert? Die DEUTSCH-3.0-Veranstaltung „Die Sprache von Forschung und Lehre: Bindeglied der Wissenschaft zu Kultur und Gesellschaft?“ in Berlin ging Fragen wie diesen auf den Grund.



Am Tag, als Stefan Hell für seine bahnbrechende Entwicklung einer superauflösenden Fluoreszenzmikroskopie den Nobelpreis erhielt, sah Johannes Ebert abends mit seiner Frau die Tagesschau. „Als in dem Bericht die Pressekonferenz eingeblendet wurde, schaltete ich lauter“, berichtete der Generalsekretär des Goethe-Instituts den rund 40 Gästen der Veranstaltung am 16. Oktober 2014 in Berlin. Ebert war gespannt: „Würde Hell deutsch oder englisch reden?“

Der Direktor des Göttinger Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie Stefan Hell sprach deutsch. Und er betonte zudem die Spitzenstellung der deutschen Wissenschaft. Beides, sagte Ebert in seiner Begrüßungsrede im Einstein-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, habe ihn gefreut. Und es sei auch gut, dass Besucher der Website von Hells Institut „von ihm auf Deutsch erklärt bekommen, woran er forscht.“

LICHT UND SPRACHE

Ein deutsch sprechender Nobelpreisträger ist eine feine Sache, aber natürlich nur die halbe Wahrheit. Denn auch Hell, der die Auszeichnung gemeinsam mit Eric Betzig und William Moerner aus den USA erhielt, muss seine Aufsätze auf Englisch publizieren, um in einem globalisierten Wissenschaftsumfeld überhaupt wahrgenommen zu werden – und von Kolleginnen und Kollegen in ihren ebenfalls englischsprachigen Veröffentlichungen zitierbar zu sein. Müßig zu betonen, dass auch in Hells internationalen Forschungsteams am Max-Planck-Institut Englisch Arbeitssprache ist.

Ohne den Verzicht auf seine Muttersprache, könnte man schlussfolgern, gäbe es Hells revolutionäre Mikroskope, die zuvor als unumstößlich geltende optische Gesetze einfach aushebeln, heute vielleicht gar nicht. Auch im Falle des Nobelpreisträgers bliebe eine Licht bringende Erkenntnis ohne Englisch wohl buchstäblich im Dunkeln.

WIRD DEUTSCH SPRACHLOS?

Aber: Geht wissenschaftliche Erkenntnis nicht gerade auch durch das Verstummen der Sprachenvielfalt verloren? Entfernt sich eine fremdsprachige deutsche Wissenschaft nicht zwangsläufig von einer Gesellschaft, der sie doch zugutekommen sollte – und die sie mit ihren Steuergeldern letztendlich oftmals finanziert? Sollten Forscher die Popularisierung ihrer Ideen tatsächlich Journalisten überlassen, die zum Großteil nicht willens oder in der Lage sind, dem komplexen englischsprachigen Diskurs zu folgen? Und: Wird das Deutsche für derartige Vermittlungsarbeit nicht ohnehin immer sprachloser, wenn ihm in seiner Ausgrenzung vom Geschehen die adäquaten Fachbegriffe auszugehen drohen?

So lauteten die Fragen, um die sich in Berlin alles drehte – wobei die grundsätzliche Notwendigkeit einer „lingua franca“ im Wissenschaftsbetrieb gemeinhin außer Frage stand.

DIE SPRACHE MEINES ARZTES LERNEN



„Wenn es einerseits zutrifft, dass Sprache Teil der Kultur ist, und wenn andererseits Wissenschaft nach einem Wort Adolf von Harnacks einer ‚der ganz wesentlichen und schlechthin notwendigen Pfeiler der Kultur‘’ ist, dann stellt sich die Frage, welche Folgen die komplette Ausblendung einer Landessprache aus Forschung und Lehre für die Gesellschaft und Kultur hat, welche ja alles wissenschaftliche Tun hervorbringen, tragen und legitimieren“, umriss Gastgeber Ralph Mocikat vom Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache (ADAWIS) die Thematik in seiner Einführungsrede.

Eine mögliche Antwort lieferte der Münchner Biomediziner anhand eines konkreten Beispiels gleich mit: Angesichts des Fachkräftemangels im Gesundheitswesen hatte der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) unlängst verlangt, dass Patienten in Deutschland in Zukunft besser Englisch sprechen müssten, um ihren aus dem Ausland geholten Arzt überhaupt verstehen zu können. „So unrealistisch ist das Szenario nicht, wenn man weiß, dass es Fakultäten gibt, die allen Ernstes daran denken, auch Medizin auf Englisch zu lehren“, sagte Mocikat. Mit Deutsch allein käme man dann in Praxen und Kliniken als Patient vielleicht bald schon nicht mehr weiter.

