Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen


Vom Geist des „German Engineering“. Deutsch für Ingenieure in Darmstadt


Die Seminare und Labore der Ingenieurwissenschaften sind auch in Deutschland international besetzt. Sollte man da nicht gleich Forschung und Lehre auf Englisch machen? Oder gibt es ein Konstruieren „Made in Germany“, das nur auf Deutsch gedacht und vermittelt werden kann? An der TU Darmstadt ging man bei der Veranstaltung „Brauchen Ingenieure Deutsch?“ diesen Fragen auf den Grund.

Foto: Karsten Kaufmann

Das humanistische Gymnasium hat es dem Informatiker Hans-Ulrich Heiss nicht leicht gemacht. Das große Latinum und das Graecum habe es ihm beschert, erzählte der Vizepräsident der TU Berlin bei der DEUTSCH-3.0-Veranstaltung „Brauchen Ingenieure Deutsch?“, die die TU Darmstadt gemeinsam mit den Sprachenzentren der neun führenden Technischen Universitäten in Deutschland (TU9) und dem Dachverband der ingenieurwissenschaftlichen Fakultätentage (4ING) am 13. November 2014 abhielt. Viel tote Sprache – „aber nur fünf Jahre Englischunterricht“.

Während des Informatikstudiums in Karlsruhe habe er in seiner traditionell durch die US-Forschung dominierten Disziplin mühsam Englischkenntnisse erwerben müssen, „um wenigstens die Fachliteratur lesen zu können“, sagte Heiss im Hörsaal, der mit rund 60 teils erfreulich jungen Interessenten aus den sprach- und ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten von 14 Hochschulen sowie Vertretern aus der Industrie gut besucht war – und durch eine Delegation von Schulleitern und Deutschlehrenden aus Indien internationales Flair erhielt.

Trotz dieses schweren Wegs – oder vielleicht gerade deswegen – sprach sich Heiss in Darmstadt vehement dafür aus, zumindest die Masterprogramme in den sogenannten MINT-Fächern der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik gänzlich auf Englisch abzuhalten. Sich in den Ingenieurwissenschaften an Deutsch als Studier- und Wissenschaftssprache zu klammern, führe in die „provinzielle Bedeutungslosigkeit“.

„DER ZUG IST DURCH“

„Wir haben als Universitäten den Auftrag, unsere Studierenden für die Berufswelt zu qualifizieren“, lautete Heiss’ pragmatischer Ansatz. Um bestmöglich auf einen globalen Arbeitsmarkt vorzubereiten, auf dem Englisch „heute fast eine Selbstverständlichkeit darstellt“, seien englischsprachige Studiengänge unabdingbar. Den Universitäten riet Heiss, im Rahmen einer zunehmenden Internationalisierung des Lehrbetriebs weitgehend auf Englisch umzuschwenken, um im Konkurrenzkampf mit den Top-Hochschulen von Paris, Mailand, Stockholm oder Zürich die besten Köpfe aus dem Ausland nach Deutschland zu locken.

Deutsch als Wissenschaftssprache sei in den MINT-Fächern nicht mehr zu retten, alles Jammern zwecklos: „Der Zug ist durch.“ Diesen Realitäten müsse man sich stellen – zumal sich in den Ingenieurwissenschaften auf Englisch alles ebenso gut wie im Deutschen sagen ließe. „Die Sprachgestalt eines Gedankens ist uns nicht wichtig“, konstatierte Heiss in Darmstadt. „Die Präzision des Gedankens liegt in den MINT-Fächern meist in der mathematisch-formalen Notation, die nicht an die natürliche Sprache gebunden ist.“ Die Terminologie Martin Heideggers oder ein japanisches Haiku ließen sich vielleicht nicht angemessen übersetzen. „Aber in den MINT-Fächern geht es weder um Heidegger noch um Haikus.“

„DEGREES COURSES IN GERMAN!“

Foto: Karsten Kaufmann

In Darmstadt war aber konzeptionell zumindest Hegel mit im Spiel. Dessen dialektischer Dreischritt aus These („Studiengänge auf Englisch!“), Antithese („Studiengänge auf Deutsch!“) und Synthese („Studiengänge auf Englisch und Deutsch!“) war in der Dramaturgie der Veranstaltung, die mit dem Anglisierungspaukenschlag begann, klar zu erkennen. Und auch Humboldt spielte eine Rolle. Denn das Heiss’sche Argument, dass in den Ingenieurwissenschaften Kultur und Sprache gänzlich ausgeblendet werden könnten, wollte der nächste Redner, Cameron Tropea, ganz und gar nicht gelten lassen.

