Dokumentation der bisherigen Veranstaltungen


Von der Sprache zum Produkt. „Deutsche Fachsprache“ in Berlin

© Thomas Köster


Durch die Dominanz des Englischen als globale Verkehrssprache hat es Deutsch auch in der Wirtschaft schwer – aber nicht überall. Dies zeigte eine DEUTSCH-3.0-Veranstaltung in Berlin. Überraschendes Fazit: In bestimmten Bereichen ist eine verständliche und konsistente deutsche Fachsprache ökonomisch unerlässlich – auch als Basis für die mehrsprachige Kommunikation von „Global Playern“.

Was um alles in der Welt ist ein Kombigerät? Für den Diplomingenieur Jerome Leicht von der Bosch Thermotechnik GmbH aus Wernau bei Stuttgart war das schon immer sonnenklar. „Ein Kombigerät ist ein Heizgerät, das an der Wand hängt und Warmwasser direkt im Durchlaufprinzip ohne Speicherung produziert“, definierte es der Leiter der Abteilung für internationale Produktdokumentation für die rund 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der DEUTSCH-3.0-Veranstaltung „Deutsche Fachsprache als Standortvorteil für den wirtschaftlichen Erfolg“ in den Räumen des Deutschen Instituts für Normung e. V. (DIN) in Berlin. „Als ich aber mit Kollegen eines anderen Unternehmens zusammensaß und von ‚Kombigerät‘ sprach, da sah ich nur in fragende Gesichter.“

VIELE WÖRTER, EINE SACHE

Das war 2004, als Bosch den damals größeren Mitbewerber Buderus übernahm. „In den gemeinsamen Workshops haben wir dann festgestellt: Wir arbeiten in derselben Branche, wir sind alle in Deutschland tätig, aber: Wir verstehen uns teilweise nicht“, erzählte Leicht in der von DIN gemeinsam mit dem Deutschen Terminologie-Tag (DTT) und dem Rat für Deutschsprachige Terminologie (RaDT) organisierten Veranstaltung. Und dann warf er das „ganze Sammelsurium“ von Benennungen in seiner Präsentation an die Wand: Was für Bosch eine „Kesselthermenpumpe“ war, hieß bei Buderus „Heizungsumwälzpumpe“. Bei genauerer Betrachtung kursierten im Produktangebot des Unternehmens damals noch mindestens sechs weitere Begriffe für die hinlänglich identische Sache.

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In der Bosch Thermotechnik GmbH ist Jerome Leicht unter anderem für Gebrauchsanleitungen und Installationsanweisungen zuständig. Genutzt werden sie von Endkunden und Heizungsmonteuren: Zielgruppen, „die man mit mehreren Begriffen für ein und dasselbe Produkt nur verwirrt“. Nach den Erfahrungen von 2004 begann sich Leicht mit seinem Team deshalb intensiv mit Terminologiearbeit, also der möglichst verständlichen, einheitlichen und eindeutigen Benennung von Dingen und Sachverhalten mit Fachbegriffen zu beschäftigen. Seitdem ist in den Gebrauchs- und Installationsanleitungen der Bosch Thermotechnik GmbH einheitlich von „Heizungspumpe“ die Rede.

In einem Bereich, in dem sprachliche Missverständnisse im schlimmsten Fall zu falscher Montage oder Bedienung führen, war dies laut Jerome Leicht ein wichtiger Schritt: „60 bis 70 Prozent der Beschwerden, die wir bekommen, betreffen Fachbegriffe.“

VON DER SPRACHE ZUM PRODUKT

In Berlin war Jerome Leicht angetreten, den anwesenden Terminologen, Normierungsexperten, Übersetzerinnen, Sprachwissenschaftlern und IT-Spezialisten darzustellen, wie Terminologiearbeit in seinem Unternehmen heute funktioniert. Er beschrieb die komplexen Prozessabläufe, die zur Entstehung von Fachbegriffen führen. Und er erläuterte das Tool, mit dem technische Redakteurinnen und Redakteure, Übersetzerinnen und Übersetzer sowie die Marketingabteilung ihre Texte „generieren“ und überprüfen können.

