Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen


Pragmatismus siegt


Welche Sprachen spricht die Wirtschaft? Welche Rolle kommt dem Deutschen in international agierenden Unternehmen zu?

© Goethe-Institut

Es gibt ein paar Lamenti über die deutsche Sprache, die man beinahe immer anbringen kann, ohne auf nennenswerten Widerspruch zu stoßen. Auch wenn sie nicht ganz falsch sind, handelt es sich vielfach um gefühlte Diagnosen, denen ein guter Schuss Kulturpessimismus innewohnt: dass das Deutsche in einem unbestimmten „früher“ wichtiger genommen worden sei, dass es demgegenüber heute international als Sprache der Wirtschaft und Wissenschaft so gut wie keine Rolle mehr spiele; dass dies in den Naturwissenschaften selbst innerhalb Deutschlands der Fall sei; dass auch in der Wirtschaft die perfekte Beherrschung des Englischen entscheidend sei.

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion „Wirtschaftsfaktor Deutsch“ in der Münchner BMW Welt hielten sich mit diesen Befunden gar nicht erst lange auf. Dafür sorgte beispielsweise der Pragmatismus von Dr. Dieter Düsedau, Director Emeritus von McKinsey & Company, der gleich zu Beginn feststellte: „Die Frage nach der Geschäftssprache ist so weit unten in der Hierarchie der relevanten Fragen der meisten Unternehmen, die ich kenne, dass sie keine Rolle spielt.“ McKinsey ist in 47 Ländern tätig; dementsprechend viele Sprachen sprechen die Mitarbeiter. Die Beherrschung des Englischen werde dann entscheidend, wenn ein Mitarbeiter aufsteigen möchte: „Als managing director brauchen Sie Eloquenz im Englischen, der Sprache, die jeder spricht.“ Sprache nennt er ein „Netzwerkgut mit increasing returns“: Je größer die Grundgesamtheit derer sei, die eine Sprache spricht, desto größer der Nutzen. „Wirtschaft ist im Wesentlichen utilitaristisch geprägt, insofern macht es vor allem Sinn, sich in der Lingua Franca auszubilden, dem Englischen.“

WENN PRÄZISION GEFRAGT IST, IST DIE MUTTERSPRACHE WICHTIG

Gleichzeitig stellte Düsedau aber klar, dass der Utilitarismus des Wirtschaftslebens nicht der einzige Faktor sei, nach dem man den Wert einer Sprache bemessen könne. „Meine Empfehlung an alle: Wenn Sie eindimensional nur über Erfolg nachdenken, lernen Sie gescheit Englisch. Wenn Sie Ihre Persönlichkeit entwickeln wollen, ist das etwas anderes. Ich halte es für sehr viel wichtiger, die Persönlichkeit zu entwickeln, als darüber nachzudenken, was in Zukunft aus einem wird. Meine Kinder haben Latein und Griechisch gelernt.“

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So verlockend es sein mag, zwischen den Erfordernissen der Privatwirtschaft einerseits und der Persönlichkeitsentwicklung andererseits zu unterscheiden - das eine bedingt das andere. Dr. Bruno Gross, Vorstand des Goethe-Instituts, stellte klar: „Gerade in einem fachlichen Kontext, wo es um Präzision geht, etwa in Entwicklungsabteilungen, spielt die Muttersprache noch immer eine besondere Rolle in der Kommunikation.“ Mehrsprachigkeit sei sowohl persönlichkeitsbildend für den Menschen als auch mittelbar für das Unternehmen und für die Gesellschaft wirksam. „Sprache ist ein Schlüssel für die Kultur, auch für die Unternehmenskultur. Um zu verstehen, wie ein Unternehmen tickt, ist die Sprache immer noch ein wesentlicher Faktor.“

Man sollte die Frage, welche Rolle das Deutsche als Wirtschaftsfaktor spiele, nicht verengt im Sinne eines Verdrängungswettbewerbs diskutieren, bei dem das Deutsche etwa dem Englischen oder dem Chinesischen oder Spanischen unterliege: Entscheidend ist nicht nur die Beherrschung des Deutschen, sondern die generelle Sprachkompetenz im jeweiligen kulturellen und beruflichen Umfeld. Wichtiger als die Frage, in welcher Sprache sich jemand kognitiv und kommunikativ bewegt, ist also die Frage, wie gut er das tut – und in wie vielen Sprachen.

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Dazu ist es laut Gross wichtig, das Lernen von Sprachen – nicht nur des Deutschen – möglichst schon in der Schule zu verankern. Dies ist eine Parallele zu einer früheren Deutsch 3.0-Veranstaltung in Berlin (Das mehrsprachige Klassenzimmer – Wie viel Deutsch braucht ein Berliner Schulkind?), die sich mit der Rolle des Deutschen an Schulen und für Schüler mit Migrationshintergrund beschäftigte: Auch hier ist Sprachkompetenz allgemein entscheidend – sowohl in der Herkunftssprache der Migranten als auch auf Deutsch. Denn nur wer gut spricht, kann richtig denken, assoziieren, kreativ sein, sich entfalten.