DURCHS „GEBROCHENE ENGLISCH“ DER DOZENTEN SCHADEN NEHMEN?

Ins Umfeld der Berliner Veranstaltung passte auch die Ankündigung der TU München gut hinein, bis 2020 fast alle Masterstudiengänge komplett auf Englisch umzustellen. Denn das, was laut Mocikat im Alltag droht und zumindest in der naturwissenschaftlichen Forschung schon gang und gäbe ist, nimmt in der Lehre an deutschen Universitäten seinen Lauf.

In seinem auf neuesten Statistiken basierenden Impulsvortrag wies der Linguist Christian Fandrych vom Herder-Institut in Leipzig dem entsprechend auf die fatalen Folgen hin, die eine einseitige Anglisierung der Lehre für die Studierenden hierzulande mit sich brächte. Ohne adäquate deutsche Fachbegriffe verlören die Studentinnen und Studenten nicht zuletzt eine „alltägliche Wissenschaftssprache“, mit der sie sich in der Öffentlichkeit verständlich machen könnten.

Aber auch für die Integration von Studentinnen und Studenten aus dem Ausland hat die universitär zur Schau gestellte Wertlosigkeit des Deutschen als Wissenschaftssprache laut Fandrych dramatische Folgen – ganz zu schweigen davon, dass diese Studierenden aufgrund der schlechten Fremdsprachenkenntnisse ihrer Dozentinnen und Dozenten oftmals ohnehin Sorge trügen, „dass ihre eigene Englischkompetenz ernsthaft leiden könnte.“

Demgegenüber forderte Fandrych eine „gesellschaftliche Neubewertung der Rolle der Sprache und der Sprachen“, die auf multilingualen Prinzipien basieren müsse. Auch im Rahmen der Bologna-Reform sollte echte Internationalisierung auf ein vielstimmiges Konzert aller beteiligten Sprachen hinauslaufen – und nicht auf einen „monolingualen Habitus und eine monolinguale Praxis“.

WER IST SCHULD AM STATUS QUO?

Darüber, dass Internationalisierung Mehrsprachigkeit voraussetzt, herrschte unter den Wissenschaftlern im Einstein-Saal Konsens. Warum aber ist draußen in der „Scientific Community“ so wenig davon zu hören? Warum wehren sich die Betroffenen jenseits von Großbritannien und den USA nicht gegen das Diktat des Englischen in Lehre und Forschung, das sogar schon zu Verboten anderssprachiger Zitate führt? Mit diesen Fragen wurde die vom Publikum lebhaft begleitete Podiumsdiskussion eröffnet.

Der Berliner Toxikologe Hermann H. Dieter vom ADAWIS sah die Ursache in der selbstreferenziellen Abkapselung der Wissenschaft von der Öffentlichkeit, zum Beispiel in Form ihres – verfassungsrechtlich vielleicht sogar anfechtbaren – Widerwillens, sich auch der Landessprache zu bedienen. Stattdessen sehe sie sich „als unpolitische Einrichtung“ und sei „als solche vor allem mit sich selbst und dem Einwerben projektgebundener Mittel beschäftigt, die sie abhängig machen“. Dabei ginge neben der gesellschaftlichen Verantwortung unter anderem auch jener Erkenntnisgewinn verloren, den allein schon der Vergleich unterschiedlicher Terminologien in verschiedenen Sprachen für die Disziplinen mit sich brächte.

Christian Fandrych hingegen machte eine zunehmende „Management-, Evaluierungs- und Wettbewerbskultur“ deutscher Universitäten und die damit verbundene Phantasielosigkeit der Sprachkonzepte für die Anglisierung verantwortlich. Aber auch der allgegenwärtige Prestigecharakter einer anglophilen Populärkultur innerhalb der Öffentlichkeit fiel bei der Suche nach den Gründen ins Gewicht.

„Meiner Ansicht nach liegt es daran, dass niemand an deutschen Hochschulen so mutig ist, gegen den ungeheuerlichen Konformitätsdruck vorzugehen“, betonte hingegen der Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter aus Passau. „Dabei sind wir institutionell dazu verpflichtet, für unsere Sprache und für Mehrsprachigkeit öffentlich einzutreten.“ Und auch der Wissenschaftstheoretiker Peter Finke beklagte den „Mangel an Zivilcourage“ in einem Lehr- und Forschungsbetrieb, „wo alle sich anpassen“.

