Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen


Vielsprachig lernen. „PlurCur“ in Darmstadt


Polyphone Theaterstücke, bilingualer Sportunterricht und Sprach-Speed-Dating in der Aula: Mit phantasievollen Aktivitäten versucht das europaweite Schulprojekt „PlurCur“, Mehrsprachigkeit im Unterricht zu etablieren. Im Rahmen von DEUTSCH 3.0 trafen sich die Teilnehmenden nun an der TU Darmstadt – und präsentierten neben ihren Teilprojekten auch ein Höchstmaß an Engagement.



Wenn die Deutschlehrerin Gisela Fasse das Kölner Heinrich-Heine-Gymnasium betritt, dann taucht sie in ein Meer aus Sprachen ein. In ihrer Ganztagsschule im „sozialen Brennpunktbezirk“ Ostheim haben mehr als 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund. In der benachbarten Realschule kommt sogar jeder Zweite aus einem nicht deutschsprachigen Kulturumfeld. Anders als für viele ihrer Kolleginnen und Kollegen aber ist die Vielsprachigkeit für Fasse nicht Manko, sondern Chance: „Wir müssen dieses kulturelle Potenzial im Unterricht nutzen“, lautet ihre Devise. „Das ist ein großer Reichtum.“

Aus diesem Grund hat Fasse aus der vermeintlichen Not eine Tugend gemacht und die Vielsprachigkeit vom Pausenhof ins Klassenzimmer geholt. Oder genauer gesagt: auf die Bühne gebracht. In ihrer Theater-AG dürfen Schülerinnen und Schüler der Klassen 7 und 8 einmal pro Woche gemeinsam Stücke entwickeln, in denen ihre Erst-, Heimat- oder Muttersprache gleichberechtigt neben der deutschen Umgebungssprache steht.

Wenn sich der Vorhang öffnet, sind dann Vietnamesisch, Italienisch, Türkisch, Arabisch, Tschetschenisch, Kurdisch und Tigrinya aus Eritrea zu hören, aber auch Kölsch und Gebärdensprache, Englisch und Latein. Übersetzerfiguren wie Zofen oder Reiseleiter machen den Sprachenmix für das Publikum verständlich. Bereits das Bühnendebüt „Die ‚Celestine‘ im Meer der Sprachen“ war ein Erfolg. Mit Auszügen aus dem Nachfolger „Ja – nee – oké“ schaffte es die Theater-AG 2013 sogar ins Historische Rathaus Köln.


Die Theater-AG des Heinrich-Heine-Gymnasiums Köln stellt sich vor

ZUSAMMENSCHLUSS DER SPRACHLIEBHABER

Fasses Theater-AG ist nur eine von vielen Aktivitäten des Projekts „PlurCur“, das die Sprachwissenschaftlerin Britta Hufeisen von der Technischen Universität Darmstadt angestoßen hat und das seit 2012 vom Europäischen Fremdsprachenzentrum ECML in Graz gefördert wird. Schlussendliches Ziel von „PlurCur“ ist es, ein Gesamtsprachencurriculum für Schulen zu entwickeln, das Regional-, Mehrheits- und Minderheitensprachen im Schulunterricht mit klassischen Fremdsprachen zusammenführt und dabei auch Sachfächer wie Biologie oder Mathematik mit einbezieht.

Am 9. und 10. Oktober 2014 trafen sich rund 20 Projektteilnehmer zu einem „PlurCur“-Workshop an der TU Darmstadt. Lehrerinnen und Sprachdidaktikerinnen aus Deutschland, Österreich, Italien, Finnland, Estland, Norwegen, Frankreich und Litauen waren darunter, aber auch der Dekan der Fakultät für Dolmetschen und Interkulturelle Kommunikation an der Universität im armenischen Jerewan, der Inspektor für Sprachlich-Expressives vom Deutschen Schulamt in Bozen sowie ein Vertreter des französischen Erziehungsministeriums. So unterschiedlich die Perspektiven und Arbeitsweisen der Teilnehmenden auch sein mochten, so einte die Gruppe laut Hufeisen doch die „Liebe zu den Sprachen“.