Es gibt einen speziellen Geist des „German Engineering“, den man nur auf Deutsch vermitteln könne, lautete Tropeas zentrale These. Tradition sei ein wesentlicher Faktor, der deutsche Ingenieurskunst weltweit zu einer festen Marke mache, vor allem aber eine bestimmte Form von kultureller Disposition. Dass der kanadischstämmige Leiter des Fachgebiets „Strömungslehre und Aerodynamik“ an der TU Darmstadt sein äußerst originell vorgetragenes Plädoyer für eine muttersprachliche Ingenieurwissenschaft in Deutschland nicht auf Deutsch, sondern auf Englisch hielt, verlieh seinen Ausführungen eine ironische Note – und war dabei äußerst konsequent.

WASCHLAPPEN ODER PROBLEMLÖSER

Ausländischen Studentinnen und Studenten der Ingenieurwissenschaften täte man keinen Gefallen, wenn man ihnen mit englischsprachigen Studiengängen den Anreiz nähme, die Landessprache zu erlernen, legte Tropea nahe. Ihre deutschsprachigen Kommilitonen – an der TU Darmstadt immerhin 80 Prozent der Studierenden – könnten auf schlecht Englisch sprechende deutsche Dozenten ohnehin verzichten. Letztere verlören durch Englisch in der Lehre zudem an Authentizität und Glaubwürdigkeit – nicht zuletzt durch einen „lack of anecdotes“.

Was Tropea damit meinte, illustrierte er in seinem Vortrag etwa dadurch, dass er die eigene Einsicht in die kulturelle Komponente deutscher Ingenieurskunst in eine Anekdote kleidete. Letztendlich verdanke er diese Einsicht nämlich seiner deutschen Frau: Sobald das Garagentor oder die Kühlschranktür klemmten, erwarte sie von ihrem Mann aus Toronto, das Problem spätestens am Wochenende behoben zu haben: „Otherwise I am a Waschlappen.“ Dass dieses „typisch deutsche“ Denken in der Praxis dazu führt, nicht nur, aber auch beim Konstruieren von Garagentoren und Kühlschranktüren auf die perfekte Funktion von Schließmechanismen zu achten, erklärte sich da von selbst.

DER „WIRKZUSAMMENHANG“ WIRKT NUR AUF DEUTSCH

Auf den wichtigen und oft vergessenen Punkt einer landes- und sprachspezifischen Kultur der Ingenieurwissenschaften hatten im Vorfeld schon die Begrüßungsworte von Manfred J. Hampe abgezielt, der an der TU Darmstadt das Fachgebiet „Thermische Verfahrenstechnik“ leitet und die Veranstaltung gemeinsam mit der Leiterin des dortigen Sprachenzentrums, Britta Hufeisen, organisiert hatte.

Hampe verwies darauf, dass es eine spezifisch deutsche Art des Konstruierens gebe, die nur in deutscher Sprache zu vermitteln sei – und dies nicht nur wegen einer kaum übersetzbaren Fachterminologie („Wirkzusammenhang“), sondern vor allem auch wegen der damit verbundenen kulturellen Bezüge und Assoziationen. Studenten kämen nach Deutschland, um „auf Deutsch konstruieren zu lernen“, gab Hampe an. Dieses auch Erkenntnis fördernde Alleinstellungsmerkmal dürfe man sich nicht nehmen lassen. Und: „Wenn wir auf Englisch unterrichten, verlieren wir selbst ein Stück kulturelle Identität.“

Was bei Heiss der „kulturelle Graben“ war, „den wir noch überwinden müssen“, das war bei Hampe und Tropea also die kulturelle Brücke.

PROBLEM ERKANNT, GEFAHR VERSTÄRKT?

Spätestens in den Diskussionen nach den Beiträgen von Heiss und Tropea wurde klar, dass innerhalb der Ingenieurwissenschaften offenbar ganz unterschiedliche, teils fachspezifische Wissenschaftsauffassungen herrschen – und dass pragmatisch-formallogisch denkende Informatiker und kulturell argumentierende Maschinenbauer auch auf Deutsch nicht unbedingt dieselbe Sprache sprechen. Dies zeigte auch die radikale Idee aus dem Publikum, mit der als Anglisierung verstandenen Internationalisierung der deutschen Hochschullandschaft nicht auf Dozentenebene stehen zu bleiben: Schließlich könne es nicht angehen, dass Studierende ohne Deutschkenntnisse bei Schwierigkeiten im Unialltag den Hausmeister nicht verstünden, weil dieser des Englischen nicht mächtig sei. Da stellte sich mancher im Plenum die Frage, ob da nicht aus dem richtig erkannten Problem die völlig falschen Schlüsse gezogen würden.