DIE DAME OHNE UNTERLEIB

Den Vorwurf mangelnder Zivilcourage kann man Peter Finke nicht machen: Aus Protest gegen die Folgen der Bologna-Reform verzichtete er 2006 noch vor dem Erreichen der Pensionsgrenze freiwillig auf seine Ansprüche als Professor an der Universität Bielefeld. Auf dem Podium war Finke vor allem mit Thesen aus seinem aktuellen Buch über eine im angelsächsischen Raum so genannte „Citizen Science“ (2014) präsent, in dem er sich für das „unterschätzte Wissen“ der Laien starkmacht – und dessen englischsprachigen Titel er mit dem Mangel an passenden deutschen Vokabeln erklärte.

„Wenn wir von Wissenschaft reden, dann reden wir von einer Dame ohne Unterleib“, sagte Finke – und betonte, dass die fruchtbarsten Erkenntnisse in diversen Disziplinen bisweilen nicht aus der hohen Wissenschaft, sondern aus den vermeintlichen Niederungen des Volkes kämen: „Einer der besten Historiker an meiner Universität war früher Polizist.“

Für Finke liegt die Chance zur Versöhnung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit in autodidaktischen „Inseln“, auf denen sogenannte Bürgerwissenschaftler „natürlich in ihrer Muttersprache veröffentlichen“, statt die Vermittlungs- und Übertragungsarbeit an Journalisten abzugeben – wobei er mit dieser Ansicht auf dem Podium recht alleine war. Die übrigen Diskussionsteilnehmer waren sich recht einig, dass die Umstände einer „Bürgerwissenschaft“ auf die institutionelle Forschung nicht unbedingt übertragbar seien – auch wenn wohl nicht jeder die etwas polemisch formulierte Position Heinrich Oberreuters unterschrieben hätte, dass man „die Wissenschaft nicht der Demokratie ausliefern“ dürfe.


MUT ZUM DRUCK

Wie aber könnten sich Wissenschaft und Öffentlichkeit einander nähern? Was braucht es für die von Heinrich Oberreuter auf dem Berliner Podium angemahnte „große Kurskorrektur“?

Für die Lehre klagte Christian Fandrych Konzepte einer intelligenteren Sprachförderung ein – und nannte mit einem Landes- und Fachsprache verzahnenden Lernmodell an der Universität Hannover, aber auch mit der neu gegründeten Türkisch-Deutschen Universität (TDU) in Istanbul oder dem Stipendienprogramm „Deutsch ohne Grenzen“ der brasilianischen Regierung viel versprechende Alternativen.

Für die Forschung forderte Hermann H. Dieter einen „europäischen Publikationsindex“, der es Forschenden erleichtern würde, auch in anderen Sprachen als der englischen zu publizieren oder zitiert zu werden. Und er plädierte für staatliche Beihilfen für Verlage zum Druck wichtiger Lehr- und Forschungstexte in der Landessprache. Peter Finke indes nahm die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst in die Pflicht: „Die Profis müssen mit den Nicht-Profis auf Augenhöhe diskutieren. Hier muss man ansetzen, nicht bei der Politik.“

Der Gedanke, dass aus Steuergeldern bezahlte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler per Gesetz verpflichtet werden müssten, Forschungsergebnisse auf Websites in deutscher Sprache zu erläutern, kam aus dem Publikum. So schlug die interessierte Öffentlichkeit von der Anwendungsseite her selbst den Bogen zurück zur Vermittlungspraxis des in der Begrüßungsrede herbeizitierten Nobelpreisträgers Stefan Hell.

EINSTEINS GEIST IM EINSTEIN-SAAL

„Es ist von zentraler Bedeutung, dass die Allgemeinheit sich umfassend und verständlich über wissenschaftliche Forschung und ihre Resultate informieren kann“, hatte Albert Einstein bereits 1948 notiert. „Wenn man wissenschaftliche Erkenntnisse einem kleinen Kreis von Menschen vorbehält, wird dadurch der philosophische Sinn eines Volkes geschwächt, was zur geistigen Verarmung führt.“ So hatte es beinahe schon symbolischen Charakter, dass die Veranstaltung zum Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit ausgerechnet im Einstein-Saal stattfand.

Jetzt müssen die Erkenntnisse aus dem engen Raum der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften beizeiten nur noch nach draußen hallen. In die Wissenschaft zum Beispiel, aber auch in die Politik und in die Gesellschaft hinein. Und Folgen zeitigen sollten sie natürlich auch.


Links zum Thema
Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache (ADAWIS)


Dr. Thomas Köster, Projektschreiber DEUTSCH 3.0

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