AUCH ÜBERRASCHEND FÜR DIE LEHRER

In Darmstadt standen insgesamt zehn Schul- und Universitätsprojekte auf der Agenda. Dabei waren die Präsentationen per PowerPoint, Plakatwand oder Schultafel fast ebenso unterschiedlich wie die vorgestellten Möglichkeiten, Mehrsprachigkeit didaktisch im Klassenraum zu etablieren. Fächerübergreifende Themenwochen, bei denen verschiedene Aspekte von „Stadt“ oder „Musik“ in diversen Sprachen behandelt wurden, gehörten ebenso zum Repertoire wie bilingualer Sportunterricht oder gezeichnete Sprachenporträts, bei denen die Schülerinnen und Schüler „ihre“ Sprachen in einem Körperbild verorten mussten („Mein Bauch ist italienisch“).

Am Sozialwissenschaftlichen Gymnasium in Bozen, in dem Deutsch als Erst- und Italienisch als Zweitsprache unterrichtet werden, initiierte Barbara Hofer ein sogenanntes Sprachen-Café: eine Art polyphones Speed-Dating, bei dem Lehrkräfte in einem per Gongschlag umrahmten Zeitfenster an je einem Tisch eine Sprache vorstellten. Zehn Tische kamen so zusammen. „Wir waren selbst überrascht“, sagte Barbara Hofer, „wie viele Sprachen an unserer Schule vertreten sind“. Wegen des durchschlagenden Erfolgs soll das „Sprachen-Café“ in Südtirol auf jeden Fall fortgesetzt werden.

SELBST- UND SPRACHBEWUSSTSEIN STEIGEN

Dass mehrsprachiger Unterricht nicht nur bei den Lernenden gut ankommt, sondern im Klassenverbund auch Potenziale freilegt, zeigte in Darmstadt eine erste Evaluation aus Frankreich: Ihr zufolge fühlten sich die Befragten am Ende von drei multilingualen „PlurCur“-Projekten nicht nur signifikant besser für den weiteren Fremdsprachenerwerb gerüstet, sondern auch erheblich selbstbewusster und eigenständiger als zuvor. „Solch gravierende Ergebnisse hatten wir noch nie“, resümierte Jonas Erin vom französischen Erziehungsministerium.

Und auch die mehrsprachige Theater-AG von Gisela Fasse erweist sich offenbar als Glücksgriff in einer Schulumgebung, in der so mancher Schüler seine Herkunftssprache nach Auskunft der Deutschlehrerin als minderwertig auffasst und sich weigert, sie im Alltag zu benutzen. Das distanzierende Spiel und das Agieren in der Gruppe biete „einen geschützten Raum, der Hemmungen abbaut“, betont Fasse. Durch die Bühne sei das Selbst- und Sprachenbewusstsein der Schülerinnen und Schüler maßgeblich gestiegen. „Und der Toleranz gegenüber anderen Kulturen dient es ohnehin.“

ÜBERZEUGUNGSARBEIT IST SCHWIERIG

Außerhalb der Klassenzimmer und Aulabühnen ist Überzeugungsarbeit weitaus schwieriger. In Darmstadt berichteten fast alle Teilnehmerinnen von Schwierigkeiten, ihre Ideen zu mehrsprachigem Unterricht in der Praxis auch durchzusetzen. Mal ist es ein stures Kultusministerium, das keine Gelder bewilligen will, mal bremst ein neuer Schuldirektor zuvor honoriertes Engagement mit der Weisung aus, sich von nun an „auf das Wesentliche“ zu konzentrieren. Dass man als Lehrer im multilingualen Unterricht gegebenenfalls auch mit Sprachen konfrontiert sein könnte, die man selbst nicht versteht, erfordert zudem ein Maß an Selbstvertrauen, das nicht jeder im Kollegium aufzubringen vermag.

An der Oberschule im estländischen Loo muss Deutschlehrerin Helgi Org die einzelnen Eltern jedes Jahr aufs Neue schriftlich um Erlaubnis bitten, Deutsch statt Englisch als erste Fremdsprache auf den Stundenplan setzen zu dürfen: „Wir müssen uns jedes Jahr neu beweisen“, betonte sie. Für Helgi Org ist dies aber eher Ansporn als Hemmnis, wie sie mit Fotos von Veranstaltungen aus ihrer Schule stolz belegt. Und: „Glücklicherweise sitzt inzwischen das ganze Kollegium fest mit uns im Boot.“


„VIEL DEUTSCH IST GUT, NUR DEUTSCH NICHT AUSREICHEND“

Wie ein ideales, von Haushaltssperren, Elternvetos oder Personalknappheit unberührtes Gesamtsprachencurriculum aussehen könnte, stellte Britta Hufeisen im Darmstädter „PlurCur“-Workshop prototypisch vor. „In meiner Traumschule wird die erste Fremdsprache möglichst früh gelehrt", erläuterte die Sprachwissenschaftlerin. Danach herrsche „das Paternosterprinzip“: Einmal erworbene Fremdsprachenkenntnisse sollen in einen zwei- oder gar dreisprachigen Sachfachunterricht einfließen. Die dadurch frei werdende Lernzeit könnte neue Fremdsprachen auf den Stundenplan heben.