Foto: Karsten Kaufmann

Dass ein Deutsch verstehender und sprechender Student in Deutschland vielleicht zielführender sein könnte als ein Englisch sprechender Hausmeister – darauf verwies dann im dritten, versöhnenden Vortrag Ursula Paintner vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). Sie plädierte für eine „akademische Mehrsprachigkeit“, die Englisch und Deutsch für angehende Ingenieure aus dem In- und Ausland in Einklang bringt. Paintner zeigte auf, dass die Abbrecherquote bei Studierenden mit schlechten Deutschkenntnissen ungleich höher sei als bei Studierenden mit Deutschkompetenz – und dass es psychologisch von zentraler Bedeutung ist, sich auf Ämtern, bei Feiern oder in Bäckereien in der Landessprache unterhalten zu können.

INTEGRATION UND MITTELSTAND

„Sprache ist ein wichtiger Erfolgsfaktor“, hielt Paintner fest. „Und die Kenntnis der Muttersprache des Landes, in dem ich studiere, ist auch für die soziale Integration unabdingbar.“ In diesem Sinne forderte sie eine Hochschulpolitik, die Sprachenerwerb schon in den Curricula als verpflichtend verankert und „Zeit zum Sprachenlernen bereitstellt“ – nicht zuletzt auch, um angehende Ingenieure nach ihrem Abschluss „im Land zu halten“.

Hierzulande setzt zumindest der Mittelstand als Rückgrat der deutschen Wirtschaft immer noch auf Deutsch als Firmensprache. Darauf hatte schon Cameron Tropea aufmerksam gemacht. Und das belegte auch die aufgeregte E-Mail eines mittelständischen Unternehmers, die Britta Hufeisen in Auszügen verlas und die die zunehmende Dominanz des Englischen in Wissenschaft und Wirtschaft scharf kritisierte. Von dieser Emotionalität ließ sich in Darmstadt während der stets sachlich geführten Diskussion glücklicherweise niemand anstecken.

INDIEN LERNT GERNE DEUTSCH

Brauchen Ingenieure also Deutsch – und wenn ja: wie viel? Sollten sich Studierende der Informatik, der Elektrotechnik oder des Maschinenbaus mit Blick auf internationale Karrieren nicht lieber auf die Vervollkommnung ihrer Englischkompetenzen konzentrieren – oder gibt es mit deutschen Bachelor- und englischen Masterstudiengängen für die Lehre an deutschen Hochschulen gar einen goldenen Mittelweg? Und: Muss nicht jede Wissenschaft ohnehin die Sprache jener Gesellschaft sprechen, die sie zum Teil mit Steuergeldern finanziert und mit der sie sich verständigen muss?

Foto: Karsten Kaufmann

Abschließend beantwortet werden konnten diese Fragen natürlich auch in Darmstadt nicht. Aber es zeigte sich, dass je nach Disziplin und Studiengang maßgeschneiderte Konzepte nötig sind. Und schon der Umstand, so viele Sprach- und Ingenieurwissenschaftler zu einem Thema an einem Ort versammelt zu haben, das offenbar auch den Ingenieuren von morgen unter den Nägeln brennt, war schon ein großer Erfolg. „Ein echter Diskurs“, betonte auch Organisatorin Britta Hufeisen, „ist zwischen diesen Disziplinen zuvor nicht zustande gekommen.“ Mit „Brauchen Ingenieure Deutsch?“ ist nun ein wichtiger erster Schritt gemacht. „Jetzt müssen Studien und Forschungsprojekte folgen, um das, was wir hier nur als Thesen gegeneinanderstellen konnten, auch tatsächlich zu belegen.“

Vielleicht könnte sich dabei ja sogar erweisen, dass die Hochschulen mit einem Angebot an dezidiert deutschsprachigen Studiengängen auch in den Ingenieurwissenschaften „Made in Germany“ ihre Attraktivität noch erhöhen. Bei der indischen Delegation in Darmstadt jedenfalls rief die Diskussion um die Dominanz des Englischen und den damit verbundenen Verlust kultureller Identität ein gewisses Kopfschütteln hervor. „Sie werden respektiert“, meldete sich einer der Schulleiter fast schon beschwörend zu Wort. „Sie sollten keine Kompromisse machen.“ Und: „Wir in Indien haben keine Probleme damit, Deutsch zu lernen.“


Thomas Köster, Projektschreiber DEUTSCH 3.0

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