Bei der Bosch Thermotechnik GmbH kümmert sich eine fest angestellte Terminologin und ein eigens eingerichteter „Terminologiekreis“ in ständigem Austausch mit Entwicklern, Redakteuren, Marketing und Vertrieb um die adäquaten Namen von Produkten und Abläufen. Inzwischen hat Leichts Abteilung sogar Richtlinienfunktion für die Benennungen der Gas-Brennwertgeräte, Öl-Heizkessel und Solarthermie-Produkte des Unternehmens: Bei der Bosch Thermotechnik GmbH mit ihren 13.500 Mitarbeitern und ihrem Jahresumsatz von immerhin 3,1 Milliarden Euro führt der Weg zum Produkt über die Sprache und nicht umgekehrt.

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„ÜBERZEUGUNGSARBEIT IST WICHTIG“

Bei Leichts Unternehmen beruht die firmeninterne Fachsprachenarbeit auf einer Datenbank, die nicht nur die bevorzugten Fachbegriffe vorschlägt, sondern auch Synonyme oder abweichende Schreibweisen aus rund 4.000 im Jahr betroffenen Texten ausfiltern kann. So ist es auch im Unternehmen von Eva-Maria Lewark, die in Berlin aus ihrer eigenen Praxis berichtete. Lewark leitet die Abteilung „Dokumentation und Terminologie“ der Fiducia IT AG aus Karlsruhe, die als einer der größten IT-Dienstleister Deutschlands für rund 700 Banken in Deutschland arbeitet. Das Team der Diplom-Ökonomin erstellt die Produktdokumentation für ein Banksystem, das bundesweit auf knapp 100.000 Arbeitsplätzen läuft. Jeder Technische Redakteur ist hier gleichzeitig Terminologiebeauftragter für die verantworteten Produkte. Bei einer „Terminologiemanagerin“ laufen alle Fäden zusammen.

In Berlin berichtete Lewark von der jahrelangen Überzeugungsarbeit, die nötig war, um bei Mitarbeitern und Managern das Bewusstsein für Terminologiearbeit zu schaffen. Inzwischen aber ist die Terminologiearbeit etabliert und in die Unternehmensprozesse integriert – mit ökonomisch begrüßenswerten Folgen. „Mit unserem Tool reduzieren wir den Recherche-Aufwand der Nutzer in Bezug auf Schreibweisen und Einheitlichkeit der verwendeten Fachbegriffe“, sagte Lewark. Durch einen automatisierten Sprachprüfer habe sich nicht zuletzt auch die Qualität von Pflichtenheften, Fachkonzepten oder Präsentationen verbessert. „Und auch die Kosten wurden gesenkt – auch, weil weniger nachträgliche Änderungen von Fachbegriffen anfallen.“ In der Fiducia IT AG werden alle Texte auf Rechtschreibung, Grammatik, Stil und Terminologie geprüft, bevor sie das Haus verlassen.

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FÜR EINE „CORPORATE LANGUAGE“ UNABDINGBAR

Eine einheitliche muttersprachliche Fachsprache ist in Unternehmen, die ganz oder zum Großteil in Deutschland tätig sind, eigentlich unerlässlich – und zwar für die firmeninterne Kommunikation wie für die Kunden gleichermaßen. So lautete in Berlin die Botschaft. „Unsere Gebrauchs- und Installationsanweisungen müssen einfach auf Deutsch verfasst sein“, resümierte dem entsprechend Jerome Leicht von der Bosch Thermotechnik GmbH, die über ein Drittel ihres Umsatzes in Deutschland macht. „Denn sonst würde uns der Endkunde oder der Installateur überhaupt nicht verstehen.“ Englisch wäre hier wohl das wirtschaftliche Aus.

Dass dies auch für die Erstellung technischer Normen gelten kann, stellte im Anschluss an die Vorträge Volker Jacumeit, Geschäftsführer des DIN-Normenausschusses Terminologie (NAT), heraus. „Jeder hat seine eigenen Begriffe“, lautete das Fazit der Berliner Veranstaltung aus seiner Sicht. „Deshalb ist Terminologie so wichtig: Damit wir alle eine einzige Sprache sprechen.“ Auch DIN-Normen sollte jedermann unmissverständlich verstehen können – das wäre jedenfalls das Ideal.