Echt plurilingualer Unterricht, bei dem möglichst viele Sprachen gleichberechtigt aufeinandertreffen, ergab die Diskussion, könnte in einem länder- und sprachenübergreifenden Fach mit „Kulturstudien“ verortet sein. „Nur so“, betonte Ferdinand Patscheider vom Deutschen Schulamt in Bozen, „kann wirkliche Mehrsprachenkompetenz entstehen“.

Für Hufeisen ist ihr Gesamtsprachencurriculum aber auch eine Möglichkeit, Deutsch als erste oder zweite Fremdsprache im Ausland zu etablieren. „Im Konzert der Sprachen sollte Deutsch eine substanzielle Rolle spielen“. An heimischen Schulen sollte der Deutschunterricht nicht zuletzt für Sprachenbewusstsein und Sprachlernbewusstsein sensibilisieren, das Lust auf neue Fremdsprachen macht. „Viel Deutsch ist gut“, lautet ihr in Darmstadt formuliertes Credo. „Aber nur Deutsch nicht ausreichend.“

GEDULD UND SPINNERTE IDEEN

Wann (und ob) Britta Hufeisens Traum vom Gesamtsprachencurriculum Realität werden kann, steht allerdings in den Sternen. Zum Mehrwert des Konzepts fehlen für die politische Überzeugungsarbeit noch wirklich belastbare Zahlen. Und mit der Förderung von „PlurCur“ durch den EFZS ist 2015 definitiv Schluss. So diente der Darmstädter Workshop vor allem auch dazu, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bestmöglich zu vernetzen und gemeinsame Zukunftsperspektiven jenseits des europäischen Fördertopfes auszuloten.

„Wenn wir das wirklich wollen, kann uns niemand davon abhalten, auch weiterhin zusammenzuarbeiten, um spinnerte Ideen auszutüfteln“, gab eine kämpferische Britta Hufeisen dem „PlurCur“-Team zum Abschied etwas augenzwinkernd mit auf den Weg. „Wir müssen einfach Geduld haben und dürfen uns nicht entmutigen lassen.“ Wer die hoch motivierte Gruppe in Darmstadt erleben durfte, hat keinerlei Zweifel, dass genug Mut und Ausdauer vorhanden sind.

NÄGEL MIT KÖPFEN

Für 2015 ist ohnehin noch eine große „PlurCur“-Abschlussveranstaltung mit 30 Teilnehmenden und Simultandolmetschern geplant. Dann müsse endgültig feststehen, wie es praktisch weitergeht. Bis dahin soll eine noch zu schaffende Internetplattform den Austausch über verschiedene Mehrsprachlernstrategien oder eine gemeinsame Grammatikterminologie am Leben halten.

Gisela Fasse hat auf dem „PlurCur“-Workshop in Darmstadt ohnehin schon Nägel mit Köpfen gemacht. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Barbara Hofer will sie im Zuge eines mehrtägigen – und natürlich mehrsprachigen – Theaterprojekts Kölner Gymnasiasten mit Migrationshintergrund und Jugendliche aus Bozen, die mit Deutsch und Italienisch aufgewachsen sind, zusammen auf die Bühne bringen: „Das könnte zu völlig neuen interkulturellen Erfahrungen führen.“

Jetzt müssen nur noch die betreffenden Schulleitungen zustimmen.


Links zum Thema
Website von „PlurCur“ (ecml.at/F1/tabid/756/)
Dr. Thomas Köster, Projektschreiber DEUTSCH 3.0

    PROJEKTSCHREIBER



    Die Projektschreiber bereiten die einzelnen Live-Veranstaltungen journalistisch auf und geben atmosphärische Einblicke.
    MEHR ...

    SPRACH-SPRECH-FRAGEN-BOX

    Welche Fragen und Ideen zur Zukunft der deutschen Sprache haben Sie?

    Zeichnen Sie Ihre ganz persönliche Videobotschaft auf. In unserer Sprach-Sprech-Fragen-Box in einer von sechs Städten.
    MEHR ...