MEHRSPRACHIGKEIT GEZIELT FÖRDERN

Für Unternehmen bedeutet das, dass Mehrsprachigkeit gefördert werden sollte. Und dass Mitarbeiter die Freiheit haben sollten, sich in der Sprache mitzuteilen, die für ihre jeweiligen Aufgaben am besten geeignet ist. Für den US-amerikanischen BMW-Mitarbeiter, den es nach Bayern verschlagen hat, kann das Deutsch sein (oder Bayerisch), für den chinesischen BMWler in Shenyang aber womöglich chinesisch. „Wenns kompliziert wird, dann ist man in der Muttersprache kreativer“, sagte Prof. Dr. Gert Wagner. Der für das sozio-oekonomische Panel zuständige Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung sagte voraus, dass die Notwendigkeit, mehrere Sprachen zu sprechen, künftig noch deutlicher in den Vordergrund treten werde, und verwies nicht nur auf Chinesisch, sondern auch auf die steigende Bedeutung des Spanischen innerhalb der USA und auf das Englisch indischer Prägung.

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Frühere Bestrebungen, eine verbindliche Konzernsprache einzuführen, haben viele Unternehmen ad acta gelegt. Klaus Köhler, Leiter Personalwesen des Ressorts Vertrieb und Marketing der BMW Group: „Von der Philosophie, dass hier in München das Gehirn sitzt und draußen in der Welt dann nur noch die Handlanger, sind wir weit entfernt. Für uns ist wichtig, den Perspektivenwechsel einzunehmen.“ BMW forscht, entwickelt und produziert an 30 Produktionsstandorten in 14 Ländern. Dennoch sprechen über 70 Prozent der Mitarbeiter deutsch. „Die Seele des Unternehmens bleibt deutsch“, sagte Köhler. Und Volker Doppelfeld, Erster Vizepräsident des Goethe-Instituts und ehemaliger Finanzvorstand der BMW Group, lobte die „integrative Kraft“ des Deutschen auch im BMW-Werk München: Sie sei das Bindeglied für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus über 90 Nationen.

DEUTSCH WIRD HEUTE WELTWEIT MEHR GESPROCHEN ALS VOR EINEM JAHRZEHNT

Deutsch mag das Bindeglied in der Belegschaft sein. Gegenüber den Kunden aber ist entscheidend, deren Gewohnheiten, Kultur, Bedürfnisse und ihre Sprache zu beherrschen. 80 Prozent der BMW-Kunden leben außerhalb Deutschlands. „Unsere Produktplaner müssen sieben bis acht Jahre im voraus wissen, was die Kunden wollen“, sagte Köhler – das gelingt nur, wenn sie auch deren Sprache sprechen.

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Außerdem ist es gut, zu wissen, was der künftige Chef im Bewerbungsgespräch will. Amir Roughani, Geschäftsführer der VISPIRON GmbH, eines Münchner Technologie-Unternehmens, ist Chef von über 370 Mitarbeitern und sagt: „Ganz ehrlich: Die Frage, welche Sprache ein Job-Bewerber spricht, spielt nicht immer eine entscheidende Rolle.“ Bei der Soft- und Hardwareentwicklung, wo Fachkräftemangel herrsche, müsse er Kompromisse eingehen. „Da ist die Sprache nicht die erste Anforderung, die wir definieren. Wir schauen darauf, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht nur sprachlich, sondern auch von der kulturellen Entwicklung her zu uns passen. Das betrifft das technische Verständnis, Mentalität, Arbeitsweise, Arbeitseinstellung, Kommunikationsfähigkeit, Kultur. Aber auch die Bereitschaft, zügig Deutsch zu lernen. Dabei unterstützen wir sie. Ansonsten genüge es, wenn Mitarbeiter in der Zentrale deren Heimatsprache sprechen und Mitarbeiter in den Märkten die jeweilige Sprache vor Ort. Die für sie wichtigen Schnittstellen in der Zentrale sollten mehrsprachig sein.

In der Zentrale wird die Heimatsprache gesprochen, in den Märkten die jeweilige Sprache – ist damit schon alles gesagt? Die Einigkeit, mit der die Podiumsteilnehmer das Thema offenbar besprachen, verleitete sie nicht dazu, den Stellenwert des Deutschen als Fremdsprache allzu positiv zu sehen. Gert Wagner reagierte auf die Frage, welche Vorteile das Deutsche deutschen Unternehmen biete, denkbar knapp: „Keine.“

Andererseits wies Dr. Bruno Gross darauf hin, dass die Nachfrage nach Deutschkursen des Goethe-Instituts im Ausland steige, etwa in Spanien und Japan – auch weil die Menschen sich dadurch mehr Jobmöglichkeiten erhoffen. Deutsch werde heute weltweit mehr gesprochen als noch vor zehn bis 15 Jahren. Demnach ist die Attraktivität einer Sprache für Nichtmuttersprachler auch ein Gradmesser für den wirtschaftlichen Erfolg des betreffenden Landes. Da war er wieder, der Pragmatismus, mit dem sowohl deutsche als auch internationale Arbeitskräfte die Attraktivität der deutschen Sprache beurteilen.


Andreas Unger, Projektschreiber DEUTSCH 3.0

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