Eine eigene Fachsprache mit eigenem Wortschatz haben die Dokumentationsabteilungen in den Unternehmen augenscheinlich auch selber entwickelt – wobei sie die spezifischen Möglichkeiten der deutschen Sprache nutzt. Bei Bosch jedenfalls sorgt ein „Terminologiefreigeber“ dafür, dass Fachbegriffe auch tatsächlich verwendet werden dürfen. Trotzdem kommt die IT-gestützte Terminologiearbeit offenbar ebensowenig wie das Marketing in deutschen Unternehmen ohne Anglizismen aus. Da gehört der „Language Checker“ und der „CommandLine Checker“ ebenso zum Generierungsworkflow wie „Reviews“ und „Releases“, die den „Time-To-Market-Prozess“ (Leicht) – also die Produkteinführung – beschleunigen und eine „Corporate Language“ (Lewark) – also eine einheitliche Firmensprache – schaffen.

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BASIS FÜR MEHRSPRACHIGKEIT

Und noch etwas wurde überraschend deutlich in Berlin: Nicht nur für den Mittelstand sorgt ein gut gepflegter deutscher Fachwortschatz für einen Wettbewerbsvorteil. Wer als „Global Player“ auf dem internationalen Markt bestehen will, sollte ebenfalls auf eine eindeutige Benennung seiner Produkte und ihrer Verwendung in der Muttersprache achten. Mit Deutsch scheint dies gut zu gehen. Ausgehend von dieser Quellsprache jedenfalls werden die „Produktinformationen“ der Bosch Thermotechnik GmbH in 30 Sprachen übersetzt. Sollte dies einmal nicht gelingen, muss eben ein neuer deutscher Fachbegriff gefunden werden.

Und auch Eva-Maria Lewarks Terminologie-Team hat seine Datenbank, die eigentlich nur für deutschsprachige Kunden gedacht ist, mehrsprachenkompatibel angelegt: „Damit wir vorbereitet sind, wenn es doch einmal passieren sollte.“ Im globalisierten Wirtschaftsraum weiß man ja nie.

Für eindeutige Fachbegriffe: DIN, DDT und RaDT

Auf nationaler Ebene kümmert sich das Deutsche Institut für Normung (DIN) um technische Standards, Regeln und Leitlinien. Eine verständliche, eindeutige Terminologie soll der 1961 gegründete Normenausschuss Terminologie (NAT) des DIN gewährleisten. Er erarbeitet Standards und Regeln für Fachwörterbücher sowie Übersetzungs- und Dolmetscherdienste. Der NAT ist das deutsche Spiegelgremium für die internationale Terminologiearbeit. Das DIN betreibt auch eine Terminologie-Datenbank (DIN-TERM), die über www.din.de öffentlich zugänglich ist.

Mit rund 300 Mitgliedern ist der 1987 gegründete Deutsche Terminologie-Tag (DTT) der weltweit größte Fachverband seiner Art. Er will der Öffentlichkeit die Bedeutung von fachsprachlicher Arbeit vermitteln, dient als Forum für terminologische Fragen und berät. Hierfür bietet der DTT Weiterbildungsangebote wie Workshops, Seminare und Fachtagungen an und produziert Fachliteratur sowie die Fachzeitschrift „edition“.

Der Rat für Deutschsprachige Terminologie (RaDT) entstand 1994 auf Initiative der UNESCO-Kommissionen von Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er fördert fachsprachliche Kooperationen, unterstützt Aktivitäten und erarbeitet politische bzw. strategische Leitlinien für Terminologie-Arbeit. Mitglieder des RaDT stammen aus Organisationen, Verbänden, Behörden, Firmen sowie Bildungseinrichtungen aus Deutschland, Österreich, Luxemburg, Belgien, Südtirol und der Schweiz.



Thomas Köster, Projektschreiber DEUTSCH 3.0

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